Der de­mo­gra­fi­sche Wan­del in Deutsch­land und der Ver­lust an Kom­pe­ten­zen und kul­tu­rel­lem Ka­pi­tal

[Gast­bei­trag] Laut ei­nes le­sens­wer­ten Ar­ti­kels von Da­ni­el Eckert auf WELT​.DE mit dem Ti­tel “274 Mil­li­ar­den Eu­ro – Deutsch­land dro­hen mas­si­ve Wohl­stands­ver­lus­te” muss Deutsch­land in An­be­tracht der de­mo­gra­fi­sche Si­tua­ti­on schon in 20 Jah­ren ei­nen Ver­lust des Pro-Kopf-Ein­kom­mens von rund 3.700 Eu­ro hin­neh­men. In dem Bei­trag heißt es:

«Wie sehr Deutsch­land und an­de­re In­dus­trie­län­der be­trof­fen sind, ha­ben jetzt Wis­sen­schaft­ler des Ös­ter­rei­chi­schen In­sti­tuts für Wirt­schafts­for­schung Wien (Wi­fo) im Auf­trag der Ber­tels­mann-Stif­tung aus­ge­rech­net. Dem­nach muss die Bun­des­re­pu­blik schon 2040 ei­nen Ver­lust des Pro-Kopf-Ein­kom­mens von rund 3.700 Eu­ro hin­neh­men. […] In Deutsch­land […] wird die schon lan­ge nied­ri­ge Kin­der­zahl durch­schla­gen. “Die Er­wirt­schaf­tung un­se­res Wohl­stands las­tet in Zu­kunft auf im­mer we­ni­ger Schul­tern”, for­mu­liert die Wis­sen­schaft­le­rin. Denn hier­zu­lan­de wird die Be­völ­ke­rung im er­werbs­fä­hi­gen Al­ter den Pro­jek­tio­nen zu­fol­ge in den nächs­ten De­ka­den nicht nur al­tern, son­dern zu­neh­mend auch schrump­fen. Im Jahr 2050 könn­te es hier­zu­lan­de be­reits elf Pro­zent we­ni­ger Men­schen im Al­ter von 15 bis 64 Jah­ren ge­ben als der­zeit.»

Wei­ter heißt es in dem Ar­ti­kel: «Das heißt nicht nur, dass we­ni­ger Er­werbs­tä­ti­ge für im­mer mehr Rent­ner auf­kom­men müs­sen. Den ver­blei­ben­den Ar­beit­neh­mern wird es auch schwe­rer fal­len, die öko­no­mi­sche Dy­na­mik zu er­rei­chen, die das Um­la­ge­ver­fah­ren der ge­setz­li­chen Ren­te sta­bi­li­siert hat. “Em­pi­risch er­reicht die in­di­vi­du­el­le Pro­duk­ti­vi­tät ei­nes Men­schen ih­ren Hö­he­punkt im Le­bens­al­ter von et­wa 50 Jah­ren und geht da­nach lang­sam zu­rück”, so Liza­ra­zo López. Das wir­ke ne­ga­tiv auf die ge­samt­wirt­schaft­li­che Pro­duk­ti­vi­tät.»

Und schließ­lich: «In ab­so­lu­ten Zah­len sind die Wohl­stands­ver­lus­te mas­siv: Im Jahr 2040 fällt das Wachs­tum des rea­len Brut­to­in­lands­pro­dukts (BIP) laut Wi­fo und Ber­tels­mann in Deutsch­land vor­aus­sicht­lich um 274 Mil­li­ar­den Eu­ro nied­ri­ger aus, als es bei kon­stan­ter Be­völ­ke­rung der Fall wä­re. In den Jahr­zehn­ten da­nach dürf­te sich die de­mo­gra­fie­be­ding­te Lü­cke so­gar noch schnel­ler aus­wei­ten. We­gen des stei­gen­den Kon­sums ist spä­tes­tens in den 40er-Jah­ren des 21. Jahr­hun­derts mit ei­ner deut­lich an­zie­hen­den In­fla­ti­on zu rech­nen. Ei­ne Geld­ent­wer­tung von 3,5 bis vier Pro­zent könn­te dann nor­mal sein.»

Ver­lust an Kom­pe­ten­zen

Ich möch­te hin­zu­fü­gen: Die deut­sche Be­völ­ke­rung im er­werbs­fä­hi­gen Al­ter wird in den nächs­ten Jahr­zehn­ten nicht nur al­tern und schrump­fen, wie es die im WELT.DE-Artikel zi­tier­te Stu­die vor­her­sagt, son­dern pro Kopf auch an Kom­pe­ten­zen (Qua­li­fi­ka­tio­nen) ver­lie­ren. Die erst vor we­ni­gen Ta­gen ver­öf­fent­lich­ten Er­geb­nis­se des PI­SA 2018-Tests deu­ten an, wo­hin die Rei­se letzt­lich geht. In den Er­geb­nis­sen schlug sich vor al­lem die Zu­wan­de­rung der letz­ten Jah­re ne­ga­tiv nie­der (sie­he “PI­SA 2018 und die deut­sche Mi­gra­ti­ons­ka­ta­stro­phe” vom 05.12.2019 und “PI­SA 2018: Das Ab­schnei­den von Schü­lern oh­ne Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund” vom 07.12.2019.

Auf­grund der pro­ble­ma­ti­schen de­mo­gra­fi­schen Si­tua­ti­on in Deutsch­land dürf­te es den ver­blei­ben­den Men­schen in Zu­kunft noch schwe­rer fal­len, so­wohl Nach­kom­men groß­zu­zie­hen als auch die er­for­der­li­chen so­zia­len und tech­no­lo­gi­schen An­pas­sun­gen vor­zu­neh­men. Ob sie zu­dem in der La­ge sein wer­den, die Leis­tun­gen für ei­ne im­mer grö­ße­re Zahl an äl­te­ren, pfle­ge­be­dürf­ti­gen Men­schen zu er­brin­gen, darf be­zwei­felt wer­den. Der Um­gang mit Al­ter und Tod wird des­halb in der na­hen Zu­kunft wohl ein an­de­rer als heu­te sein.

Ähn­lich schwer wiegt der Um­stand, dass ei­ne Um­stel­lung der deut­schen Ge­sell­schaft und Wirt­schaft auf kli­ma­neu­tral un­ter den ge­ge­be­nen Um­stän­den kaum ge­lin­gen kann, da es be­reits an den er­for­der­li­chen Fach­kräf­ten für die be­vor­ste­hen­den und zum Teil be­schlos­se­nen Mam­mut­auf­ga­ben man­gelt. Mi­gra­ti­on wird da­bei kei­ne Hil­fe sein, es sei denn, die zu­künf­ti­gen Mi­gran­ten sind mehr­heit­lich in der La­ge, ih­re In­te­gra­ti­on in die deut­sche Ge­sell­schaft selbst­stän­dig (aus ei­ge­nem An­trieb und In­ter­es­se) zu be­trei­ben. Doch wo­her soll­ten solch qua­li­fi­zier­te Men­schen in der in Zu­kunft be­nö­tig­ten Zahl kom­men? Län­der, die über ge­nü­gend vie­le gut aus­ge­bil­de­te und bil­dungs­mo­ti­vier­te Men­schen ver­fü­gen, ste­hen im All­ge­mei­nen vor ähn­lich gro­ßen, kaum lös­ba­ren Zu­kunfts­auf­ga­ben wie Deutsch­land.

Deutsch­land lebt seit meh­re­ren Jahr­zehn­ten von sei­ner Sub­stanz. Al­lein schon auf­grund der sehr nied­ri­gen Ge­bur­ten­ra­ten bei den gut aus­ge­bil­de­ten und be­ruf­lich en­ga­gier­ten Men­schen war das deut­sche Wirt­schaf­ten in der Ver­gan­gen­heit nicht nach­hal­tig ge­nug. Deutsch­land hat sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten – ver­ein­facht aus­ge­drückt – wie ein Forst­be­trieb ver­hal­ten, der zwar gut vom Ab­hol­zen des ei­ge­nen Baum­be­stan­des le­ben kann, es da­bei je­doch ver­säumt hat, recht­zei­tig und aus­rei­chend in die Auf­fors­tung zu in­ves­tie­ren. Ab ir­gend­ei­nem Punkt ist es für ge­gen­steu­ern­de Maß­nah­men dann zu spät.

Ei­ne Kul­tur wird nur so lan­ge fort­be­stehen, wie sie in der La­ge ist, sich selbst zu re­pro­du­zie­ren. Wir schaf­fen dies schon seit vie­len Jah­ren mit un­se­ren ei­ge­nen Nach­kom­men nicht mehr, folg­lich wur­de er­satz­wei­se auf Mi­gra­ti­on ge­setzt und da­bei so­gar in Kauf ge­nom­men, dass et­li­che im­pli­zi­te Nor­men und Vor­ga­ben un­se­rer Kul­tur (wie Un­ver­letz­lich­keit in­di­vi­du­el­ler Ver­fü­gungs­rech­te, staat­li­ches Ge­walt­mo­no­pol, Gleich­be­rech­ti­gung der Ge­schlech­ter, ver­ant­wor­te­te El­tern­schaft, Bil­dungs- und Er­werbs­ori­en­tie­rung etc.) nur ei­nem Teil der Mi­gran­ten ge­läu­fig sind. Und auch, dass et­li­che Zu­ge­zo­ge­ne ih­re Kin­der pri­mär in ih­re ei­ge­ne Kul­tur (bei­spiels­wei­se die Eh­ren­kul­tur) so­zia­li­sie­ren, nicht aber in un­se­re.

Auf die­se Wei­se wird die deut­sche Kul­tur gleich auf zwei­er­lei Ar­ten aus­ge­höhlt: ei­ner­seits durch neue Zu­wan­de­rer, de­ren Mo­ral­sys­te­me (wie die Eh­ren­kul­tur) mit der deut­schen Kul­tur in we­sent­li­chen As­pek­ten un­ver­ein­bar sind, an­de­rer­seits durch de­ren oft­mals zahl­rei­chen Nach­kom­men, die in Deutsch­land in die glei­chen, mit der deut­schen Kul­tur prak­tisch un­ver­ein­ba­ren Mo­ral­sys­te­me ih­rer El­tern so­zia­li­siert wer­den. Ei­ne ech­te In­te­gra­ti­on oder gar As­si­mi­la­ti­on fin­det hier­durch nicht statt, we­der auf­sei­ten der El­tern noch de­ren Kin­der.

Män­ner­über­hang

Die Im­mi­gra­ti­on der letz­ten Jah­re hat aber noch ein wei­te­res be­denk­li­ches Pro­blem ver­ur­sacht: Un­ter den in Deutsch­land le­ben­den (mehr als 10 Mil­lio­nen) Aus­län­dern be­fin­den sich an­teils­mä­ßig viel zu vie­le Män­ner. Dies gilt ins­be­son­de­re für die fort­pflan­zungs­re­le­van­te Al­ters­grup­pe der 18- bis 40-Jäh­ri­gen. Dar­in wa­ren zum 31.12.2018 ge­mäß den Da­ten des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes 55,41% al­ler Per­so­nen männ­lich, das heißt, auf 1,24 männ­li­che Aus­län­der kam nur ei­ne Aus­län­de­rin. In ab­so­lu­ten Zah­len aus­ge­drückt be­stand in der ge­nann­ten Aus­län­der­grup­pe ein Män­ner­über­schuss von ins­ge­samt 530.615 Per­so­nen.

Bei ei­ni­gen Na­tio­na­li­tä­ten sah die Si­tua­ti­on noch deut­lich aus­ge­präg­ter aus. Von den am 31.12.2018 in Deutsch­land le­ben­den Af­gha­nen wa­ren in der ge­nann­ten Al­ters­grup­pe 73,40% männ­lich, das heißt, auf 2,76 Män­ner kam nur ei­ne Frau. Bei den Sy­rern be­trug das Ge­schlech­ter­ver­hält­nis in der glei­chen Al­ters­grup­pe 1,91 Män­ner pro Frau und bei den Gam­bi­ern so­gar 9,85 Män­ner pro Frau. An­ders ge­sagt: Un­ter 11 in Deutsch­land le­ben­den Gam­bi­ern des ge­nann­ten Al­ters wa­ren zum 31.12.2018 im­mer­hin 10 männ­li­chen Ge­schlechts. Das sind letzt­lich un­halt­ba­re Zu­stän­de, die aber in den Me­di­en und von der Po­li­tik kaum je­mals the­ma­ti­siert wer­den.

Hin­zu kommt das Pro­blem des Is­lam mit sei­nen spe­zi­fi­schen Ver­hal­tens- und Hei­rats­re­geln für Mäd­chen und Frau­en. Jun­ge, le­di­ge Mus­li­min­nen ge­hen aus die­sen Grün­den eher sel­ten mit Män­nern aus. Aus den glei­chen Grün­den sind sie abends an­teils­mä­ßig we­ni­ger häu­fig auf den Stra­ßen und auf öf­fent­li­chen Plät­zen an­zu­tref­fen. Is­lam­recht­lich dür­fen gläu­bi­ge Mus­li­min­nen oh­ne­hin nur mus­li­mi­sche Män­ner ehe­li­chen.

In mei­nem Buch “Die Flücht­lings­kri­se” hat­te ich an­hand der Da­ten des Aus­län­der­zen­tral­re­gis­ters auf­ge­zeigt, dass der Män­ner­über­schuss vor al­lem in den Aus­län­der­po­pu­la­tio­nen hoch ist, in de­ren Her­kunfts­land der Is­lam die mit­glie­der­stärks­te Re­li­gi­on und/​oder Po­ly­ga­mie weit ver­brei­tet ist. Der pri­mä­re Grund da­für ist: In Län­dern der be­schrie­be­nen Cha­rak­te­ris­tik bleibt ein nen­nens­wer­ter Teil der männ­li­chen Be­völ­ke­rung le­bens­läng­lich frau­en­los, da wohl­ha­ben­de Män­ner oft­mals meh­re­re Frau­en an sich bin­den. Auf­grund der strik­ten is­la­mi­schen Mo­ral­vor­stel­lun­gen un­ter­hal­ten zu­dem nur ver­gleichs­wei­se we­ni­ge Frau­en se­xu­el­le Be­zie­hun­gen zu meh­re­ren Män­nern. Dar­über hin­aus kann in sol­chen Ge­sell­schaf­ten So­zi­al­sta­tus im All­ge­mei­nen nur durch Hei­rat und Fa­mi­li­en­grün­dung er­wor­ben wer­den. Ein nen­nens­wer­ter An­teil der auf die­se Wei­se aus­ge­grenz­ten part­ner­lo­sen Män­ner macht sich des­halb auf den Weg, um in ei­nem an­de­ren Land sein Glück zu fin­den. Is­la­mi­sche Län­der kom­men als Ziel­län­der da­bei kaum in­fra­ge, da sich die Si­tua­ti­on der jun­gen Män­ner dort kaum bes­sern dürf­te.

Die in Deutsch­land exis­tie­ren­den Aus­län­der­po­pu­la­tio­nen der be­schrie­be­nen Her­kunfts­län­der sind nun aber aus­ge­rech­net die, in de­nen sich die zah­len­mä­ßig oh­ne­hin deut­lich un­ter­re­prä­sen­tier­ten un­ge­bun­de­nen jun­gen Frau­en der glei­chen Na­tio­na­li­tät bei vie­len An­läs­sen (ins­be­son­de­re zu den ty­pi­schen Aus­geh­zei­ten) eher noch ra­rer ma­chen, zu­mal sie von ei­nem Groß­teil ih­rer Lands­män­ner nicht als gleich­be­rech­tigt oder gleich­wer­tig an­ge­se­hen wer­den. Die un­heil­vol­le Kom­bi­na­ti­on die­ser bei­den Um­stän­de (Män­ner­über­schuss; sich rar­ma­chen­de Frau­en) hat das in Deutsch­land im­mer häu­fi­ger zu be­ob­ach­ten­de Phä­no­men der jun­gen mi­gran­ti­schen Män­ner­grup­pen her­vor­ge­bracht.

Män­ner­grup­pen bis hin zu grö­ße­ren Män­ner­an­samm­lun­gen wa­ren in den letz­ten Jah­ren un­ter an­de­rem für die Er­eig­nis­se in der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht 2015/16, manch pro­ble­ma­ti­sche Si­tua­ti­on rund um die Ham­bur­ger Bin­nen­als­ter und zahl­lo­se se­xu­el­le Straf­ta­ten und Ge­walt­de­lik­te ver­ant­wort­lich. Zu be­stimm­ten Uhr­zei­ten sind sie mitt­ler­wei­le in den meis­ten deut­schen Groß­städ­ten reich­lich an­zu­tref­fen, ins­be­son­de­re an den Bahn­hö­fen, in Ver­gnü­gungs­vier­teln und auf mar­kan­ten be­leb­ten Plät­zen. Sie sind Aus­druck ei­nes ernst­haf­ten so­zia­len Pro­blems. Zu­dem sor­gen sie für ei­ne er­heb­li­che Be­ein­träch­ti­gung des Si­cher­heits­ge­fühls im öf­fent­li­chen Raum. Grup­pen oder An­samm­lun­gen von jun­gen Män­nern wir­ken im All­ge­mei­nen an sich schon be­droh­lich. Dies gilt um­so mehr, wenn ein Groß­teil der be­tei­lig­ten Män­ner der Eh­ren­kul­tur zu­ge­hö­rig ist.

Ver­lust an kul­tu­rel­lem Ka­pi­tal durch Ge­bur­ten­ra­ten, Zu­wan­de­rung, So­zia­li­sa­ti­on

Ur­säch­lich für die zu­neh­men­de Aus­höh­lung der deut­schen Kul­tur ist je­doch nicht nur die ver­fehl­te Mi­gra­ti­on der letz­ten Jah­re, bei der über­pro­por­tio­nal vie­le jun­ge Män­ner und der Eh­ren­kul­tur zu­ge­hö­ri­ge Men­schen nach Deutsch­land ge­kom­men sind, son­dern zu we­sent­li­chen Tei­len auch Deutsch­lands we­nig nach­hal­ti­ge Nach­wuchs­ar­beit. Wie Ol­ga Pötsch in ei­ner wis­sen­schaft­li­chen Ar­beit des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes dar­stellt (Pötzsch, Ol­ga (2018): Ak­tu­el­ler Ge­bur­ten­an­stieg und sei­ne Po­ten­zia­le; In: WIS­TA (3), 2018. Wies­ba­den: Sta­tis­ti­sches Bun­des­amt, S. 73–89), ist der in Deutsch­land in den letz­ten Jah­ren be­ob­acht­ba­re leich­te Ge­bur­ten­an­stieg vor al­lem von den aus­län­di­schen Frau­en er­bracht wor­den (S. 74f., sie­he da­zu auch Ab­bil­dung 1 aus Sta­tis­ti­sches Bun­des­amt (De­sta­tis) (2017): Kin­der­lo­sig­keit, Ge­bur­ten und Fa­mi­li­en – Er­geb­nis­se des Mi­kro­zen­sus 2016. Ar­ti­kel­num­mer: 5122203169014. Wies­ba­den: Sta­tis­ti­sches Bun­des­amt, Ta­bel­le 3.12, S. 89):

«Bei den deut­schen Frau­en war die zu­sam­men­ge­fass­te Ge­bur­ten­zif­fer nach der deut­schen Ver­ei­ni­gung lan­ge Zeit sehr nied­rig. Zwi­schen 1991 und 2006 lag sie un­ter 1,3 Kin­dern je Frau und stieg erst im Jahr 2007 auf 1,33 Kin­der je Frau. An­schlie­ßend schwank­te sie zwi­schen 1,33 und 1,37 Kin­dern je Frau, bis im Jahr 2014 ein Sprung auf 1,42 Kin­der je Frau und ei­ne wei­te­re Zu­nah­me im Jahr 2016 auf 1,46 Kin­der je Frau folg­ten.

Bei den aus­län­di­schen Frau­en ist die Fer­ti­li­tät deut­lich hö­her als bei den deut­schen Frau­en. (…) Nach der zen­sus­be­ding­ten Kor­rek­tur der An­zahl der aus­län­di­schen Frau­en be­trug die zu­sam­men­ge­fass­te Ge­bur­ten­zif­fer der Aus­län­de­rin­nen im Jahr 2011 statt der zu­vor aus­ge­wie­se­nen 1,58 Kin­der je Frau nun 1,82 Kin­der je Frau (…). Dies ent­sprach dem Ni­veau der Jah­re 1999 und 2000. In den Jah­ren 2015 und 2016 stieg die Ge­bur­ten­zif­fer der aus­län­di­schen Frau­en wei­ter auf 1,96 be­zie­hungs­wei­se 2,28 Kin­der je Frau.»

Und wei­ter (S. 78): «Beim An­stieg der Ge­bur­ten aus­län­di­scher Müt­ter ha­ben ne­ben der Zu­nah­me und Ver­jün­gung der aus­län­di­schen weib­li­chen Be­völ­ke­rung noch zwei wei­te­re Fak­to­ren ei­ne be­son­de­re Rol­le ge­spielt: Ver­än­de­run­gen in der Zu­sam­men­set­zung der Müt­ter nach der Staats­an­ge­hö­rig­keit und die Zu­nah­me der Ge­bur­ten­häu­fig­keit. Ein Blick auf die zehn Staats­an­ge­hö­rig­kei­ten mit dem größ­ten Bei­trag zur Zahl der Ge­bur­ten aus­län­di­scher Müt­ter in den Jah­ren 2011 und 2016 zeigt, dass acht von zehn Na­tio­na­li­tä­ten in bei­den Jah­ren ver­tre­ten wa­ren. Al­ler­dings rück­ten 2016 Sy­re­rin­nen und Af­gha­nin­nen an­stel­le von Ma­rok­ka­ne­rin­nen und Kroa­tin­nen in die­se Grup­pe neu auf. (…)

Mit Aus­nah­me der Tür­kin­nen wa­ren 2016 die Ge­bur­ten­zah­len bei Frau­en die­ser Na­tio­na­li­tä­ten deut­lich hö­her als im Jahr 2011. Im We­sent­li­chen re­sul­tier­ten die­se Zu­nah­men aus der grö­ße­ren An­zahl der po­ten­zi­el­len Müt­ter in­fol­ge von stär­ke­rer Zu­wan­de­rung. Zu­dem wie­sen 2016 die Frau­en aus Sy­ri­en, dem Ko­so­vo, Af­gha­nis­tan und dem Irak ei­ne auf­fal­lend ho­he Ge­bur­ten­häu­fig­keit auf. Nach ei­ner Schät­zung auf Ba­sis der Ge­bur­ten­sta­tis­tik und der Be­völ­ke­rungs­an­ga­ben des Aus­län­der­zen­tral­re­gis­ters lag die zu­sam­men­ge­fass­te Ge­bur­ten­zif­fer bei Frau­en aus die­sen Staa­ten im Durch­schnitt der Jah­re 2015 und 2016 zwi­schen 3,5 und 4,6 Kin­dern je Frau. Da­mit war sie deut­lich hö­her als die durch­schnitt­li­che Ge­bur­ten­zif­fer al­ler aus­län­di­schen Frau­en in die­sem Zeit­raum (2,1 Kin­der je Frau).»

Für das Jahr 2017 kann noch er­gänzt wer­den, dass laut De­sta­tis Frau­en mit deut­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit ei­ne Fer­ti­li­tät von durch­schnitt­lich 1,45 (Kin­dern je Frau) und Frau­en oh­ne deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit von durch­schnitt­lich 2,15 be­sa­ßen. Bei den aka­de­misch aus­ge­bil­de­ten Frau­en wer­den seit vie­len Jah­ren re­gel­mä­ßig Frucht­bar­keits­zif­fern un­ter 1,4 er­reicht (Sta­tis­ti­sches Bun­des­amt (De­sta­tis) (2017): Kin­der­lo­sig­keit, Ge­bur­ten und Fa­mi­li­en – Er­geb­nis­se des Mi­kro­zen­sus 2016. Ar­ti­kel­num­mer: 5122203169014. Wies­ba­den: Sta­tis­ti­sches Bun­des­amt). Maß­geb­lich ver­ant­wort­lich da­für sind die wei­ter­hin ho­hen Kin­der­lo­sen­ra­ten von Aka­de­mi­ke­rin­nen und der ver­gleichs­wei­se ge­rin­ge An­teil an Mehr­kind­fa­mi­li­en (mit drei oder mehr Kin­dern) un­ter den Fa­mi­li­en mit aka­de­misch aus­ge­bil­de­ten Müt­tern.

Be­mer­kens­wert ist, dass die vier Her­kunfts­län­der, de­ren Frau­en im Jahr 2016 in Deutsch­land “ei­ne auf­fal­lend ho­he Ge­bur­ten­häu­fig­keit auf­wie­sen”, al­le­samt ei­ne deut­li­che mus­li­mi­sche Be­völ­ke­rungs­mehr­heit be­sit­zen (Af­gha­nis­tan: 99,9%; Irak: ca. 97%; Ko­so­vo: ca. 95%; Sy­ri­en ca. 76%). Hin­zu kom­men die Kin­der von Frau­en mit tür­ki­scher (nicht deut­scher) Na­tio­na­li­tät.

Es ist fast un­nö­tig dar­auf hin­zu­wei­sen, dass ein Groß­teil der von den Frau­en der ge­nann­ten Her­kunfts­län­der in die Welt ge­setz­ten Kin­der mit so­zi­al­staat­li­chen Mit­teln groß­ge­zo­gen wird. Da­mit ent­spricht das Nach­wuchs­ver­hal­ten die­ser Frau­en be­reits nicht der in der deut­schen Kul­tur fest ver­an­ker­ten im­pli­zi­ten “Norm der ver­ant­wor­te­ten El­tern­schaft”. In ei­nem – mit dem Re­por­ter­preis prä­mier­ten – Ar­ti­kel der “Ber­li­ner Mor­gen­post” über die im Be­zirk Neu­kölln deut­lich er­höh­te Säug­lings­sterb­lich­keit (fast dop­pelt so hoch wie im Ber­li­ner Durch­schnitt) sind die Ver­hal­tens­ab­wei­chun­gen ge­gen­über der “Norm der ver­ant­wor­te­ten El­tern­schaft” deut­lich her­aus­zu­le­sen: «But­schers Schwan­ger­schafts­be­ra­tung ist ei­ne von nur zwei im gan­zen Be­zirk. Rund 2.500 Frau­en be­riet sie 2017 mit ih­ren Kol­le­gin­nen, wenn es um die Su­che nach Heb­am­men ging, um fi­nan­zi­el­le An­trä­ge und Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen. (…)

In die Be­ra­tung von But­scher kom­men vor al­lem tür­ki­sche und ara­bi­sche Frau­en, in den letz­ten Jah­ren im­mer mehr Ro­ma: “Ge­ra­de die­se Frau­en sind oft sehr jung und krie­gen teil­wei­se fünf Kin­der in vier Jah­ren.” Auch das sor­ge für ein nied­ri­ges Ge­burts­ge­wicht der Säug­lin­ge. Ein Ri­si­ko­fak­tor. Da­zu, sagt But­scher, sprä­chen vie­le nur schlecht Deutsch und kä­men erst ge­gen En­de der Schwan­ger­schaft zu ihr, wenn es für lang­fris­ti­ge Be­ra­tung schon zu spät sei.»

Die zi­tier­ten Sät­ze han­deln letzt­lich von schwers­ten Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, und zwar so­wohl ge­gen­über den Müt­tern als auch ih­ren Kin­dern. Wür­de in Deutsch­land ei­ne (be­din­gungs­lo­se) Kin­der­grund­si­che­rung ein­ge­führt wer­den, wie es von der SPD, den Grü­nen und der Links­par­tei ge­for­dert wird, dann dürf­te es sol­che Fäl­le in Zu­kunft noch deut­lich häu­fi­ger ge­ben.

Auf­grund des zu ver­mu­ten­den nied­ri­gen Bil­dungs­ni­veaus ei­nes Groß­teils der El­tern aus den ge­nann­ten Her­kunfts­län­dern ist auch mit ei­nem an­teils­mä­ßig häu­fi­ge­ren Auf­tre­ten von ge­sund­heit­li­chen Be­ein­träch­ti­gun­gen und Ent­wick­lungs­stö­run­gen bei ih­ren Kin­dern zu rech­nen, wie auf­grund des im Au­gust 2018 ver­öf­fent­lich­ten Kin­der- und Ju­gend­re­ports der Kran­ken­kas­se DAK zu er­war­ten ist:

«Die Bil­dung der El­tern spielt bei der Ge­sund­heit der Kin­der ei­ne grö­ße­re Rol­le als das Ein­kom­men. Oder an­ders: Nicht nur das Geld zählt, son­dern vor al­lem die Hal­tung zu Vor­sor­ge, Er­näh­rung und Be­we­gung. Für den Kin­der- und Ju­gend­re­port der Kran­ken­kas­se DAK wur­den ins­ge­samt über ei­ne Mil­li­on Ver­si­cher­ten­da­ten von Kin­dern und El­tern aus­ge­wer­tet. Da­bei zeigt sich ein kla­res Bild: Von 1.000 Kin­dern von El­tern oh­ne Schul­ab­schluss wa­ren 52 krank­haft über­ge­wich­tig. Bei Kin­dern aus Aka­de­mi­ker-Haus­hal­ten traf das nur auf 15 Kin­der zu.

Bei Ka­ri­es gibt es in bil­dungs­ar­men Fa­mi­li­en fast drei­mal so vie­le Fäl­le wie in bil­dungs­be­wuss­ten El­tern­häu­sern. Auch die An­zahl der Kin­der mit dia­gnos­ti­zier­ter Auf­merk­sam­keits­stö­rung (ADHS) ist in bil­dungs­fer­nen Mi­lieus deut­lich hö­her. Das Ri­si­ko für Ver­hal­tens- und Ent­wick­lungs­stö­run­gen liegt bei Kin­dern und Ju­gend­li­chen, de­ren El­tern kei­nen Ab­schluss ha­ben, deut­lich hö­her als bei Aka­de­mi­ker­kin­dern.»

Auch ist zu er­war­ten, dass die­se Kin­der im Mit­tel ein deut­lich nied­ri­ge­res Bil­dungs­ni­veau als Kin­der von ge­bil­de­ten El­tern er­lan­gen wer­den. Dies gilt um­so mehr, als sie von ih­ren El­tern auch noch in die Eh­ren­kul­tur so­zia­li­siert wer­den, und zu Hau­se und in der Verwandtschaft/​Bekanntschaft kaum Deutsch ge­spro­chen wird. Und da­mit wer­den – ge­mäß den Er­geb­nis­sen der DAK-Stu­die – auch de­ren Kin­der im Mit­tel wie­der über grö­ße­re ge­sund­heit­li­che Be­ein­träch­ti­gun­gen ver­fü­gen als die Kin­der von ge­bil­de­te­ren El­tern. Und da ge­ring ge­bil­de­te El­tern in Deutsch­land im Mit­tel mehr Kin­der in die Welt set­zen als bes­ser aus­ge­bil­de­te El­tern (sie­he Ab­bil­dung 1), dürf­te sich das Pro­blem mit der Zeit ins­ge­samt noch ver­stär­ken.

Im Jahr 2018 leb­ten in Deutsch­land ca. 83,8 Mil­lio­nen Men­schen, dar­un­ter et­wa 10,8 Mil­lio­nen Aus­län­der (oh­ne deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit), was ei­nem An­teil von et­wa 12,5% an der Ge­samt­be­völ­ke­rung ent­spricht. Nach der De­fi­ni­ti­on des Sta­tis­ti­schen Bun­des­amts (nicht der OECD) be­sitzt ei­ne Per­son ei­nen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund, “wenn sie selbst oder min­des­tens ein El­tern­teil nicht mit deut­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit ge­bo­ren wur­de”. Dies traf laut De­sta­tis 2018 auf ca. 20,8 Mil­lio­nen in Deutsch­land le­ben­de Men­schen be­zie­hungs­wei­se ca. 24,8% (et­wa ein Vier­tel) der deut­schen Be­völ­ke­rung zu.

Al­ler­dings ist der Aus­län­der­an­teil in den fort­pflan­zungs­re­le­van­ten Jahr­gän­gen deut­lich hö­her. In der Al­ters­grup­pe 20 bis 40 Jah­re be­trug er im Jahr 2018 fast ex­akt 20 Pro­zent (ein Fünf­tel). Dies lässt ver­mu­ten, dass der An­teil der Per­so­nen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund in die­ser Al­ters­grup­pe mitt­ler­wei­le bei deut­lich über 40 Pro­zent liegt.

Ver­gleich mit Ja­pan und Ko­rea

An­de­re hoch ent­wi­ckel­te Län­der, in de­nen Frau­en und Män­ner glei­cher­ma­ßen Bil­dung er­lan­gen und ei­ner Er­werbs­ar­beit nach­ge­hen, wie et­wa Ja­pan oder Süd­ko­rea, ha­ben sich bis­lang be­harr­lich ei­ner star­ken Mi­gra­ti­on in ihr Land und den da­mit ver­bun­de­nen, kaum ab­seh­ba­ren Fol­gen wi­der­setzt. PI­SA 2018 brach­te es in al­ler Deut­lich­keit her­vor: Der An­teil der Schü­ler oh­ne Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund (nach De­fi­ni­ti­on der OECD) be­trug in Ja­pan 99,4% und in Süd­ko­rea so­gar 99,8%, in Deutsch­land da­ge­gen nur 77,8% (?).

Ein ge­rin­ger An­teil von Men­schen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund, wie er für die ja­pa­ni­sche und süd­ko­rea­ni­sche Be­völ­ke­rung be­steht, kann so­wohl Vor- als auch Nach­tei­le be­sit­zen. Ein Vor­teil ist si­cher­lich, dass die Be­völ­ke­rung hier­durch ins­ge­samt kul­tu­rell ho­mo­ge­ner bleibt. Dies macht sich in Bil­dungs­ver­gleichs­tests un­mit­tel­bar be­merk­bar. So be­leg­ten Ja­pan mit durch­schnitt­lich 527 und Süd­ko­rea mit 526 Punk­ten un­ter den OECD-Mit­glieds­staa­ten in der Dis­zi­plin Ma­the­ma­tik des PI­SA 2018-Ver­gleich­tests in ge­wohn­ter Wei­se die bei­den ers­ten Rän­ge, Deutsch­land lan­de­te mit 500 Punk­ten le­dig­lich auf ei­nem mitt­le­ren 15. Rang. Al­ler­dings: Wä­ren für Deutsch­land aus­schließ­lich die Er­geb­nis­se der Schü­le­rin­nen und Schü­ler oh­ne Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund her­an­ge­zo­gen wor­den, dann ge­hör­te es eben­falls zur OECD-Spit­zen­grup­pe mit ei­nem über­schau­ba­ren Ab­stand zu den bei­den ost­asia­ti­schen Spit­zen­rei­tern.

Ein po­ten­zi­el­ler Nach­teil ei­nes weit­ge­hen­den Ver­zichts auf Ein­wan­de­rung könn­te in ei­ner wei­te­ren Ab­sen­kung der Fer­ti­li­täts­ra­ten be­stehen. Und tat­säch­lich ist die­ses Phä­no­men für Ja­pan und vor al­lem Süd­ko­rea deut­lich fest­zu­stel­len (sie­he Ab­bil­dung 2).

Ge­mäß Pres­se­be­rich­ten soll die süd­ko­rea­ni­sche Fer­ti­li­tät in den Jah­ren 2016 bis 2018 die fol­gen­den sehr nied­ri­gen Wer­te an­ge­nom­men ha­ben:

► 2016: 1,17
► 2017: 1,05
► 2018: 0,98

Da­mit wä­re Süd­ko­rea das ers­te in­dus­tria­li­sier­te Flä­chen­land, des­sen Fer­ti­li­tät in ei­nem Jahr un­ter die ma­gi­sche Gren­ze von 1 ge­fal­len ist. Bei Stadt­staa­ten wie Sin­ga­pur, Hong­kong oder Mo­na­co wird die Gren­ze al­ler­dings be­reits seit et­li­chen Jah­ren zum Teil deut­lich und re­gel­mä­ßig un­ter­schrit­ten.

Die süd­ko­rea­ni­sche Ge­gen­stra­te­gie zu die­ser be­mer­kens­wer­ten Fer­ti­li­täts­ent­wick­lung (von ca. 6,3 Kin­dern je Frau in den 1950er Jah­ren auf 0,98 in 2018) scheint zu lau­ten: Ver­stärk­te In­ves­ti­tio­nen in die Bil­dung und ri­go­ro­se Automatisierung/​Digitalisierung, um mit we­ni­ger Men­schen das glei­che pro­du­zie­ren und leis­ten zu kön­nen. Die Stra­te­gie dürf­te bis­lang wei­test­ge­hend auf­ge­gan­gen sein, denn et­li­che ja­pa­ni­sche und süd­ko­rea­ni­sche Un­ter­neh­men ge­hö­ren un­ge­bro­chen zur Welt­spit­ze in ih­rer je­wei­li­gen Bran­che, das gilt selbst für Deutsch­lands Schlüs­sel­in­dus­trie, der Au­to­mo­bil­in­dus­trie (To­yo­ta, Hon­da, Su­zu­ki; Hyundai/​Kia). Ja­pan hat in den letz­ten Jahr­zehn­ten zu­dem ei­ni­ge schwers­te Erd­be­ben­ka­ta­stro­phen über­ste­hen müs­sen. Und Süd­ko­rea hat in 2018 er­folg­reich die Olym­pi­schen Win­ter­spie­le in Pyeong­chang aus­ge­rich­tet. Ein schwe­rer Fach­kräf­te­man­gel ist folg­lich in bei­den Län­dern noch im­mer nicht zu se­hen.

Al­ler­dings kann dies auch täu­schen. Denn an­ders als in Deutsch­land wa­ren die Ge­bur­ten­zif­fern in Süd­ko­rea in den 1950er- bis 1970er-Jah­re zum Teil ex­trem hoch (in et­li­chen Jah­ren > 6, sie­he Ab­bil­dung 2). So­gar im Jahr 1980 be­trug die süd­ko­rea­ni­sche Fer­ti­li­täts­ra­te noch 2,89. Dies spricht da­für, dass die Er­werbs­be­tei­li­gung der Frau­en in Süd­ko­rea bis An­fang der 1980er-Jah­re recht nied­rig war. Durch Bil­dungs­ex­pan­si­on und ei­ne grö­ße­re Er­werbs­be­tei­li­gung der Frau­en kann die Zahl der Er­werbs­per­so­nen je­doch selbst dann wei­ter ge­stei­gert wer­den, wenn die Jahr­gangs­grö­ßen rück­läu­fig sind. Durch Ra­tio­na­li­sie­rung, Au­to­ma­ti­sie­rung und Di­gi­ta­li­sie­rung kön­nen zu­gleich wei­te­re Per­so­nal­ein­spa­run­gen er­zielt wer­den. Da Ja­pan und Süd­ko­rea prak­tisch voll­stän­dig auf Mi­gra­ti­on ver­zich­ten, ent­fal­len auch die ge­ge­be­nen­falls er­for­der­li­chen auf­wen­di­gen In­te­gra­ti­ons­maß­nah­men, ein­schließ­lich der Fi­nan­zie­rung von nicht er­werbs­fä­hi­gen Mi­gran­ten.

Bei der Fra­ge nach der sinn­vol­len Grö­ßen­ord­nung von Mi­gra­ti­on stel­len die bei­den ost­asia­ti­schen Län­der Ja­pan und Süd­ko­rea in­ter­es­san­te Test­fäl­le dar. Im Ran­king des Hu­man De­ve­lop­ment In­de­xes (HDI) lie­gen sie in et­wa auf der glei­chen Hö­he wie Groß­bri­tan­ni­en, die USA oder Ös­ter­reich und noch vor an­de­ren ent­wi­ckel­ten Län­dern wie Frank­reich. Der Punk­te­ab­stand zu Deutsch­land ist recht ge­ring. In der Mi­gra­ti­ons­de­bat­te wird ger­ne be­haup­tet, dass der deut­sche Wohl­stand oh­ne die Auf­nah­me von Mil­lio­nen Mi­gran­ten nicht hät­te er­ar­bei­tet wer­den kön­nen, dass Deutsch­land al­so oh­ne ei­ne be­trächt­li­che Mi­gra­ti­on ge­wis­ser­ma­ßen nicht exis­tie­ren kön­ne. Die mit Deutsch­land durch­aus ver­gleich­ba­ren Län­der Ja­pan und Süd­ko­rea ha­ben je­doch ein­drucks­voll vor­ge­führt, dass die­se Aus­sa­ge so nicht halt­bar ist.

Um­ge­kehrt ha­ben Ja­pan und Süd­ko­rea aber auch be­wie­sen, dass der de­mo­gra­fi­sche Wan­del in Deutsch­land selbst bei ei­nem weit­ge­hen­den Ver­zicht auf Ein­wan­de­rung nicht auf­halt­bar ge­we­sen wä­re. Er hät­te sich un­ter den ge­ge­be­nen Ver­hält­nis­sen in je­dem Fall er­eig­net, ganz gleich, ob auf ei­ne um­fang­rei­che Ein­wan­de­rung ver­zich­tet wird oder nicht.

Es kann des­halb mit den sehr nied­ri­gen Fer­ti­li­täts­ra­ten in hoch ent­wi­ckel­ten Län­dern wie Deutsch­land, Ja­pan und Süd­ko­rea nicht be­lie­big so wei­ter­ge­hen. Der ein­gangs zi­tier­te WELT.DE-Artikel hat dies für Deutsch­land sehr deut­lich ge­macht. Dau­er­haft schrump­fen­de Jahr­gangs­grö­ßen ha­ben zwangs­läu­fig zur Fol­ge, dass die Men­schen auf lan­ge Sicht mit so vie­len Auf­ga­ben kon­fron­tiert wer­den (ei­ge­ne Ver­sor­gung, Ver­sor­gung der zah­len­mä­ßig grö­ße­ren äl­te­ren Ge­ne­ra­tio­nen, An­pas­sung an den in­ter­na­tio­na­len Wett­be­werb, Er­neue­rung der In­fra­struk­tur, Ka­ta­stro­phen­be­wäl­ti­gung, Kli­ma­schutz, Um­welt­schutz, Um­stel­lung auf ei­ne kli­ma­neu­tra­le Wirt­schafts­wei­se, Si­cher­heit, Lan­des­schutz), dass sie kaum mehr Zeit für ei­ge­nen Nach­wuchs ha­ben. Oder in der Ter­mi­no­lo­gie der Sys­te­mi­schen Evo­lu­ti­ons­theo­rie for­mu­liert (sie­he mein Buch “Was ist Le­ben?”): Die Men­schen sind un­ter die­sen Be­din­gun­gen so sehr mit der Re­pro­duk­ti­on ih­rer so­zio­kul­tu­rel­len Kom­pe­ten­zen be­schäf­tigt, dass sie kei­ne Zeit mehr für die Re­pro­duk­ti­on ih­rer ge­ne­tisch be­ding­ten Kom­pe­ten­zen ha­ben. Die Ge­bur­ten­ra­ten sin­ken in der Fol­ge wei­ter, ir­gend­wann er­rei­chen sie schließ­lich den Wert null, und die Po­pu­la­ti­on ist aus­ge­stor­ben.

An­ders als in Ja­pan oder Süd­ko­rea be­schränkt sich der be­schrie­be­ne Schrump­fungs­pro­zess in Deutsch­land pri­mär auf Deut­sche oh­ne Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund und Men­schen mit ho­her Bil­dung, al­so pri­mär auf die ei­gent­li­chen Kul­tur­trä­ger, die sich auf na­tür­li­che Wei­se zu den Nor­men der deut­schen Leit­kul­tur be­ken­nen.

Die Rück­kehr des Pa­tri­ar­chats?

Ab­schlie­ßend stel­len sich noch die fol­gen­den drei Fra­gen:

► Was hat den de­mo­gra­fi­schen Wan­del in den hoch ent­wi­ckel­ten Län­dern (mit un­ter­schied­li­chen Kul­tu­ren) in Gang ge­setzt?

Die ei­gent­li­chen Aus­lö­ser des de­mo­gra­fi­schen Wan­dels wa­ren nach mei­nem Da­für­hal­ten die Pil­le und in de­ren Fol­ge die Gleich­be­rech­ti­gung der Ge­schlech­ter. Man könn­te auch um­ge­kehrt fra­gen: Stün­de Deutsch­land heu­te vor den glei­chen Pro­ble­men, wenn auch nach 1970 pri­mär Män­ner ei­ner Er­werbs­ar­beit nach­ge­gan­gen wä­ren, wäh­rend die Frau­en sich vor­ran­gig um die Fa­mi­li­en­ar­beit ge­küm­mert hät­ten? Ich se­he kei­nen Grund da­für. Mei­ner Mei­nung nach hät­te es dann nicht ein­mal die Mi­gra­ti­on der ver­gan­ge­nen Jah­re ge­ge­ben.

► Was ge­schieht mit den be­trof­fe­nen Län­dern be­zie­hungs­wei­se Kul­tu­ren, wenn der de­mo­gra­fi­sche Wan­del nicht auf­ge­hal­ten wer­den kann?

Die Kul­tu­ren wer­den ent­we­der ver­schwin­den und bei aus­rei­chen­der Schwä­che schließ­lich von Ein­wan­de­rern über­rannt (Ja­pan, Süd­ko­rea), oder sie wer­den von in­nen aus­ge­höhlt und er­setzt (Deutsch­land). Manch ei­ner wür­de in die­sem Zu­sam­men­hang viel­leicht von ei­nem Be­völ­ke­rungs­tausch spre­chen, ich hal­te den Aus­druck Kul­tur­tausch für an­ge­mes­se­ner. Und es scheint mir durch­aus wahr­schein­lich zu sein, dass in Zu­kunft ei­ne pa­tri­ar­cha­li­sche is­la­mi­sche Kul­tur in­ner­halb der ak­tu­el­len deut­schen Gren­zen do­mi­nie­ren wird.

► Wie kann der de­mo­gra­fi­sche Wan­del auf­ge­hal­ten wer­den, so­dass die be­trof­fe­nen Län­der wie­der zu ei­ner nach­hal­ti­gen Nach­wuchs­ar­beit zu­rück­keh­ren?

Mei­ner Mei­nung nach nur auf zwei un­ter­schied­li­che Wei­sen:

- Rück­kehr zu ei­nem strik­ten Pa­tri­ar­chat (in dem die Frau­en bei­spiels­wei­se oh­ne aus­drück­li­che Er­laub­nis kei­ner Er­werbs­ar­beit nach­ge­hen dür­fen). Ein sol­cher Weg ist zwar nicht mit un­se­rer Ver­fas­sung ver­ein­bar, den­noch be­sitzt er gu­te Chan­cen, sich schließ­lich durch­zu­set­zen. Und zwar auf­grund des simp­len Um­stands, dass ei­ne in Deutsch­land über­aus ho­fier­te Re­li­gi­on letzt­lich ge­nau das durch­zu­set­zen ver­sucht.

- Ein­füh­rung ei­nes gut be­zahl­ten Aus­bil­dungs­be­rufs für Fa­mi­li­en­ar­beit mit ei­ge­nen Kin­dern. Das Kon­zept be­sitzt die Nach­tei­le, dass es a) ei­nen Teil der ge­bil­de­ten Frau­en dem pri­mä­ren Ar­beits­markt ent­zieht und b) vom Kern her ma­tri­ar­cha­lisch ist. Da­mit kol­li­diert es mit den Nor­men und Mo­ral­vor­stel­lun­gen der abra­ha­mi­ti­schen Re­li­gio­nen (Ju­den­tum, Chris­ten­tum, Is­lam). Um­ge­kehrt dürf­te es der ein­zi­ge Weg sein, der die dau­er­haf­te nach­hal­ti­ge Re­pro­duk­ti­on von Kul­tu­ren, in de­nen die Ge­schlech­ter gleich­be­rech­tigt sind, ge­währ­leis­ten kann, und zwar oh­ne An­wen­dung von Zwangs­maß­nah­men. Ver­ein­facht ge­sagt: Es ist der ein­zi­ge Weg, der die vor­han­de­ne Kul­tur er­hält. Das Kon­zept wür­de zu­dem ei­ne gra­vie­ren­de ak­tu­el­le Lü­cke in der Gleich­be­rech­ti­gung der Ge­schlech­ter schlie­ßen.

Nach mei­ner Kennt­nis gibt es in Deutsch­land ak­tu­ell kei­ne Par­tei, die das Pro­blem des de­mo­gra­fi­schen Wan­dels wirk­lich ernst nimmt. Es fin­den auch kei­ne in­ten­si­ven De­bat­ten da­zu statt, we­der in den Wis­sen­schaf­ten, der Po­li­tik, den (so­zia­len) Me­di­en noch sonst wo. Es ist ei­gent­lich kaum zu be­grei­fen: Mo­men­tan sind gan­ze Kul­tu­ren da­bei (und zwar an völ­lig un­ter­schied­li­chen Lo­ka­tio­nen auf der Er­de), sich selbst aus­zu­lö­schen und von der Er­de zu ver­schwin­den, doch nie­mand scheint sich dar­an zu stö­ren

Au­tor: Pe­ter Mersch (Gast­au­tor)

Links:
Der Ver­lust ei­ner Le­bens­welt – und die Ent­ste­hung neu­er Üb­lich­kei­ten (Ti­chys)
Ethi­scher Rea­lis­mus und Mi­gra­ti­on (Zwie­denk)
Die Par­tei­en, die Deut­schen und das fal­sche Le­ben im rich­ti­gen (Schel­men­streich)

Die Par­tei­en, die Deut­schen und das fal­sche Le­ben im rich­ti­gen

Ti­tel­bild: Bun­des­ar­chiv, Bild 183-Z0309-310 / G. Bey­er / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de], via Wi­ki­me­dia Com­mons

Kommentar hinterlassen zu "Der de­mo­gra­fi­sche Wan­del in Deutsch­land und der Ver­lust an Kom­pe­ten­zen und kul­tu­rel­lem Ka­pi­tal"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


5 × 4 =