Der Jun­ge muss an die fri­sche Luft

Die Ruinen von Guernica 5603/37

[Gast­bei­trag] Vor fast fünf Jah­ren war die Mer­kel­sche, im Al­lein­gang be­schlos­se­ne Grenz­öff­nung – An­lass und Auf­takt für mich, hier mehr oder we­ni­ger öf­fent­lich dar­über nach­zu­den­ken, was dies für un­ser Le­ben be­deu­tet. Ich ha­be in vie­len Text­bei­trä­gen und Kom­men­ta­ren ver­sucht, vor ei­ner dro­hen­den Spal­tung der Ge­sell­schaft zu war­nen und da­bei ver­schie­de­ne Per­spek­ti­ven ein­ge­nom­men. Zu­letzt ha­be ich mehr und mehr Par­tei für die er­grif­fen, die nach mei­ner Über­zeu­gung oh­ne je­de recht­li­che Le­gi­ti­ma­ti­on aus dem de­mo­kra­ti­schen Wil­lens­bil­dungs­pro­zess aus­ge­grenzt wer­den. Ich hal­te dies für ein Spiel mit dem Feu­er, aber Ver­nunft ist in die­sen Ta­gen des Hau­ens und Ste­chens kei­ne re­le­van­te Ka­te­go­rie mehr.

In Deutsch­land hat sich ei­ne, von Me­di­en re­gel­recht ein­ge­peitsch­te Form der Be­ses­sen­heit ent­wi­ckelt, die ei­nen gro­ßen Teil der Men­schen und zwar in ver­schie­de­nen po­li­ti­schen La­gern in Angst und Ver­zweif­lung treibt. Wir se­hen heu­te rechts wie links ei­ne na­he­zu de­ckungs­gleich be­grün­de­te Pa­nik. Hier wie da wer­den jetzt Flucht­län­der ge­checkt, weil man die dunk­le Herr­schaft der je­weils an­de­ren Bö­se­wich­ter her­auf­zie­hen und für sich kei­ne Zu­kunft mehr sieht. Bei­de La­ger la­men­tie­ren über Fake-News, dunk­le Netz­wer­ke und sprach­li­che Ana­lo­gi­en zum Fa­schis­mus, wer­fen sich ge­gen­sei­tig die Spal­tung, das Aus­gren­zen in der Ge­sell­schaft vor. Zwar darf die AfD laut so­eben ver­kün­de­tem Ge­richts­ur­teil von Bun­des­be­hör­den nicht mehr als ‚rechts­ex­trem‘ be­zeich­net wer­den – es gibt al­so noch ver­ein­zel­te Stim­men der Ver­nunft – aber wen in­ter­es­sie­ren heu­te noch recht­lich ge­zo­ge­ne ro­te Li­ni­en, wenn die ei­ge­nen mo­ra­li­schen doch die viel hö­he­ren „Brand­mau­ern“ dar­stel­len. [Anm. d. Red.: Ur­teil ist be­reits von 2017, die Mel­dung wur­de je­doch jüngst im Mer­kur un­ter dem Da­tum 17.02.2020 an­ge­zeigt] Es wird al­so ganz si­cher nur ein paar Ta­ge dau­ern, bis neue “Sprach­re­ge­lun­gen” für die Aus­sät­zi­gen ge­fun­den sind, die je­de Ver­stän­di­gung auch wei­ter­hin von vorn­her­ein aus­schlie­ßen. Die Gra­ben­kämp­fe wer­den wei­ter­ge­hen, wo­bei die to­ta­le Dis­kurs­ver­wei­ge­rung – hier be­ken­ne ich mich – er­klär­ter­ma­ßen – al­so völ­lig ein­deu­tig auf das Kon­to des links ste­hen­den, vom Sta­tus Quo pro­fi­tie­ren­den Ge­sell­schafts­mi­lieus geht. Und das ist nichts we­ni­ger als ei­ne heim­tü­cki­sche und sehr ge­nau durch­dach­te Kriegs­er­klä­rung an al­le An­ders­den­ken­den.

In­ter­es­sen­kampf ist Da­seins­form. Die Welt sieht am Bo­den an­ders aus als von ei­nem Hü­gel, und wer von ei­ner Welt­raum­sta­ti­on auf die Er­de blickt, hat wie­der­um ein an­de­res Ge­fühl von Raum und Zeit. Es gibt da­her we­der ei­ne Wahr­heit noch Re­zos “ein­zi­ge le­gi­ti­me Mei­nung”. Aber – wir hat­ten uns als ent­wi­ckel­te Nach­kriegs­ge­sell­schaft Re­geln für das Zu­sam­men­le­ben und das Fin­den un­se­rer “Wahr­hei­ten” ge­ge­ben. Wich­ti­ge, her­vor­ra­gend funk­tio­nie­ren­de Re­geln, die lan­ge Zeit Frie­den, Wohl­stand und Si­cher­heit er­mög­licht ha­ben. Re­geln, die in die­sem Mo­ment auf brei­ter Front ad ac­ta ge­legt wer­den, weil die Selbst­be­rei­che­rung rie­si­ger, nicht mehr an der Wett­schöp­fung be­tei­lig­ter Krei­se, die west­li­che Wer­te­ge­mein­schaft an die Ab­sturz­kan­te ge­führt hat und nun nicht mehr so oh­ne wei­te­res funk­tio­nie­ren.

Der Über­le­bens­kampf der Di­no­sau­ri­er

Was wir an­ge­sichts der, nach dem Lie­bes­ent­zug der Ame­ri­ka­ner und dem Brex­it schwin­den­den Re­ser­ven, se­hen, ist der Über­le­bens­kampf der Di­no­sau­ri­er. In­ter­na­tio­na­le, kaum de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­te Bü­ro­kra­tie­mons­ter wie die EU, die UNESCO, die UNO, zig­tau­sen­de fremd­fi­nan­zier­te Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen, der Par­tei­en­filz, ein gi­gan­ti­scher ge­büh­ren­fres­sen­der Me­di­en­kom­plex, frag­wür­di­ge Lehr­stüh­le, For­schungs­in­sti­tu­te und Ver­ei­ne be­an­spru­chen mehr und mehr An­teil am klei­ner wer­den­den Ku­chen und müs­sen sich fra­gen las­sen, was die­sem Heiß­hun­ger ei­gent­lich noch an Out­put für die Ge­sell­schaft ent­ge­gen­steht.

Kein Mensch kann in­zwi­schen mehr nach­voll­zie­hen, was da mit wel­cher Ex­per­ti­se, mit wel­chen Ab­sich­ten und mit wel­chen Fol­gen für uns al­le in Gang ge­setzt wird. Wir sind um­ge­ben von Re­gu­lie­rungs­wut, ab­son­der­li­chen Füh­rungs­fi­gu­ren und ei­nem oh­ren­be­täu­ben­den Alar­mis­mus, bei dem je­der je­den Tag das En­de der Welt aus­ruft. Sei­ner ganz per­sön­li­chen Welt na­tür­lich. Die EU das En­de Eu­ro­pas, Um­welt­ver­bän­de se­hen das Kli­ma kol­la­bie­ren, Tier­schüt­zer se­hen ein ir­rever­si­bles Ar­ten­ster­ben, Fe­mi­nis­ten fin­den, dass es Frau­en so furcht­bar geht wie noch nie, Men­schen­recht­ler fin­den na­he­zu je­des Le­ben au­ßer­halb Deutsch­lands unzumutbar…man kann das nach Be­lie­ben fort­füh­ren. Die Ka­ko­pho­nie des Un­ter­gangs steht einst­wei­len in kras­sem Miss­ver­hält­nis zu den tat­säch­li­chen Le­bens­ver­hält­nis­sen und so wird das per­ma­nen­te Aus­ru­fen ver­schie­dens­ter Ka­ta­stro­phen in­zwi­schen selbst zur Ka­ta­stro­phe.

Die wirk­li­chen Mensch­heits­her­aus­for­de­run­gen in­des, die Be­völ­ke­rungs­ex­plo­si­on, das Auf­tre­ten von Pan­de­mi­en, die tech­no­lo­gi­schen Ant­wor­ten auf ein sich re­gio­nal un­ter­schied­lich ver­än­dern­des Kli­ma, das ge­wal­ti­ge Nord-Süd-Ge­fäl­le bei den Le­bens­be­din­gun­gen und die aben­teu­er­li­che in­ter­na­tio­na­le Fi­nanz­po­li­tik, wer­den ver­druckst um­run­det. Eu­ro­pa mit Deutsch­land in der Mit­te bohrt für schnel­len Bei­fall lie­ber dün­ne­re Bret­ter und steu­ert so auf ge­wal­ti­ge Ver­tei­lungs­schlach­ten in den Me­tro­po­len der Welt zu. Ei­ne Im­plo­si­on, die uns dann wohl end­lich dem­nächst die er­sehn­ten Her­aus­for­de­run­gen ver­schafft und die al­lent­hal­ben be­klag­te Sinn­kri­se nach­drück­lich be­en­det.

Wer ver­sucht, die Ur­sa­chen für die in ver­schie­de­nem Aus­maß in al­len west­li­chen De­mo­kra­ti­en zu be­ob­ach­ten­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen zu fin­den, lan­det frü­her oder spä­ter bei der so­eben skiz­zier­ten Er­kennt­nis, dass das Feh­len exis­ten­zi­el­ler Her­aus­for­de­run­gen nach ir­ra­tio­na­lem Er­satz ver­langt. Wir schaf­fen uns die Pro­ble­me, die uns feh­len. Da­mit wä­ren wir auch beim heu­te oft ver­wen­de­ten Be­griff der Wohl­stands­ver­blö­dung. Ein Dep­pen-Idi­om mit phi­lo­so­phi­schem Ge­halt. Men­schen brau­chen – so sieht’s für mich aus – ih­re sub­stan­zi­el­len Er­schüt­te­run­gen. Feh­len sie, ver­lie­ren sie ih­re de­fi­nier­te Auf­ga­be, ih­re Zie­le, Ori­en­tie­run­gen und Prio­ri­tä­ten und ver­stri­cken sich, in teils wahn­haft ge­führ­ten Er­satz­kämp­fen. In ei­nem Stru­del, der sie selbst und an­de­re ins Ver­der­ben reißt. Es ent­ste­hen Auf­stieg und Fall, ei­ne Art Schau­kel­be­we­gung der Ge­schich­te, die der Auf­merk­sa­me ganz ähn­lich auch in pri­va­ten per­sön­li­chen Schick­sa­len wie­der­fin­det.

Al­le bis­he­ri­gen Welt­wirt­schafts­kri­sen und ge­führ­ten Krie­ge ha­ben ein sol­ches, stark ir­ra­tio­na­les Ele­ment. Es haf­tet Ih­nen et­was Un­er­klär­li­ches an. Wie konn­te es so­weit kom­men, fra­gen wir uns. Im­mer da­nach. ‘Vor­wärts le­ben, rück­wärts ver­ste­hen’ – hat Kier­ke­gaard so pas­send fest­ge­stellt. Aber auch die mög­li­che Ant­wort auf den Rück­blick, in de­ren Er­geb­nis ei­ne fried­vol­le, kon­ti­nu­ier­li­che Ent­wick­lung von kul­tu­rell un­ter­schied­li­chen Ge­sell­schaf­ten ste­hen könn­te, schei­nen wir nicht fin­den zu kön­nen. Weil un­se­re Na­tur des Fres­sens und Ge­fres­sen­wer­dens in re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den ih­ren Tri­but ver­langt? Viel­leicht. Sie sorgt je­den­falls auch für die Klügs­ten un­ter uns für die Tä­ler, aus de­nen wir dann freud­voll her­vor­krab­beln. Wenn wir noch krab­beln.

Wer bei sol­chen Über­zeu­gun­gen an­ge­langt ist, für den ist die Re­si­gna­ti­on nicht weit. Denn es heißt nichts an­de­res, als dass wir da an­ge­sichts wir­ken­der Ur­mäch­te, nur sehr we­nig aus­rich­ten kön­nen. Aber die Re­si­gna­ti­on ist nichts, wo­mit man auf Dau­er le­ben kann. Die Or­te und Räu­me in de­nen wir uns auf­hal­ten, ha­ben mit der Zeit die Ten­denz im­mer grö­ßer und be­stim­men­der zu wer­den. Die dunk­len und die hel­len. Man soll­te al­so von Zeit zu Zeit Ort und Raum wech­seln und be­wusst zu­rück ins Licht tre­ten, denn wo Ver­häng­nis und Aus­weg­lo­sig­keit herr­schen, ist knapp da­ne­ben im­mer auch Chan­ce. Ich wer­de da­her den ein­ge­tra­ge­nen Ver­ein des Ver­drus­ses für ei­ne Zeit lang ver­las­sen und will se­hen was sich neu­es ent­wi­ckelt.

Bis ir­gend­wann hier oder wo­an­ders! Macht’s gut erst­mal!

Au­tor: Roc­co Burg­graf

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Vom Pa­thos des Ab­so­lu­ten zur Spi­ra­le der Ge­walt

Bil­der:
Rui­nen von Ger­ni­ca, Bun­des­ar­chiv, Bild 183-H25224 / Un­k­nown / CC-BY-SA 3.0 / CC BY-SA 3.0 DE
Rhi­no­ze­ros, Sal­va­dor Dalí / CC BY

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