Der per­fek­te Sturm

CFR: Mi­gra­ti­on und Flücht­lings­kri­se

Am 30.09.2015 spra­chen an­läss­lich der Flücht­lings­kri­se im Mit­tel­meer in­ter­na­tio­na­le Ex­per­ten und Trä­ger ho­her Äm­ter und Wür­den im Rah­men ei­ner Ver­an­stal­tung ei­ner der ein­fluss­reichs­ten US-ame­ri­ka­ni­schen Denk­fa­brik, dem ‘Coun­cil on For­eign Re­la­ti­ons’, über Fra­gen der in­ter­na­tio­na­len Mi­gra­ti­on. Die bei­den hoch­ka­rä­ti­gen Vor­tra­gen­den der Po­di­ums­ver­an­stal­tung wa­ren der Ire Pe­ter D. Su­ther­land †, bis zu sei­nem Ab­le­ben am 07.01.2018 UN-Son­der­be­auf­trag­ter für Mi­gra­ti­on, ehe­mals u.a. EU- Wett­be­werbs­kom­mis­sar, Ge­ne­ral­di­rek­tor des GATT, ers­ter Ge­ne­ral­di­rek­tor der WTO (Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on) und Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­der der In­vest­ment­bank Gold­man Sachs und der US-Ame­ri­ka­ner Wil­liam Swing, am­tie­ren­der Ge­ne­ral­di­rek­tor der In­ter­na­tio­na­len Or­ga­ni­sa­ti­on für Mi­gra­ti­on, einst US-Bot­schaf­ter in di­ver­sen afri­ka­ni­schen Län­dern, u.a. in Süd­afri­ka zu der Zeit, als das En­de der Apart­heid ein­ge­lei­tet wur­de. Die Ge­s­pächs­lei­tung ob­lag dem Theo­lo­gen Ge­or­ge Rupp, eme­ri­tier­ter ehe­ma­li­ger Prä­si­dent der New Yor­ker Co­lum­bia Uni­ver­si­ty und eins­ti­ger Prä­si­dent des IRC (In­ter­na­tio­nal Res­cue Com­mit­tee), ei­ner in­ter­na­tio­na­len Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on für Flücht­lin­ge und Kriegs­op­fer.

In­halt die­ses Bei­trags

In den ers­ten 3 Ka­pi­teln die­ses Bei­trags wer­de ich die Hal­tung von Su­ther­land und Swing zur welt­wei­ten Mi­gra­ti­on vor­stel­len, wie sie auf der o.g. Ver­an­stal­tung dar­ge­legt und er­ör­tert wird. Die­se Po­si­tio­nen dürf­ten de­nen der UN und der EU weit­ge­hend ent­spre­chen, eben­so de­nen maß­geb­li­cher Krei­se ‘west­li­cher’ Po­li­tik, Wirt­schaft und Hoch­fi­nanz. Im 4. Ka­pi­tel wer­de ich die­se ‘Mi­gra­ti­ons-Agen­da’ ei­nem Fak­ten­check un­ter­zie­hen und aus All­tags­sicht ‘ein­fa­cher’ Men­schen und Bür­ger kri­tisch hin­ter­fra­gen und be­wer­ten.

1. Vor­trag Pe­ter Su­ther­land
2. Vor­trag Wil­liam Swing
3. Fra­gen und Ant­wor­ten
4. Fak­ten­check und Be­wer­tung

A Glo­bal Re­s­pon­se to the Me­di­ter­ra­ne­an Mi­gra­ti­on Cri­sis. Vi­deo-Pro­to­koll der Ver­an­stal­tung. Voll­stän­di­ger Text auf Eng­lisch und die Über­set­zung ins Deut­sche in schrift­li­cher Form im Link­be­reich un­ten.

Vor­trag Pe­ter Su­ther­land

Su­ther­land be­gann sei­nen Vor­trag mit der per­sön­li­chen An­mer­kung, dass ein Leit­mo­tiv sei­nes po­li­ti­schen Le­bens stets das Kon­zept der In­te­gra­ti­on und der Wi­der­wil­le ge­gen­über dem Na­tio­na­lis­mus ge­we­sen sei, den er in sei­ner Hei­mat Ir­land zur Ge­nü­ge ken­nen­ge­lernt ha­be. Be­reits in den 1980-er Jah­ren ha­be er sich als Wett­be­werbs­kom­mis­sar der EU für den frei­en Fluss von Per­so­nen, Ka­pi­tal, Dienst­leis­tun­gen und Wa­ren ein­ge­setzt.

Als er ab 2005 sei­ne Tä­tig­keit als Ho­her Flücht­lings­kom­mis­sar der Ver­ein­ten Na­tio­nen (UNHCR) auf­ge­nom­men ha­be, sei er auf viel Ab­leh­nung ge­sto­ßen. Das al­te The­ma von Na­tio­na­lis­mus und na­tio­na­ler Sou­ve­rä­ni­tät war von An­fang an prä­sent. Die US-Ame­ri­ka­ner setz­ten ihn beim The­ma Mi­gra­ti­on qua­si vor die Tür, die Ja­pa­ner zeig­ten die kal­te Schul­ter, en­ga­gier­ten sich aber fi­nan­zi­ell.

Das Glo­ba­le Fo­rum für Mi­gra­ti­on und Ent­wick­lung war ein Ver­such, ei­nen un­ver­bind­li­chen Me­cha­nis­mus für die Kom­mu­ni­ka­ti­on und den Dia­log zwi­schen Her­kunfts-, Ziel- und Tran­sit­län­dern zu schaf­fen und ei­nen Dia­log über ein The­ma zu be­gin­nen, das ei­ne un­ver­meid­li­che Be­gleit­erschei­nung der Glo­ba­li­sie­rung ist, wel­che die re­gio­na­le In­te­gra­ti­on, die Frei­zü­gig­keit der Men­schen in Eu­ro­pa, die glo­ba­le In­te­gra­ti­on im Sin­ne der WTO und die Ein­be­zie­hung der Län­der in das glo­ba­le Han­dels­sys­tem etc. ein­führ­te. Der da­ma­li­ge UN-Ge­ne­ral­se­kre­tät Ko­fi An­n­an ha­be 2005 zu ihm ge­sagt: ‘Es ist un­ver­meid­lich, dass Mi­gra­ti­on zum Schlüs­selthe­ma un­se­rer Zeit wird. Sie al­le wa­ren an den kom­mer­zi­el­len As­pek­ten be­tei­ligt. Be­tei­li­gen Sie sich [auch an den da­mit ver­bun­de­nen mensch­li­chen As­pek­ten (?)] dar­an.’

Su­ther­land wei­ter: Nun ha­ben wir uns in ei­ne Zeit be­wegt, ‘in der ei­ne rol­len­de Ka­ta­stro­phe – und ich wer­de nicht auf die Ur­sa­chen der rol­len­den Ka­ta­stro­phe in Sy­ri­en, Eri­trea, Af­gha­nis­tan und Li­by­en ein­ge­hen – Be­din­gun­gen ge­schaf­fen hat, die un­wei­ger­lich zu gro­ßen Mi­gra­ti­ons­strö­men füh­ren’. Ei­ni­ge Po­li­ti­ker neh­men die Her­aus­for­de­rung an, an­de­re du­cken sich weg. Letz­te­res gilt ins­be­son­de­re für ei­ni­ge Län­der in Mit­tel- und Ost­eu­ro­pa, die nur Chris­ten auf­neh­men wol­len. Das wi­der­spricht aber den Prin­zi­pi­en von EU und UN.

Ei­ni­ge glau­ben, dass Gren­zen und Zäu­ne die rich­ti­ge Art und Wei­se sind, mit Men­schen um­zu­ge­hen, die ver­zwei­felt Ver­fol­gung und schreck­li­chen Le­bens­be­din­gun­gen ent­flie­hen wol­len. Die­ses Jahr [2015] ha­ben 500.000 Men­schen das Mit­tel­meer über­quert. 3.000 ver­lo­ren da­bei ihr Le­ben, viel­leicht auch viel mehr, wer weiß das so ge­nau? Es kommt vor, dass das schreck­li­che Bild von ei­nem Er­trun­ke­nen im Mit­tel­meer die Stim­mung rasch än­dert.

In Eu­ro­pa ak­zep­tie­ren ei­ni­ge Staa­ten die Füh­rer­schaft der EU in der Fra­ge der Mi­gra­ti­on und die For­de­rung der EU-Kom­mis­si­on, die Las­ten auf­zu­tei­len. War­um sol­len Grie­chen­land und Ita­li­en die Last al­lei­ne tra­gen? Deutsch­land geht mit gu­tem Bei­spiel vor­an. Die­ses Jahr [2015] nimmt es 800.000 Men­schen auf und in den kom­men­den 5 Jah­ren will es je­weils 500.000 Flücht­lin­ge auf­neh­men. Das ist glo­ba­le Ver­ant­wor­tung. Doch wo bleibt der Rest der Welt? Die Re­gie­rung der USA [zu je­ner Zeit Ob­a­ma] spielt ei­ne sehr kon­struk­ti­ve Rol­le. Auch Bra­si­li­en und Ve­ne­zue­la ha­ben Flücht­lin­ge auf­ge­nom­men. Doch wir brau­chen noch mehr Be­tei­li­gung. Wir be­nö­ti­gen ei­ne glo­ba­le An­teil­nah­me (buy-in) an der in­ter­na­tio­na­len Ka­ta­stro­phe.

»Sei­ten­an­fang   »Di­rekt­link zum Ab­schnitt

Vor­trag Wil­liam Swing

Wir be­fin­den uns in der Mit­te ei­nes per­fek­ten Sturms: In den ver­gan­ge­nen 100 Jah­ren hat sich die Welt­be­völ­ke­rung ver­vier­facht, der­zeit sind 60 Mio Men­schen welt­weit auf der Flucht, aber die Stim­mung in Be­zug auf Mi­gra­ti­on ist so schlecht wie nie zu­vor und die­se schlech­te Stim­mung brei­tet sich wei­ter aus.

Es wur­den be­reits ei­ni­ge Ur­sa­chen der Mi­gra­ti­on ge­nannt. In Afri­ka gibt es wei­te­re. Ebo­la in West­afri­ka, Bo­ko Ha­ram in Ni­ge­ria, In­sta­bi­li­tät in et­li­chen Län­dern, Krieg oder Bür­ger­krieg in So­ma­lia, Je­men, Li­by­en und Süd-Su­dan, eth­nisch-re­li­giö­se Kon­flik­te in Zen­tral­afri­ka. Ich bin über­rascht, dass eu­ro­päi­sche Re­gie­run­gen von den Mi­gra­ti­ons­strö­men über­rascht sind.  Ins­be­son­de­re, wenn man be­denkt, dass die Nah­rungs­mit­tel­ra­tio­nen in den sy­ri­schen Flücht­lings­la­gern hal­biert wur­den. Da­bei gibt es ne­ben den 4 Mio Sy­rern, die das Land ver­lie­ßen, in­ner­halb Sy­ri­ens noch ein­mal dop­pelt so vie­le Bin­nen­flücht­lin­ge, näm­lich 8 Mil­lio­nen.

Die Ge­sell­schaf­ten der ent­wi­ckel­ten Welt sind über­al­tert und sie be­nö­ti­gen Ar­beits­kräf­te al­ler Qua­li­fi­ka­ti­ons­gra­de. Das ist auf­grund des welt­wei­ten Zu­gangs zum In­ter­net über­all auf der Welt be­kannt. Die­se Sog­fak­to­ren sor­gen da­für, dass die Mas­sen­mi­gra­ti­on für ei­ne län­ge­re Wei­le wei­ter­hin an­dau­ern wird. Und schließ­lich ist Mi­gra­ti­on sehr wün­schens­wert, wenn man die rich­ti­gen Stra­te­gi­en da­für hat. Aber un­se­re Stra­te­gi­en hal­ten nicht Schritt mit der mensch­li­chen Rea­li­tät. Pe­ter Su­ther­land hat die WTO ge­grün­det, um die un­ge­hin­der­te Be­we­gung von Ka­pi­tal, Wa­ren und Dienst­leis­tun­gen zu er­mög­li­chen. Die funk­tio­niert aber nur über die Be­we­gungs­frei­heit von Men­schen. Doch die gibt es im Mo­ment noch nicht, die­ses Ele­ment fehlt noch und dar­über spre­chen wir hier.

Wie ste­hen vor den fol­gen­den Her­aus­for­de­run­gen: Die Si­cher­heits­si­tua­ti­on ist ei­ne ‘per­fect sto­ry’ [?]. Mi­gra­ti­on in gro­ßem Aus­maß ist un­ver­meid­bar, not­wen­dig und wün­schens­wert. Um er­folg­reich zu sein, müs­sen wir zu­nächst das öf­fent­li­che Nar­ra­tiv von Mi­gra­ti­on än­dern, denn der­zeit ist es to­xisch. Mi­gra­ti­on hat ei­nen schlech­ten Ruf. Doch die­se Stadt, in der wir uns heu­te be­fin­den [New York (?)], wur­de auf den Rü­cken und mit den Ge­hir­nen von Mi­gran­ten er­baut. Die meis­ten un­se­rer No­bel­preis­ge­win­ner wur­den nicht hier in den USA ge­bo­ren. 45% al­ler Pa­ten­te wer­den von Mi­gran­ten an­ge­mel­det. Vie­le an­de­re Län­der ha­ben die glei­chen Er­fah­run­gen. His­to­risch ge­se­hen ist Mi­gra­ti­on über­wäl­ti­gend po­si­tiv [für wen?]. Da­her müs­sen wir als ers­tes zu­rück­kom­men zu ei­nem his­to­risch kor­rek­ten, po­si­ti­ven Nar­ra­tiv von Mi­gra­ti­on.

»Sei­ten­an­fang   »Di­rekt­link zum Ab­schnitt

Pro­to­kol­le der Ver­an­stal­tung:
A Glo­bal Re­s­pon­se to the Me­di­ter­ra­ne­an Mi­gra­ti­on Cri­sis (CFR- Web­site | E)
Ei­ne glo­ba­le Ant­wort auf die Mi­gra­ti­ons­kri­se im Mit­tel­meer­raum (Goog­le-Über­set­zer | E)

Fra­gen und Ant­wor­ten

In der an­schlie­ßen­den Fra­ge­run­de, an der sich Sas­kia Sas­sen, USA, So­zio­lo­gin, Ka­pi­ta­lis­mus­kri­ti­ke­rin mit Fo­kus auf Um­welt­mi­gra­ti­on, Jo­han­na We­sch­ler, Se­cu­ri­ty Coun­cil Re­port, Ste­phen Kass, En­vi­ron­men­tal Prac­tice Group at Car­ter Le­dy­ard & Milburn LLP in New York and spe­cial coun­sel to HRW’s Af­ri­ca Di­vi­si­on, Bhak­ti Mir­chanda­mi, One Wil­liam Street, Rick Don­ner, Moody’s In­ver­s­tors Ser­vice, Pa­tri­cia Ro­sen­field, Ro­cke­fel­ler Ar­chi­ve Cen­ter, Chris Ba­shi­nel­li, Na­tio­nal Geo­gra­phic be­tei­lig­ten, wur­de das The­ma Mi­gra­ti­on ver­tieft er­ör­tert:

Ne­ben den oben be­reits ge­nann­ten oder an­ge­deu­te­ten Fak­to­ren Krieg, Bür­ger­krieg, Ar­mut, Hun­ger, Kor­rup­ti­on und Per­spek­tiv­lo­sig­keit lö­sen auch Um­welt­fak­to­ren Mi­gra­ti­on aus. An­stieg des Mee­res­spie­gels, Über­schwem­mun­gen und Flut­ka­ta­stro­phen auf der ei­nen und Dür­re, Was­ser­man­gel und Ver­step­pung auf der an­de­ren Sei­te. [Ich möch­te an die­ser Stel­le der Voll­stän­dig­keit hal­ber ger­ne noch wei­te­re Fak­to­ren wie Mo­no­kul­tu­ren, Land­raub so­wie Ab­bau oder Raub­bau an Res­sour­cen und Her­stel­lung von Gü­tern un­ter oft­mals frag­wür­di­gen, neo­ko­lo­nia­len Be­din­gun­gen er­wäh­nen.]

Den Bei­trag von Ban­ken und Fi­nanz­in­ves­to­ren zur Mi­gra­ti­ons­kri­se sieht Su­ther­land we­ni­ger in kon­kre­ter Hil­fe als mehr in ei­ner in­tel­lek­tu­ell pro­duk­ti­ven Rol­le zur Schaf­fung von Be­wusst­sein, wel­ches der Mi­gra­ti­on güns­tig ge­son­nen ist. Die­ser Bei­trag kön­ne in Form der Grün­dung von ‘think tanks’ ge­leis­tet wer­den. Zu­dem kön­ne der Zu­gang zu In­ves­ti­ti­ons­ka­pi­tal er­leich­tert wer­den, ‘we­ni­ger auf der Ba­sis von Al­tru­is­mus als auf der Ba­sis von Ei­gen­in­ter­es­se’. In ei­ner Aus­rich­tung auf ‘emer­ging mar­kets’ kön­ne aber so­wohl ein Ele­ment von Al­tru­is­mus sein wie auch dem Hang des Ban­ken-Busi­ness Rech­nung ge­tra­gen wer­den, ‘ei­nen Dol­lar zu ma­chen’.

Das Nar­ra­tiv von Mi­gra­ti­on po­si­ti­ve ge­stal­ten

Um die Stim­mung der Be­völ­ke­run­gen in den ent­wi­ckel­ten Auf­nah­me­län­dern po­si­tiv ge­gen­über Mi­gra­ti­on zu be­ein­fus­sen, soll­te auf die Fak­ten­la­ge ver­wie­sen wer­den. Et­wa auf Über­al­te­rung und De­mo­gra­phie in Eu­ro­pa und Ja­pan. Die­se Re­gio­nen be­nö­tig­ten im Prin­zip Mio von Ein­wan­de­rern pro Jahr, um die Zahl der Er­werbs­tä­ti­gen sta­bil zu hal­ten. Auch müs­se die ho­he Mo­ti­va­ti­on der Ein­wan­de­rer be­rück­sich­tigt wer­den, ih­re Ar­beits­lo­sig­keit sei ge­rin­ger, sie leis­te­ten ei­nen po­si­ti­ven Bei­trag zur wirt­schaft­li­chen Ge­samt­bi­lanz ei­nes Staa­tes und ei­nen wich­ti­gen Bei­trag für In­no­va­ti­on [was im Hin­blick auf die Zu­wan­de­rung der ver­gan­ge­nen 2,5 Jah­re nach Deutsch­land je­doch sämt­lich nicht zu­trifft – die kul­tur­frem­de Zu­wan­de­rung fin­det über­wie­gend in die So­zi­al­sys­te­me statt und es gibt auf­grund des gro­tes­ken Über­hangs jun­ger Män­ner bei der Mi­gra­ti­on zu­sätz­li­che Pro­ble­me mit Kri­mi­na­li­tät, se­xu­el­ler Ge­walt und Ri­va­li­tät].

Dar­über hin­aus soll­ten Bei­spie­le ge­lun­ge­ner In­te­gra­ti­on her­vor­ge­ho­ben wer­den. Das wich­tigs­te sei der Zu­gang zu den (Mas­sen-) Me­di­en. Zu Vor­wür­fen, er wol­le die Ho­mo­ge­ni­tät von Be­völ­ke­run­gen zer­stö­ren, mein­te Su­ther­land, das wür­de er in der Tat wol­len und wenn er es mor­gen könn­te, so wür­de er es ger­ne tun,  in­clu­si­ve den Hang da­zu bei ihm selbst.

Als größ­te Be­fürch­tun­gen in den Auf­nah­me­län­dern – die je­doch gar nicht re­al sei­en, son­dern Ste­reo­ty­pen – nennt Swing die Sor­ge vor Job­ver­lust,  die Angst vor Ter­ro­ris­mus und die Furcht vor dem Ver­lust der per­sön­li­chen und na­tio­na­len Iden­ti­tät. Die­se De­bat­te müs­se ver­la­gert wer­den – weg von ei­ner De­bat­te über Iden­ti­tät hin zu ei­ner über In­ter­es­sen und Wer­te. Kann ein herz­li­ches Will­kom­men, das den Mi­gran­ten ent­ge­gen­ge­bracht wird, nicht hof­fen las­sen, dass die­se die In­ter­es­sen und Wer­te der Auf­nah­me­län­der über­neh­men wer­den? Die Be­deu­tung des ‘Ego’ müs­se mi­ni­miert, die al­tru­is­ti­scher Re­gun­gen ge­fö­dert wer­den. [Ob Kol­le­ge Su­ther­land als Ex-Ban­ker das eben­so sieht?]

»Sei­ten­an­fang   »Di­rekt­link zum Ab­schnitt

Fak­ten­check und Be­wer­tung

Mi­gra­ti­on als Ge­schäfts­mo­dell

Auf­fäl­lig ist, dass in die­ser Ver­an­stal­tung kei­ner­lei Au­gen­merk auf ei­ne Be­frie­dung von Kon­flik­ten oder ei­ne Ver­bes­se­rung der elen­den Zu­stän­de in den Hei­mat­län­dern der Mi­gran­ten ge­legt wird, wel­che die­se erst zur Mi­gra­ti­on ver­an­las­sen. Ganz im Ge­gen­teil ge­winnt man eher den Ein­druck, dass die­se Zu­stän­de zu­min­dest als selbst­ver­ständ­lich und un­ab­än­der­lich hin­ge­nom­men, wenn nicht gar als güns­ti­ge Ge­le­gen­heit wahr­ge­nom­men wer­den.

Die ak­tu­el­len Mi­gra­ti­ons­strö­me sind aber al­les an­de­re als na­tur­wüch­sig und or­ga­nisch, son­dern Fol­ge von Gier nach Macht und Pro­fit so­wohl lo­ka­ler und re­gio­na­ler wie in­ter­na­tio­na­ler Ak­teu­re und so­mit Aus­druck des glo­ba­len Schei­terns von Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit und so­zi­al­ver­träg­li­cher Po­li­tik. War­um Mi­gra­ti­on den­noch be­für­wor­tet wird, könn­te ein Zi­tat Su­ther­lands ent­schlüs­seln: Mi­gra­ti­on sei ein „ent­schei­den­der Mo­tor für das Wirt­schafts­wachs­tum“ in ei­ni­gen EU-Na­tio­nen, „so schwie­rig es auch sein kann, dies den Bür­gern je­ner Staa­ten zu er­klä­ren.“

De­mo­gra­phie

Was die de­mo­gra­phi­schen Fak­to­ren an­be­langt, so könn­ten die­se sehr wohl mit ei­ner wei­sen, weit­sich­ti­gen und klu­gen Po­li­tik so­wohl in den Län­dern mit zu ge­rin­gen Ge­bur­ten­ra­ten wie in den Län­dern mit zu ho­hen Ge­bur­ten­ra­ten be­ein­flusst wer­den. Ei­ne der­ar­ti­ge ‘Be­völ­ke­rungs­po­li­tik’ lie­ße sich so­zi­al­ver­träg­lich über An­rei­ze steu­ern, et­wa über ein ab­ge­stuf­tes Müt­ter­ge­halt oder Fa­mi­li­en­geld, das die ge­sell­schaft­lich und volks­wirt­schaft­lich sinn­vol­le und ge­wünsch­te An­zahl von Kin­dern be­güns­tigt. Man muss es nur wol­len. Chi­na hat es vor­ge­macht, war­um soll­te es nicht mög­lich sein, es so­zi­al­ver­träg­li­cher zu ge­stal­ten?

Dar­über hin­aus er­for­dert ei­ne schrump­fen­de Be­völ­ke­rung aus öko­no­mi­scher Sicht kei­ne gleich­blei­ben­de oder gar stei­gen­de Wirt­schafts­leis­tung, zu­mal ein maß­vol­ler Rück­gang von Ar­beits­käf­ten durch stei­gen­de Pro­duk­ti­vi­ät auf­grund von Ma­schi­nen, Ro­bo­tern und Di­gi­ta­li­sie­rung kom­pen­siert oder gar über­kom­pen­siert wer­den kann. Ein ra­pi­des Schrump­fen & Al­tern bzw. An­wach­sen & ‘Ex­plo­die­ren’ der Be­völ­ke­rung wirft al­ler­dings in der Tat An­pas­sungs­pro­ble­me auf, so­wohl aus Bin­nen­sicht in Be­zug auf Auf­ga­ben­be­wäl­ti­gung wie aus wett­be­werb­li­chen Grün­den. Man muss sich in­so­fern fra­gen, war­um Eu­ro­pa und Ja­pan (?) seit dem ‘Pil­len- bzw. Fe­mi­nis­mus- Knick’ vor 50 Jah­ren in Sa­chen Be­völ­ke­rungs­po­li­tik eben­so wie in Sa­chen Mi­gra­ti­ons­steue­rung pas­siv blie­ben.

Ge­win­ner und Ver­lie­rer

Wei­ter­hin fällt auf, dass bei der hier vor­ge­stell­ten Ver­an­stal­tung Mi­gra­ti­on aus ei­nem sehr ein­sei­ti­gen, aus­schließ­lich güns­ti­ge As­pek­te be­rück­sich­ti­gen­den Blick­win­kel be­trach­tet wird, die ne­ga­ti­ven As­pek­te aber kom­plett aus­ge­blen­det wer­den. Mi­gra­ti­on ist ja nur des­halb his­to­risch po­si­tiv kon­no­tiert, weil Ge­schich­te stets von den Sie­gern ge­schrie­ben wird. Frag­te man die Mil­lio­nen von da­hin­ge­raff­ten Ein­ge­bo­re­nen in Ame­ri­ka, die Mil­lio­nen nach Über­see oder in den Ori­ent ver­schlepp­ten Skla­ven aus Afri­ka, die ok­ku­pier­ten, ab­ge­schlach­te­ten oder ver­trie­be­nen Völ­ker in Asi­en oder Eu­ro­pa oder die Ab­ori­gi­nes in Aus­tra­li­en, so er­gä­be sich ein ge­gen­tei­li­ges Bild.

Mi­gra­ti­on kennt aus his­to­ri­scher Sicht sehr wohl Ge­win­ner und Ver­lie­rer, Pro­fi­teu­re und Leid­tra­gen­de, Tä­ter und Op­fer. Die Ver­lie­rer, Leid­tra­gen­den und Op­fer – ins­be­son­de­re in den Ziel­län­dern von Mi­gra­ti­on – ha­ben nur kei­ne Stim­me mehr und ge­ra­ten da­her rasch in Ver­ges­sen­heit.

Fluch und Se­gen von Mi­gra­ti­on

Es geht aber gar nicht um die Al­ter­na­ti­ve of­fe­ne Gren­zen oder Ab­schot­tung – die­ses Nar­ra­tiv ist le­dig­lich ein zu Pro­pa­gan­da­zwe­cken künst­lich er­schaf­fe­ner My­thos - son­dern um die Al­ter­na­ti­ve so­zi­al­ver­träg­li­che Glo­ba­li­sie­rung (z.B. ‘mi­gra­ti­on to jobs’), von der al­le pro­fi­tie­ren ver­sus zer­stö­re­ri­sche und ge­walt­tä­ti­ge Glo­ba­li­sie­rung, von der nur we­ni­ge und am En­de des Ta­ges nie­mand pro­fi­tiert. Es geht al­so dar­um, zum ei­nen die Selbst­ver­ant­wor­tung von Men­schen und Staa­ten zu stär­ken, aber auch ein­zu­for­dern, und zum an­de­ren Vor­aus­set­zun­gen da­für zu schaf­fen, dass Men­schen in je­dem Land und über­all auf der Welt ihr Le­ben nach­hal­tig und men­schen­wür­dig ge­stal­ten kön­nen, da­mit über­haupt erst ein sinn­vol­ler und ein­ver­nehm­li­cher Han­del von Gü­tern und ein kon­struk­ti­ver Aus­tausch von Kul­tu­ren in ei­ner zu­sam­men­wach­sen­den Welt or­ga­nisch er­fol­gen kann.

Glo­ba­li­sie­rung und Mi­gra­ti­on, wie es sie im­mer auch jen­seits krie­ge­ri­scher Kon­flik­te und Er­obe­run­gen gab, die nicht auf Not und Elend be­ruh­te und die so von­stat­ten ging, dass ein je­der da­von et­was hat­te oder ha­ben konn­te, kann so viel oder so we­nig da­zu ge­hö­ren, wie es für al­le Sei­ten und Be­tei­lig­ten zu­träg­lich, er­freu­lich und wün­schens­wert ist, nach der De­vi­se: Nichts muss – al­les kann! Pu­rer Al­tru­is­mus ist eben­so le­bens­ver­nei­nend und zer­stö­re­risch wie pu­rer Ego­is­mus. Nur ei­ne aus­ge­wo­ge­ne Mi­schung aus bei­den Ele­men­ten er­mög­licht ein eben­so fried­vol­les wie be­frie­di­gen­des Le­ben auf Er­den.

Mul­ti­Kul­ti-Ex­pe­ri­ment als Be­völ­ke­rungs­po­li­tik

Ya­scha Mounk & Ca­ren Mios­ga am 20.02.2018 in den Ta­ges­the­men

Doch da­von sind wir heu­te mei­len­weit ent­fernt. Die der­zei­ti­ge Mi­gra­ti­on nach Deutsch­land ist viel­mehr von drei hoch­pro­ble­ma­ti­schen Fak­to­ren ge­kenn­zeich­net, von de­nen je­der für sich schon so­zia­le Span­nun­gen ga­ran­tiert und die zu­sam­men ge­nom­men in der Tat ei­nen to­xi­schen Cock­tail er­ge­ben: Mas­sen­ein­wan­de­rung (1) kul­tur­frem­der, ar­cha­isch- tri­bal so­zia­li­sier­ter, meist un­qua­li­fi­zier­ter (2) weit über­wie­gend jun­ger Män­ner (3) in die So­zi­al­sys­te­me ei­ner (1.b) post­mo­der­nen Ge­sell­schaft. Ei­ne der­ar­ti­ge Mi­gra­ti­on för­dert auf­grund ele­men­ta­rer, struk­tu­rel­ler Ge­gen­sät­ze und In­ter­es­sen­kon­flik­te, die sich aus die­ser Viel­zahl von Un­gleich­ge­wich­ten un­aus­weich­lich er­ge­ben, nicht et­wa Welt­of­fen­heit, To­le­ranz und Viel­falt, son­dern das ge­naue Ge­gen­teil, näm­lich Ab­gren­zung, Ab­leh­nung und den Zwang zu Kon­for­mi­tät auf­grund des An­pas­sungs­drucks an ei­ne Schutz ge­wäh­ren­de Com­mu­ni­ty, in der man in pre­kä­ren Zei­ten not­ge­drun­gen Zu­flucht sucht. Wer das nicht er­kennt, weiß nichts vom Men­schen und hat nichts aus der Ge­schich­te ge­lernt. Oder er führt Bö­ses im Schil­de.

Maß­geb­lich is auf’m Platz

Mein Fa­zit aus die­ser Ver­an­stal­tung lau­tet da­her: Mi­gra­ti­on ist per se we­der gut noch schlecht. Es kommt im­mer dar­auf an, wie man es macht und aus wel­chen Grün­den und wel­cher Mo­ti­va­ti­on her­aus Mi­gra­ti­on statt­fin­det, ob mit der Ab­sicht und der Fä­hig­keit zur Par­ti­zi­pa­ti­on und zum ge­gen­sei­ti­gen Nut­zen im Sin­ne von Ge­ben & Neh­men oder ob aus Mo­ti­ven oder un­ter Vor­aus­set­zun­gen, die le­dig­lich den Vor­teil des ei­nen auf Kos­ten oder zum Scha­den des an­dern im Sinn ha­ben oder er­ge­ben. Was ge­gen­wär­tig pas­siert, ist, dass Ge­schäf­te und Am­bi­tio­nen wirt­schaft­li­cher und po­li­ti­scher Eli­ten so­wie de­ren Tritt­brett­fah­rer auf den Rü­cken der Ot­to Nor­mals und John Doe’s die­ser Welt ge­tä­tigt bzw. ver­folgt wer­den, und zwar so­wohl in den Län­dern, aus de­nen die Mi­gran­ten kom­men als auch in den Län­dern, in die sie ge­hen.

»Sei­ten­an­fang   »Di­rekt­link zum Ab­schnitt

Pro­to­kol­le der Ver­an­stal­tung:
A Glo­bal Re­s­pon­se to the Me­di­ter­ra­ne­an Mi­gra­ti­on Cri­sis (CFR- Web­site | E)
Ei­ne glo­ba­le Ant­wort auf die Mi­gra­ti­ons­kri­se im Mit­tel­meer­raum (Goog­le-Über­set­zer | E)

Wei­te­re Links:
Das Nar­ra­tiv der Mi­gra­ti­on ver­än­dern (FAZ)
War­um Mi­gra­ti­on gut fürs Ge­schäft ist (Hä­ring)
Tod im Mit­tel­meer als Fol­ge von Po­li­tik­ver­sa­gen (Schelm)
Die ver­kauf­te Welt: Schwarz­buch Glo­ba­li­sie­rung (Zwie­denk)

Ethi­scher Rea­lis­mus und Mi­gra­ti­on

Gra­fik:
Pie­ter Brueg­hel the El­der [Pu­blic do­main], via Wi­ki­me­dia Com­mons
By Ka­malt­he­best [CC BY-SA 4.0], via Wi­ki­me­dia Com­mons

Erst­ver­öf­fent­licht: 17.02.2018
Über­ar­bei­tet: 07.03.2018

1 Trackbacks & Pingbacks

  1. Erklärung 2018 - Schelmenstreich

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


6 + 19 =