Deutsch­lands Weg in die Mul­ti­mi­no­ri­tä­ten­ge­sell­schaft

[Gast­bei­trag] Fried­rich Heb­bels Ta­ge­bü­cher sind ei­ne Schatz­kam­mer un­ter­schied­lichs­ter Ge­dan­ken und Sich­ten. Le­se ich dar­in, ist es im­mer wie­der sein ers­ter Ein­trag im Ja­nu­ar 1860, der mir wie ein schlech­tes Omen vor­kommt. Heb­bel wohnt in Wien. Er ar­bei­tet an dem Trau­er­spiel Die Ni­be­lun­gen. Kos­mo­po­li­ti­sche Schwär­me­rei­en und Par­ti­ku­la­ris­mus hält er für die Erb­feh­ler der Deut­schen. Und in sein Ta­ge­buch schreibt er: „Es ist mög­lich, dass der Deut­sche noch ein­mal von der Welt­büh­ne ver­schwin­det, denn er hat al­le Ei­gen­schaf­ten, sich den Him­mel zu er­wer­ben, aber kei­ne ein­zi­ge, sich auf der Er­de zu be­haup­ten, und al­le Na­tio­nen has­sen ihn, wie die Bö­sen den Gu­ten. Wenn es ih­nen aber wirk­lich ein­mal ge­lingt, ihn zu ver­drän­gen, wird ein Zu­stand ent­ste­hen, in dem sie ihn wie­der mit den Nä­geln aus dem Gra­be krat­zen möch­ten.“

I. Ame­ri­ka­ni­sie­rung oder die Preis­ga­be deut­scher Iden­ti­tät.

Heb­bels Wor­te ge­hen mir bei den un­ter­schied­lichs­ten An­läs­sen durch den Kopf. Zu­letzt ist das der Fall ge­we­sen, als die F.A.S. ih­re Le­ser­schaft mit der Fra­ge kon­fron­tier­te: How deutsch are we? Un­ter die­ser Über­schrift er­in­nert Clau­di­us Seidl an den Ein­zug der ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur in West­deutsch­land vor 75 Jah­ren. Mit dem Ein­marsch der ame­ri­ka­ni­schen Be­sat­zer im Wes­ten und im Sü­den Deutsch­lands „im Rhyth­mus von Glenn Mil­ler und Ben­ny Good­man“ ha­be ei­ne Ge­schich­te be­gon­nen, die nach­wirkt – bis heu­te. Man ver­steht, schreibt Seidl, „war­um sich die deut­sche Ju­gend geis­tig und kul­tu­rell un­be­dingt von Ro­bert Mitch­um oder Ri­ta Hay­worth, von John Way­ne oder Mau­re­en O´Hara ad­op­tie­ren las­sen woll­te.“

Was der Mann sa­gen will, liegt auf der Hand, selbst wenn ich nicht glau­ben mag, dass die deut­schen Män­ner ih­re Stim­men gleich ei­ne La­ge tie­fer ge­legt hät­ten vom Te­nor zum Ba­ri­ton, um so der ame­ri­ka­ni­schen Männ­lich­keits­norm zu ent­spre­chen. „Si­cher ist je­den­falls, dass die Ame­ri­ka­ni­sie­rung nicht nur die Köp­fe, son­dern den gan­zen Kör­per er­fass­te.“ Ehr­li­cher­wei­se be­schreibt Seidl das his­to­ri­sche Ge­sche­hen, des­sen Scho­ko­la­den­sei­te er ein­sei­tig her­vor­hebt, als „ei­ne Ko­lo­ni­sie­rung“, die ei­ne kul­tu­rel­le Durch­schlags­kraft ent­fal­te­te wie das sieg­rei­che Chris­ten­tum der Rö­mer­zeit.

War­um die Ko­lo­ni­sie­rung der West­deut­schen so wi­der­stands­los funk­tio­niert hat? Vor dem Hin­ter­grund des mo­ra­li­schen und mi­li­tä­ri­schen Zu­sam­men­bruchs Deutsch­lands grün­det das Er­folgs­re­zept der Um­er­zie­hung si­cher in ers­ter Li­nie in de­ren Ver­knüp­fung mit der Wohl­stands­schöp­fung. Chur­chills Zy­nis­mus „Macht sie fett und im­po­tent“ bringt die dar­in ent­hal­te­ne stra­te­gi­sche Ab­sicht auf den Punkt. Stel­len wir dar­über hin­aus noch Eti­en­ne de la Boé­ties Dia­gno­se der mensch­li­chen Nei­gung zur frei­wil­li­gen Knecht­schaft mit in Rech­nung, wird die weit­ge­hen­de Preis­ga­be der deut­schen Iden­ti­tät mensch­lich ver­ständ­lich.

Aber wie la­gen nun die Din­ge öst­lich der El­be? Ei­ne als Swing-Ka­pel­le ein­rü­cken­de Ro­te Ar­mee? Un­vor­stell­bar – auch nicht als ge­schichts­klit­tern­de Er­zäh­lung. Ak­kor­de­on- oder Ba­la­lai­ka­spie­ler mit ih­ren ge­tra­ge­nen rus­si­schen Wei­sen, Ka­sa­t­schok tan­zen­de Rot­ar­mis­ten und ein un­ver­ges­se­nes Kon­zert des Alex­an­drow-En­sem­bles vor den Rui­nen des Ber­li­ner Gen­dar­men­markts, mehr Zu­cker­brot gab es nicht. Al­les sehr exo­tisch. Die „Grup­pe So­wje­ti­scher Streit­kräf­te in Deutsch­land“ galt trotz­dem bis zu­letzt als Be­sat­zungs­macht. Ob­wohl in der DDR durch die mi­li­tä­risch ab­ge­si­cher­te Auf­sicht des Kremls so­zia­lis­ti­scher In­ter­na­tio­na­lis­mus und An­ti­fa­schis­mus als die bei­den Eck­pfei­ler der Staats­dok­trin in­stal­liert wur­den, ist es zu kei­nem Zeit­punkt ge­lun­gen, dem Mann auf der Stra­ße ein deut­sches Na­tio­nal­ge­fühl völ­lig aus­zu­trei­ben, ge­schwei­ge denn ihn zu „so­wje­ti­sie­ren“. Das zeig­te sich nicht erst als der Ruf „Deutsch­land, ei­nig Va­ter­land“ al­ler Welt ein brei­tes pa­trio­ti­sches Er­wa­chen si­gna­li­sier­te. Be­su­cher aus dem Wes­ten ha­ben schon in den acht­zi­ger Jah­ren im­mer wie­der er­staunt fest­ge­stellt, die DDR sei im Ver­hält­nis zur Bon­ner Re­pu­blik das „deut­sche­re Deutsch­land“.

So un­ver­gleich­bar das Auf­tre­ten der Sie­ger­mäch­te in West und Ost auch ge­we­sen sein mag, gibt es den­noch ei­nen ge­mein­sa­men Nen­ner! Der ei­gent­li­che Zu­sam­men­bruch be­stand hier wie dort nicht dar­in, dass Deutsch­land als Völ­ker­rechts­sub­jekt prak­tisch auf­ge­hört hat­te zu exis­tie­ren, die Städ­te in ei­ne Trüm­mer­land­schaft ver­wan­delt wor­den wa­ren und die Schin­der­hüt­ten der Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger vom Licht der Öf­fent­lich­keit aus­ge­leuch­tet wur­den. Die Nie­der­la­ge war erst voll­kom­men, als sich die Deut­schen in die­ser La­ge in die wei­te­re Selbst­ver­leug­nung ih­res von ih­nen im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus selbst ver­ra­te­nen We­sens ha­ben trei­ben las­sen.

II. Was der Praecep­tor Ger­ma­niae emp­fiehlt

Jür­gen Ha­ber­mas ist der Den­ker, dem ich so man­che An­re­gung ver­dan­ke, die mich beim Schrei­ben des Bu­ches Der vor­mund­schaft­li­che Staat / Vom Ver­sa­gen des re­al exis­tie­ren­den So­zia­lis­mus in­spi­riert hat. Das ha­be ich im Nach­wort aus­drück­lich her­vor­ge­ho­ben. Als der Frei­heits­kampf in der DDR im Herbst 1989 mit der Grün­dung des Neu­en Fo­rum in die hei­ße Pha­se ein­trat, be­trach­te­te ich Ha­ber­mas ganz selbst­ver­ständ­lich als na­tür­li­chen Ver­bün­de­ten der Wi­der­ständ­ler und er­hoff­te mir von ihm in­tel­lek­tu­el­le Schüt­zen­hil­fe. Den theo­re­ti­schen An­spruch norm­prak­ti­scher Ori­en­tie­rung, wo­für Ha­ber­mas in mei­nen Au­gen mit sei­nem Werk ein­stand, muss­te er jetzt – in der ent­stan­de­nen re­vo­lu­tio­nä­ren Si­tua­ti­on – kon­kret ein­lö­sen. Wie sich zeig­te, war der Wunsch der Va­ter des Ge­dan­kens.

Es hat ihn of­fen­bar schwer be­un­ru­higt, wie 1989/90 die De­mons­tran­ten in den Städ­ten der DDR die deut­sche Fra­ge ge­wis­ser­ma­ßen über Nacht auf die po­li­ti­sche Ta­ges­ord­nung ge­setzt ha­ben, ganz un­di­plo­ma­tisch und oh­ne bei den Sie­ger­mäch­ten um Er­laub­nis zu bit­ten. Die deut­sche Ein­heit lehn­te er rund­weg ab. An­ge­sichts der Un­ta­ten des „Drit­ten Reichs“ sei es mo­ra­lisch und po­li­tisch ver­werf­lich, die da­für als Stra­fe auf­er­leg­te Tei­lung rück­gän­gig ma­chen zu wol­len. Wie ne­ga­tiv der Meis­ter­den­ker ge­gen­über je­der Art des Deutsch­seins ein­ge­stellt war, hat Ha­ber­mas be­reits im Sep­tem­ber 1989 in ei­nem In­ter­view mit der Zeit­schrift Tem­po Bra­si­lei­ro klar­ge­stellt: „In der Bun­des­re­pu­blik hat man ge­lernt,“ heißt es da, „dass die Deut­schen nur noch als Fer­ment in ei­nem grö­ße­ren über­na­tio­na­len Zu­sam­men­hang wirk­sam wer­den kön­nen.“

Der Satz gibt Rät­sel auf. Sieht so die be­schwo­re­ne „post­na­tio­na­le Iden­ti­tät“ aus? Sol­len die po­li­tisch Am­bi­tio­nier­ten um ei­ne An­stel­lung bei der UNO oder in Brüs­sel nach­su­chen? Und was be­deu­tet es, dort oder zu­hau­se als „Fer­ment“ tä­tig zu wer­den (Fer­men­ta­ti­on: die che­mi­sche Um­wand­lung von Stof­fen durch Bak­te­ri­en und En­zy­me – Gä­rung)? Führt Jür­gen Ha­ber­mas hier et­wa ei­nen Ter­mi­nus ein, der frü­her schon ein­mal in den De­bat­ten um die „Ent­na­tio­na­li­sie­rung“ im Ber­li­ner An­ti­se­mi­tis­mus­streit ei­ne Rol­le spiel­te? Sei­ner­zeit hat­te ja Hein­rich von Treitsch­ke Theo­dor Momm­sen die For­mu­lie­rung aus des­sen Rö­mi­scher Ge­schich­te vor­ge­hal­ten – „Auch in der al­ten Welt war das Ju­den­thum ein wirk­sa­mes Fer­ment des Kos­mo­po­li­tis­mus und der na­tio­na­len De­kom­po­si­ti­on und insofern…nichts als Welt­bür­ger­thum“. In der Eu­pho­rie der Wen­de­zeit, als die DDR-Deut­schen al­les an­de­re, nur kei­ne Ent­na­tio­na­li­sie­rer sein woll­ten, stell­te die­se von Ha­ber­mas ver­wen­de­te Re­de­wen­dung je­den­falls ein an­spie­lungs­rei­ches Vo­ka­bu­lar dar.

Si­cher war sich Ha­ber­mas zwar nicht, ob der idea­ler­wei­se von al­ler Zu­ge­hö­rig­keit los­ge­lös­te ent­na­tio­na­li­sier­te Deut­sche nicht doch ein­mal un­ter ver­än­der­ten his­to­ri­schen Be­din­gun­gen ge­gen das Pro­krus­tes­bett der for­cier­ten Mul­ti­kul­tu­ra­li­sie­rung re­bel­lie­ren wür­de. Die öst­lich der El­be Le­ben­den wa­ren ja dies­be­züg­lich schwer ein­zu­schät­zen. Sie vor al­lem soll­ten ler­nen, was es heißt, sich mit ei­ner po­li­ti­schen Exis­tenz „als Fer­ment“ ab­zu­fin­den. Ir­rever­si­bel sei die Ver­west­li­chung erst, wenn sie die kul­tu­rel­le Men­ta­li­tät der ge­sam­ten Be­völ­ke­rung durch­drun­gen ha­be.

Um ein sol­ches Er­geb­nis zu er­rei­chen, müs­se auf der in­tel­lek­tu­el­len Ebe­ne ei­ne ver­än­der­te In­ter­pre­ta­ti­on un­se­rer na­tio­na­len ge­schicht­li­chen Tra­di­ti­on und ei­ne Säu­be­rung un­se­res kul­tu­rel­len Er­bes statt­fin­den. Wie man sich ein sol­ches Un­ter­neh­men vor­zu­stel­len hat­te, ver­deut­lich­te Ha­ber­mas an­hand ei­ner Art li­te­ra­ri­scher Prio­ri­tä­ten­lis­te: Kant, Marx, Freud, Kaf­ka, Brecht, Bör­ne, Hei­ne und Tuchol­s­ky wa­ren da­nach för­de­rungs­wür­dig, wäh­rend die „schwar­zen At­trak­tio­nen“ un­se­rer Über­lie­fe­rung, bei­spiels­wei­se Kla­ges, der spä­te Hei­deg­ger oder C. Schmitt im Gift­schrank si­cher ver­wahrt blei­ben soll­ten. Al­so die Gu­ten ins Töpf­chen, die Schlech­ten ins Kröpf­chen! Hat­ten wir nicht dar­um ge­run­gen, die­se vor­mund­schaft­li­che Va­ri­an­te ei­ner son­die­ren­den Kul­tur­po­li­tik hin­ter uns zu las­sen?

III. Die De­mo­gra­fie des Rück­zugs

So wie Ha­ber­mas es vor­ge­dacht hat, ar­bei­ten heu­te al­le maß­geb­li­chen Kräf­te bei den Grü­nen, der Lin­ken und Tei­le der SPD und CDU an der De­mon­ta­ge des Na­tio­nal­staats und der „Re­kom­po­si­ti­on der Wohn­be­völ­ke­rung“ (Heinz Bu­de) zu Las­ten der Her­kunfts­deut­schen. Ha­ben die Deut­schen nach 1945 und 1990 gros­so mo­do an ih­rer Ver­west­li­chung (Ame­ri­ka­ni­sie­rung) mit­ge­wirkt, so neh­men sie es heu­te in ih­rer Mehr­heit wi­der­stands­los hin, zur Min­der­heit im ei­ge­nen Land zu wer­den. An­ge­sichts ei­ner nied­ri­gen Ge­bur­ten­ra­te der Au­to­chtho­nen ist der Weg in ei­ne Mul­ti­mi­no­ri­tä­ten­ge­sell­schaft vor­ge­zeich­net. Ei­ne An­samm­lung von Min­der­hei­ten bil­det die Ge­sell­schaft. Es gibt kei­ne eth­ni­sche oder kul­tu­rel­le Grup­pe, die die Mehr­heit stellt.

Wer wis­sen will, wie die lan­des­wei­te städ­ti­sche Kul­tur­land­schaft aus­sieht, so­bald der Ru­bi­con im Hin­blick auf die Mehr­heits­ver­hält­nis­se in­ner­halb der nächs­ten drei Jahr­zehn­ten über­schrit­ten wird, dem sei ein Ta­ges­aus­flug nach Neu­kölln oder Marxloh emp­foh­len.

Es leuch­tet ein, dass oh­ne ei­ne prä­gen­de Leit­kul­tur die Wei­ter­ga­be der hier­zu­lan­de un­ver­zicht­ba­ren Kul­tur- und Sym­bolleis­tun­gen an die Hin­zu­ge­kom­me­nen ei­ne Il­lu­si­on ist (Ein paar Mus­ter­kna­ben der In­te­gra­ti­on, die man me­di­en­wirk­sam prä­sen­tie­ren kann, las­sen sich un­ter den seit dem Win­ter­se­mes­ter 2015 / 2016 10087 Im­ma­tri­ku­lier­ten na­tür­lich je­der­zeit fin­den. Setzt man die­se Zahl je­doch in Re­la­ti­on al­lein zu den 1,8 Mil­lio­nen der­zeit in Deutsch­land le­ben­den Flücht­lin­gen, wird so­fort deut­lich, dass die Pa­ra­de­bei­spie­le so gut wie kei­ne Aus­sa­ge­kraft ha­ben. – Quel­le Die Zeit 20.8.2020, 5 Jah­re nach: „Wir schaf­fen das!“)

Wie er­klärt sich nun aber die über­all an­zu­tref­fen­de Sorg­lo­sig­keit im Hin­blick auf die hier an­ge­zeig­te De­mo­gra­fie des Rück­zugs? Nur so­viel: Die Deut­schen als Eth­nie wer­den zwar mit wach­sen­der Ge­schwin­dig­keit schrump­fen. Be­ach­tens­wer­te und sicht­ba­re Rest­be­stän­de der alt­ein­ge­ses­se­nen Be­völ­ke­rung wer­den aber noch lan­ge exis­tie­ren, be­son­ders im Os­ten. Be­acht­lich ist fer­ner, dass der schlei­chen­de Pro­zess des Be­völ­ke­rungs­aus­tauschs in den Bun­des­län­dern völ­lig un­ein­heit­lich ab­läuft. Was im Ruhr­ge­biet pas­siert, bringt den Bran­den­bur­ger nicht um sei­nen Schlaf. Und wo es her­kunfts­be­wuss­te Deut­sche und Deut­sches au­ßer­halb der ober­fläch­li­chen so­zi­al­staat­li­chen Be­zie­hun­gen kaum mehr gibt, ist die Men­ge der In­dif­fe­ren­ten oh­ne­hin ge­neigt, die Um­deu­tung ih­rer Mar­gi­na­li­sie­rung sich als Stei­ge­rung ei­ner be­grü­ßens­wer­ten Di­ver­si­fi­zie­rung ein­re­den zu las­sen und die Ver­lus­te als Be­rei­che­rung zu ver­bu­chen.

Als Mus­ter­bei­spiel des In­dif­fe­ren­tis­mus darf Ro­bert Ha­beck gel­ten, der uns in sei­nem Buch Pa­trio­tis­mus / Ein lin­kes Plä­doy­er ei­nen Ein­blick in sein See­len­le­ben ge­währt: „Pa­trio­tis­mus, Va­ter­lands­lie­be al­so, fand ich stets zum Kot­zen. Ich wuss­te mit Deutsch­land nichts an­zu­fan­gen und weiß es bis heu­te nicht.“

Die po­li­ti­sche Fra­ge an­ge­sichts der be­schrie­be­nen Ma­lai­se lau­tet nun aber kei­nes­falls Ein­wan­de­rung oder kei­ne Ein­wan­de­rung. Die wirk­li­che Gret­chen­fra­ge ist, ob man Deutsch­land blei­bend aus­ge­rech­net mit ei­ner in­kom­pa­ti­blen Zahl von Frem­den aus der vor­mo­der­nen afri­ka­nisch-ara­bisch-is­la­mi­schen Welt be­völ­kert se­hen will.

So­bald die Macht- und He­ge­mo­nie­fra­ge ein­mal de­mo­gra­fisch be­sie­gelt ist, än­dern sich die his­to­ri­schen Per­spek­ti­ven und Op­tio­nen dras­tisch! Es gibt Schwel­len: Sind die über­schrit­ten, hän­gen die in der Ge­sell­schaft herr­schen­den Ver­hält­nis­se nicht mehr län­ger von der her­kömm­li­chen Ord­nung ab, son­dern von ganz an­de­ren, eher re­li­giö­sen und grup­pen­spe­zi­fi­schen Leit­kul­tu­ren. Et­wa den Clan­struk­tu­ren, die durch eth­ni­sche Fa­mi­li­en­ban­de, Geld und der Macht des Stär­ke­ren zu­sam­men­ge­schweißt wer­den. Es ent­ste­hen städ­ti­sche Räu­me, wo das staat­li­che Ge­walt­mo­no­pol zur ver­spot­te­ten Fik­ti­on wird. Von den Alt­ein­ge­ses­se­nen ge­räumt und durch Zu­wan­de­rer aus dem ara­bisch-afri­ka­ni­schen Raum be­völ­kert, schrei­tet die Se­gre­ga­ti­on vor­an. Ent­lang eth­ni­scher Gren­zen spal­tet sich die Ge­sell­schaft. Dass die De­mo­gra­fie des Rück­zugs an­ge­sichts sol­cher Ent­wick­lun­gen selbst die Deut­schen in den Tau­nus­vor­or­ten Frank­furts, in Mün­chen-Grün­wald oder in Ber­lin-Wil­mers­dorf dem­nächst be­un­ru­hi­gen könn­te, die sie bis da­to igno­riert ha­ben, ist zwar nicht si­cher, aber an­zu­neh­men.

Man soll­te aus der Not je­doch nicht gleich ei­ne Tu­gend ma­chen wol­len, so wie Bo­tho Strauß, der in ei­ner Glos­se zur Flücht­lings­kri­se 2015 schreibt:„Nun, was kann den Deut­schen Bes­se­res pas­sie­ren, als in ih­rem Land ei­ne kräf­ti­ge Min­der­heit zu wer­den? Oft bringt erst ei­ne in­to­le­ran­te Fremd­herr­schaft ein Volk zur Selbst­be­sin­nung. Dann erst wird Iden­ti­tät wirk­lich ge­braucht.“

So zu den­ken ist nicht ab­we­gig. Bes­se­res pas­sie­ren könn­te den Deut­schen aber al­le­mal, wenn sich die am­tie­ren­de po­li­ti­sche Klas­se z.B. an der Zu­wan­de­rungs­po­li­tik der Po­len, Un­garn, Tsche­chen und Slo­wa­ken oder bes­ser noch an Län­dern wie Ka­na­da ein Bei­spiel neh­men wür­de.

In An­be­tracht des ge­gen die Vi­segrád-Staa­ten ge­rich­te­ten pro­pa­gan­dis­ti­schen Trom­mel­feu­ers der Me­di­en und der bös­ar­ti­gen Ar­ro­ganz der Eu­ro­kra­ten, die ja nicht ein­mal der Brex­it ge­nö­tigt hat, ih­re Mi­ga­ti­ons­po­li­tik auf den Prüf­stand zu stel­len, ist mit ei­ner sol­chen Keh­re der­zeit eher nicht zu rech­nen.

Ge­hen wir von die­ser Ein­sicht aus, braucht man nicht lan­ge rät­seln, wo­hin die Rei­se uns füh­ren wird. Ein Blick auf Frank­reich zeigt die Dra­ma­tik des Ge­sche­hens. Zwar sind die Zu­stän­de dort nicht de­ckungs­gleich mit de­nen in Deutsch­land. Aber kön­nen wir dar­auf ver­trau­en, dass der po­li­ti­sche Is­lam in der Ber­li­ner Re­pu­blik auch nur ei­nen Deut we­ni­ger ex­pan­siv ist? Wenn Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron in die­sen Ta­gen zur „re­pu­bli­ka­ni­schen Rück­erobe­rung“ sei­nes Lan­des auf­ruft, soll­te das dies­seits des Rheins we­nigs­tens als Weck­ruf ge­hört wer­den. Im­mer­hin 150 Städ­te ha­ben die fran­zö­si­schen Be­hör­den auf­ge­lis­tet, die via Mo­sche­en ak­tu­ell is­la­mis­tisch kon­trol­liert wer­den.

In Deutsch­land wei­gert man sich bis­lang, ein de­tail­lier­tes Re­gis­ter der is­la­mis­ti­schen Land­nah­me zu er­stel­len. Statt­des­sen träumt man hier wei­ter von In­te­gra­ti­on und ei­nem auf­ge­klär­ten, eu­ro­päi­sier­ten Is­lam. Wie es um die­se Fa­ta Mor­ga­na prak­tisch be­stellt ist, leh­ren die Vor­gän­ge um die Ima­min Sey­ran Ates. Ih­re Grün­dung der li­be­ra­len Ibn-Rushd-Goe­the-Mo­schee in Ber­lin hat ihr den Hass der ei­ge­nen Glau­bens­brü­der be­schert (Sey­ran Ates: „Da gibt es Mus­li­me, die sa­gen, das geht gar nicht, bringt all die­se Leu­te um und tö­tet die­se Frau. Des­halb le­be ich un­ter Per­so­nen­schutz.“) Der Ver­such, ei­nen to­le­ran­ten Is­lam zu in­sti­tu­tio­na­li­sie­ren, der mit den deut­schen Stan­dards kom­pa­ti­bel ist – ei­ner sä­ku­la­ri­sier­ten Kul­tur, dem Prin­zip der Re­li­gi­ons­frei­heit ein­schließ­lich der Frei­heit, den is­la­mi­schen Glau­ben auf­zu­ge­ben, dem in­di­vi­dua­li­sier­ten Le­bens­stil usw. -, mag für ei­ne Hand­voll li­be­ra­ler Mus­li­me at­trak­tiv sein, den From­men ist das Gan­ze je­doch mit Si­cher­heit ein Dorn im Au­ge. Die heh­re Hoff­nung, dass ein welt­weit ex­pan­die­ren­der Is­lam sich aus­ge­rech­net hier­zu­lan­de „ver­west­li­chen“ wird, bleibt ei­ne Form der Wirk­lich­keits­ver­wei­ge­rung. Um­mün­zun­gen re­li­giö­ser Mo­ral­vor­stel­lun­gen und In­hal­te be­nö­ti­gen nun ein­mal Jahr­hun­der­te.

Au­tor: Gast­bei­trag von Rolf Hen­rich, pu­bli­ziert mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung des Au­tors. Der Ori­gi­nal­ar­ti­kel er­schien auf der Web­site Schreib und Sprich.

Links:

Gibt es ein Men­schen­recht auf Hei­mat?

Der de­mo­gra­fi­sche Wan­del in Deutsch­land und der Ver­lust an Kom­pe­ten­zen und kul­tu­rel­lem Ka­pi­tal

Ti­tel­bild: Án­gel del­la Val­le, Pu­blic do­main, via Wi­ki­me­dia Com­mons

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