Die Auf­klä­rung als Grund­la­ge des mo­der­nen eu­ro­päi­schen Na­tio­nal-, Rechts- und So­zi­al­staats

Auf­ga­ben und Le­gi­ti­mi­tät staat­li­chen, po­li­ti­schen und ge­setz­ge­be­ri­schen Han­delns lei­ten sich aus dem Staats­zweck, der Ver­fas­sung so­wie dem geis­ti­gen, kul­tu­rel­len und ethi­schen Selbst­ver­ständ­nis ei­ner Ge­sell­schaft ab. Doch was sind ei­gent­lich Staats­zweck und ide­el­le Grund­la­gen der mo­der­nen eu­ro­päi­schen Staa­ten?

Staats­zweck

Die neu­zeit­li­chen, de­mo­kra­tisch ver­fass­ten Na­tio­nal-, Rechts- und So­zi­al­staa­ten in Eu­ro­pa sind fast al­le tra­di­tio­nell christ­lich ge­prägt, je­doch nicht christ­lich ver­fasst (ei­ne Ein­heit von Staat und Re­li­gi­on ist im Chris­ten­tum ge­mäß der Zwei-Rei­che-Leh­re auch gar nicht vor­ge­se­hen, viel­mehr sind dort welt­li­ches und gött­li­ches Reich ge­trenn­te Sphä­ren). Das ide­en­ge­schicht­li­che Fun­da­ment die­ser Staa­ten bil­det viel­mehr die Auf­klä­rung, de­ren Wer­te in der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on, aus der der ers­te mo­der­ne eu­ro­päi­sche Na­tio­nal­staat her­vor­ging, in der For­mel ‘Frei­heit, Gleich­heit, Brü­der­lich­keit’ zum Aus­druck kom­men. Je­doch sind fun­da­men­ta­le christ­li­che Wer­te wie die Nächs­ten­lie­be im – al­ler­dings auf Ge­gen­sei­tig­keit an­ge­leg­ten – Hu­ma­nis­mus der Auf­klä­rung auf­be­wahrt.

Staats­theo­re­tisch han­delt es sich um (meist um Kom­po­nen­ten der So­zi­al­für­sor­ge er­wei­ter­te) Ver­trags­staa­ten, i.e. So­zi­al- bzw. Wohl­fahrts­staa­ten, de­ren we­sent­li­che Ba­sis ein Volk im Sin­ne ei­ner nicht-ex­klu­si­ven, aber or­ga­nisch ge­wach­se­nen und sich ent­wi­ckeln­den Ab­stam­mungs-, Her­kunfts-, Sprach-, Schick­sals-, So­li­dar-, Kul­tur- und Wer­te­ge­mein­schaft bil­det und in de­nen mün­di­ge, auf­ge­klär­te Bür­ger un­ter­ein­an­der und mit dem Staat ei­ne Art Ver­trag mit fest­ge­leg­ten Rech­ten & Pflich­ten auf Ge­gen­sei­tig­keit ein­ge­hen. Die Re­gie­rung ist da­bei der vom Sou­ve­rän, dem Volk als Ge­samt­heit der Bür­ger auf Zeit ge­wähl­te, be­stell­te Treu­hän­der, der die Ein­hal­tung des Ver­tra­ges si­cher­stel­len muss und dem Bür­ger Re­chen­schaft schul­dig ist und der vom Sou­ve­rän per Volks­ent­schei­den zum Han­deln ver­pflich­tet oder per Wah­len al­le paar Jah­re ab­ge­wählt und neu be­stimmt wer­den kann. Dem­entspre­chend lau­tet der Amts­eid von Bun­des­prä­si­dent, Bun­des­kanz­ler und Bun­des­mi­nis­tern: „Ich schwö­re, dass ich mei­ne Kraft dem Woh­le des deut­schen Vol­kes wid­men, sei­nen Nut­zen meh­ren, Scha­den von ihm wen­den, das Grund­ge­setz und die Ge­set­ze des Bun­des wah­ren und ver­tei­di­gen, mei­ne Pflich­ten ge­wis­sen­haft er­fül­len und Ge­rech­tig­keit ge­gen je­der­mann üben wer­de. So wahr mir Gott hel­fe.“

Zu­sam­men mit der staat­li­chen Für­sor­ge für Be­dürf­ti­ge ist ein auf­ge­klär­ter Staat so­mit ei­ne Art er­wei­ter­te, in­sti­tu­tio­na­li­sier­te Fa­mi­lie, in der In­di­vi­du­al- und Kol­lek­tiv­rech­te, in­di­vi­du­el­le Frei­heit wie ge­sell­schaft­li­che So­li­da­ri­tät glei­cher­ma­ßen Wert­schät­zung er­fah­ren und ein Aus­gleich zwi­schen bei­den an­ge­strebt wird, nach dem Mot­to: Ei­gen­wohl & Ge­mein­wohl be­din­gen ein­an­der. Oder: Es gibt kein Ei­gen­wohl oh­ne Ge­mein­wohl und kein Ge­mein­wohl oh­ne Ei­gen­wohl.

Gustav Heinemann: Die Grundlage der Demokratie ist die Volks-Souberänität

Frei­heit und Si­cher­heit der Bür­ger sind obers­ter Staats­zweck

Nach der mo­der­nen Staats­leh­re ist ein Staat de­fi­niert durch Staats­ge­biet, Staats­volk und Staats­ge­walt, wo­bei mit Staats­ge­walt die Funk­ti­ons­fä­hig­keit der drei von­ein­an­der un­ab­hän­gi­gen Ge­wal­ten Le­gis­la­ti­ve, Exe­ku­ti­ve und Ju­di­ka­ti­ve so­wie das staat­li­che Ge­walt­mo­no­pol ge­meint ist. Als 4. Ge­walt könn­te man noch un­ab­hän­gi­ge Me­di­en hin­zu neh­men.

Der Staat ist kein Selbst­zweck, er ist viel­mehr ei­ne ge­mein­sa­me Sa­che (res pu­bli­ca) der Bür­ger zum Er­halt und zur Re­ge­lung ei­nes frei­heit­li­chen, ge­ord­ne­ten, har­mo­ni­schen Zu­sam­men­le­bens, das die Selbst­ent­fal­tung und -ver­wirk­li­chung der Bür­ger im Rah­men ge­sell­schaft­li­chen Frie­dens er­mög­licht. Der Staats­zweck, i.e. die Haupt­auf­ga­be de­mo­kra­ti­scher Na­tio­nal-, Rechts- und So­zi­al­staa­ten, be­steht al­so dar­in, Frei­heit und Si­cher­heit der Bür­ger ge­gen Ge­fah­ren und An­grif­fe von in­nen wie von au­ßen zu ver­tei­di­gen, das Recht durch­zu­set­zen, Ge­ben & Neh­men und ei­nen Aus­gleich der In­ter­es­sen si­cher­zu­stel­len so­wie die Bür­ger vor exis­ten­zi­el­ler Not zu be­wah­ren und so­mit das Ei­gen­wohl der Bür­ger eben­so wie das Ge­mein­wohl des Ge­mein­we­sens zu er­hal­ten und zu meh­ren.

Vor­aus­set­zung da­für ist der Er­halt des Staa­tes selbst in sei­ner frei­heit­lich- de­mo­kra­ti­schen, plu­ra­lis­ti­schen und rechts­staat­li­chen Ver­fasst­heit in­klu­si­ve der Ge­wal­ten­tei­lung zur Ab­wehr ex­ter­ner oder par­ti­ku­la­rer Macht­ge­lüs­te. Hier­für wie­der­um ist der Er­halt der ethi­schen, mo­ra­li­schen und kul­tu­rel­len Sub­stanz in Form ei­nes auf­ge­klär­ten Be­wusst­seins der An­ge­hö­ri­gen des Ge­mein­we­sens er­for­der­lich. Die­ses kul­tu­rel­le Be­wusst­sein ist im Men­schen ver­an­lagt (ei­gen­wohlori­en­tier­te & ge­mein­wohlori­en­tier­te In­stink­te, Ge­rech­tig­keits­emp­fin­den), aber nicht ent­wi­ckelt, es muss durch  So­zia­li­sa­ti­on ge­för­dert und ge­schützt wer­den, die Selbst­be­stim­mung, Selbst­ver­ant­wor­tung und den Sinn für Ge­rech­tig­keit ins Zen­trum der Er­zie­hung stellt. Der Staats­recht­ler und Rechts­phi­lo­soph Ernst-Wolf­gang Bö­cken­för­de hat das in sei­nem ‘Bö­cken­för­de-Dik­tum’ dar­ge­legt:

„Der frei­heit­li­che, sä­ku­la­ri­sier­te Staat lebt von Vor­aus­set­zun­gen, die er selbst nicht ga­ran­tie­ren kann. Das ist das gro­ße Wag­nis, das er, um der Frei­heit wil­len, ein­ge­gan­gen ist. Als frei­heit­li­cher Staat kann er ei­ner­seits nur be­stehen, wenn sich die Frei­heit, die er sei­nen Bür­gern ge­währt, von in­nen her, aus der mo­ra­li­schen Sub­stanz des ein­zel­nen und der Ho­mo­ge­ni­tät der Ge­sell­schaft, re­gu­liert. An­der­seits kann er die­se in­ne­ren Re­gu­lie­rungs­kräf­te nicht von sich aus, das heißt mit den Mit­teln des Rechts­zwan­ges und au­to­ri­ta­ti­ven Ge­bots zu ga­ran­tie­ren su­chen, oh­ne sei­ne Frei­heit­lich­keit auf­zu­ge­ben und – auf sä­ku­la­ri­sier­ter Ebe­ne – in je­nen To­ta­li­täts­an­spruch zu­rück­zu­fal­len, aus dem er in den kon­fes­sio­nel­len Bür­ger­krie­gen her­aus­ge­führt hat.“ (Bö­cken­för­de-Dik­tum)

Das Dik­tum legt na­he, dass ei­ne durch sorg­fäl­ti­ge Fa­mi­li­en­po­li­tik und So­zia­li­sa­ti­on be­wirk­te auf­ge­klär­te ethisch- kul­tu­rel­le Ho­mo­ge­ni­tät als im­ma­te­ri­el­les So­zi­al­ka­pi­tal ei­ne her­aus­ra­gen­de Be­deu­tung für den bio­lo­gi­schen und kul­tu­rel­len Fort­be­stand ei­nes frei­heit­li­chen Ge­mein­we­sens hat und bei Zu­wan­de­rung In­te­gra­ti­ons­be­reit­schaft und In­te­gra­ti­ons­fä­hig­keit der Zu­wan­de­rer wie der Ge­sell­schaft ei­ne be­deu­ten­de Rol­le spie­len. Denn Kul­tur be­ginnt mit So­zia­li­sa­ti­on.

An­mer­kung: Ei­ne Wohl­fahrts- oder Wohl­tä­tig­keits- Or­ga­ni­sa­ti­on für das Wohl al­ler Men­schen ist ein Staat nicht. Das Wohl al­ler Men­schen ist Ge­gen­stand der Staa­ten­ge­mein­schaft (UN). Auch NGOs kön­nen sich die­se Auf­ga­be stel­len, je­doch auf pri­va­ter, frei­wil­li­ger Ba­sis.

Auf­klä­rung: Der Mensch als selbst­be­stimm­tes, ge­sell­schaft­li­ches Sub­jekt

Das auf­ge­klär­te Men­schen­bild ba­siert auf der Idee vom Men­schen als ei­nem frei­en, un­be­ding­ten und selbst­be­stimm­ten Sub­jekt, das ge­mäß Selbst­zweck­for­mel kei­nen frem­den Zwe­cken un­ter­wor­fen ist.

Da der Mensch kein Ein­zel­gän­ger ist, son­dern ein ge­sell­schaft­li­ches Le­be­we­sen (Zoon Po­liti­con), braucht es Re­geln für den ge­sell­schaft­li­chen Um­gang mit­ein­an­der. Die auf­ge­klär­te Vor­stel­lung von mensch­li­cher Ge­mein­schaft be­ruht auf der Idee von Gleich­be­rech­ti­gung und Gleich­wer­tig­keit der mensch­li­chen Sub­jek­te so­wie ge­mäß ka­te­go­ri­schem Im­pe­ra­tiv und Mensch­heits­zweck­for­mel auf der hu­ma­nis­ti­schen Idee, dass Men­schen re­spekt­voll, ge­recht und ko­ope­ra­tiv zu­sam­men­le­ben sol­len. Frei­heit en­det bei der Frei­heit des an­de­ren, Selbst­be­stim­mung ist an Selbst­ver­ant­wor­tung ge­knüpft, so dass nie­mand den an­de­ren mut­wil­lig be­ein­träch­tigt oder ihm zur Last fällt. Die Be­zie­hun­gen zwi­schen den Men­schen sol­len auf fai­rem Ge­ben & Neh­men und dem Stre­ben nach ei­nem ge­rech­ten Aus­gleich von In­ter­es­sen grün­den.

Ge­mäß dem Prin­zip der Gleich­be­rech­ti­gung kann sich nie­mand auf ein Recht be­ru­fen, das er nicht zu­gleich an­de­ren ge­währt. Je­des Recht be­dingt so­mit auch ei­ne Pflicht: Das Recht auf Frei­heit be­dingt die Pflicht zum Re­spekt vor der Frei­heit an­de­rer und vor der Schöp­fung„ Selbst­be­stim­mung be­dingt die Pflicht zur Selbst­ver­ant­wor­tung, das Recht auf Hil­fe in der Not be­dingt die Pflicht, al­les zu tun, um Not­si­tua­tio­nen zu ver­mei­den bzw. zu be­he­ben. Denn kein Mensch lebt pri­mär für ei­nen an­de­ren. Es gibt kei­ne Pflicht zu Selbst­aus­beu­tung, Selbst­auf­ga­be oder Selbst­auf­op­fe­rung.

Das har­mo­ni­sche Zu­sam­men­le­ben in ei­ner auf­ge­klär­ten Ge­sell­schaft und zwi­schen Ge­sell­schaf­ten im Geis­te von Auf­klä­rung und Hu­ma­nis­mus er­for­dert so­mit von al­len An­ge­hö­ri­gen die­ser Gesellschaft(en) Ein­sicht, Be­reit­schaft und Fä­hig­keit, die Re­geln der Auf­klä­rung zu re­spek­tie­ren und zu be­fol­gen. Er­zie­hung, So­zia­li­sa­ti­on und ggfls. In­te­gra­ti­on ha­ben u.a. die Auf­ga­be, die Ver­in­ner­li­chung die­ser Re­geln zu be­för­dern.

Staa­ten als er­wei­ter­te Sub­jek­te. Völ­ker­recht

Ge­wach­se­ne, ge­wor­de­ne, frei­wil­lig ein­ge­gan­ge­ne oder be­stehen­de Zu­sam­men­schlüs­se von Men­schen wie Völ­ker, Ge­sell­schaf­ten und Staa­ten sind er­wei­ter­te Sub­jek­te, im Fal­le von Staa­ten oder staat­lich ver­fass­ten Ge­sell­schaf­ten völ­ker­recht­li­che Sub­jek­te. Auch Völ­ker und Staa­ten sind freie, un­be­ding­te, au­to­no­me und selbst­be­stimm­te Sub­jek­te, die kei­nen frem­den Zwe­cken die­nen.

Völ­ker, Ge­sell­schaf­ten und Staa­ten kön­nen zur Re­ge­lung der Be­zie­hun­gen ih­rer An­ge­hö­ri­gen un­ter­ein­an­der auf die je­wei­li­ge Kul­tur und Le­bens­art zu­ge­schnit­te­ne spe­zi­fi­sche Sit­ten, Bräu­che und Ge­wohn­hei­ten ent­wi­ckeln so­wie Rech­te und Pflich­ten fest­le­gen, die au­ßer­halb ih­rer Ge­mein­schaft und ge­gen­über Drit­ten nicht gel­ten, z.B. er­höh­te Rech­te und Pflich­ten zwecks Ver­sor­gung Jun­ger, Al­ter oder Be­dürf­ti­ger in ge­gen­sei­ti­ger Ver­ant­wor­tung. So ist So­zi­al­hil­fe oder Hartz 4 kein Men­schen­recht, son­dern auf dem Prin­zip von Ge­gen­sei­tig­keit be­ru­hen­de in­sti­tu­tio­na­li­sier­te So­li­da­ri­tät in­ner­halb ei­ner Ge­sell­schaft, in der fa­mi­liä­re Bin­dun­gen kei­ne so­zia­le Ab­si­che­rung mehr bie­ten und Selbst­ver­sor­gung nicht mög­lich oder üb­lich ist. Staat­li­che So­zi­al­sys­te­me ent­stan­den in Deutsch­land in­fol­ge der In­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on und der da­mit ein­her ge­hen­den Auf­lö­sung der er­wei­ter­ten Fa­mi­len­ver­bän­de. – In tri­ba­lis­tisch or­ga­ni­sier­ten Ge­sell­schaf­ten tritt fa­mi­liä­re oder Stam­mes- So­li­da­ri­tät an die Stel­le der über staat­li­che In­sti­tu­te ge­üb­ten So­li­da­ri­tät.

Auch des mo­der­ne Völ­ker­recht ba­siert auf der Auf­klä­rung. Wie die Be­zie­hun­gen von Men­schen in ei­ner Ge­sell­schaft sol­len die Be­zie­hun­gen der Völ­ker im Rah­men der Welt­ge­mein­schaft auf Re­spekt vor dem Recht auf Selbst­be­stim­mung an­de­rer Völ­ker, Selbst­ver­ant­wor­tung für das ei­ge­ne Volk, fai­rem Ge­ben & Neh­men (fair tra­de & eco­no­my) und dem Stre­ben nach ei­nem ge­rech­ten Aus­gleich von In­ter­es­sen grün­den. Das be­deu­tet auch, dass im Re­gel­fal­le pri­mär das Hei­mat­land und sei­ne Kul­tur für Si­cher­heit, Ver­sor­gung und Wohl sei­ner Ein­woh­ner ver­ant­wort­lich ist. Da­zu ge­hört auch die in­ner- wie in­ter­ge­sell­schaf­lich so­zi­al­ver­träg­li­che Steue­rung der Be­völ­ke­rungs­ent­wick­lung, ins­be­son­de­re die Be­gren­zung des Be­völ­ke­rungs­wachs­tums, dem Haupt­trei­ber für Krieg und Bür­ger­krieg, Mi­gra­ti­on und Ex­pan­si­on bis hin zu In­va­si­on so­wie der Haupt­ur­sa­che für Ar­mut und Not.

Emi­gra­ti­on und Im­mi­gra­ti­on

Ge­mäß der Be­din­gung der Frei­wil­lig­keit des Zu­sam­men­schlus­ses muss ein Staat Aus­wan­de­rung zu­las­sen. Ge­mäß sei­ner Ei­gen­schaft als selbst­be­stimm­tes er­wei­ter­tes Sub­jekt hat er auf der an­de­ren Sei­te das Recht, selbst dar­über zu be­stim­men, ob er Zu­wan­de­rung zu­las­sen will oder nicht und wenn ja, in wel­chem Um­fang. Es gibt kei­ne Pflicht, Im­mi­gra­ti­on zu ak­zep­tie­ren, ab­ge­se­hen von Zu­wan­de­rung auf Ba­sis per­sön­li­cher Be­zie­hun­gen, wenn der Le­bens­un­ter­halt si­cher­ge­stellt ist.

Hans-Dietrich Genscher: Deutschland ist kein Einwanderungsland

Un­ter den Flä­chen­staa­ten der Welt ge­hört Deutsch­land zu dem Fünf­tel der am dich­tes­ten be­vö­ker­ten Län­der (Rang 11 von 58 Län­dern mit über 20 Mio Ein­woh­nern ge­mäß Wi­ki­pe­dia). Wie ver­nünf­tig ist es bei die­ser Kon­stel­la­ti­on, Deutsch­land ge­ne­rell zum Ein­wan­de­rungs­land zu er­klä­ren?

Ob Zu­wan­de­rung Sinn macht oder nicht, hängt von ei­ner Viel­zahl von Fak­to­ren ab: Räum­li­che und land­schaft­li­che Ka­pa­zi­tä­ten, Frucht­bar­keit der Bö­den zur Selbst­ver­sor­gung mit Nah­rungs­mit­teln, Be­sie­de­lungs­dich­te, Be­völ­ke­rungs­ent­wick­lung, Wohn­raum und Ar­beits­plät­ze, Na­tur, Um­welt, sex ra­tio und heu­te­zu­ta­ge auch noch der Ein­fluss auf das Kli­ma und wei­te­res mehr.

Ent­schließt sich ein Staat da­zu, Zu­wan­de­rung zu ak­zep­tie­ren, so ist er in der Pflicht, die Zu­wan­de­rung mit Um­sicht und Sorg­falt zu ge­stal­ten. Denn er trägt die Ver­ant­wor­tung für Si­cher­heit und Wohl des Ge­mein­we­sens und der Men­schen dar­in, muss für So­zi­al­ver­träg­lich­keit sor­gen und das kul­tu­rel­le und so­zia­le Ka­pi­tal schüt­zen und be­för­dern und ein har­mo­ni­sches Zu­sam­men­le­ben und den Er­halt von auf­ge­klär­ter Kul­tur und Le­bens­art si­cher­stel­len. Zu die­sem Zwe­cke ist auf die kul­tu­rel­len, so­zia­li­sa­ti­ons­be­ding­ten und be­ruf­li­chen Qua­li­fi­ka­tio­nen der Zu­wan­de­rer zu ach­ten, auf ih­re Fä­hig­keit und Be­reit­schaft zur In­te­gra­ti­on, zur An­er­ken­nung der Re­geln der Ge­mein­schaft, zur Selbst­ver­sor­gung so­wie zur Leis­tung ei­nes ge­rech­ten Bei­tra­ges zum Ge­mein­we­sen.

Denn was für mensch­li­che Sub­jek­te gilt, gilt auch für ge­sell­schaft­li­che oder völ­ker­rech­li­che Sub­jek­te: Kein Volk und kein Staat exis­tiert pri­mär für an­de­re Völ­ker bzw. für Men­schen aus an­de­ren Staa­ten oder Völ­kern. Es gibt kei­ne Pflicht zu Selbst­aus­beu­tung oder gar Selbst­auf­ga­be und Selbst­auf­op­fe­rung.

Not­hil­fe, In­ter­ven­ti­on, Flucht und Asyl

Wie oben dar­ge­legt, ist das Selbst­be­stim­mungs­recht der Völ­ker ge­kop­pelt an die Pflicht zur Selbst­ver­ant­wor­tung. Das be­deu­tet, dass je­der Staat die Pflicht hat, Struk­tu­ren zu schaf­fen, die nach­hal­tig da­für sor­gen, dass sei­ne Bür­ger nicht in Not ge­ra­ten und aus exis­ten­zi­el­ler Not mi­grie­ren müs­sen. Die­se Pflicht be­steht nicht nur den ei­ge­nen Bür­gern ge­gen­über, son­dern auch an­dern Staa­ten und Völ­kern ge­gen­über. Kein Staat hat das Recht, sein Be­völ­ke­rungs­wachs­tum an­de­ren Staa­ten auf­zu­bür­den.

Doch na­tür­lich pas­sie­ren Krie­ge, Bür­ger­krie­ge, grau­sa­me Dik­ta­tu­ren, Na­tur­ka­ta­stro­phen oder Hun­gers­nö­te. In die­sen Fäl­len sind an­de­re Staa­ten auf­ge­for­dert, im Sin­ne von auf­ge­klär­ter Hu­ma­ni­tät und mensch­li­cher So­li­da­ri­tät (s.o. Mensch­heits­zwck­for­mel) Not­hil­fe zu leis­ten. Im Re­gel­fall soll das durch Hil­fe zur Selbst­hil­fe vor Ort ge­sche­hen, im Fal­le von Krie­gen oder Bür­ger­krie­gen kann auch die Ein­rich­tung von mi­li­tä­risch ge­si­cher­ten Schutz­zo­nen sinn­voll sein, in Fäl­len von Dik­ta­tur oder gar Ge­no­zi­den ist ei­ne In­ter­ven­ti­on der Völ­ker­ge­mein­schaft (UN) zwecks Be­kämp­fung von Ter­ror oder zur Ab­set­zung ei­ner Re­gie­rung ge­recht­fer­tigt.

Hun­ger, Ar­mut und Per­spek­tiv­lo­sig­keit kann nur durch ge­ziel­te Maß­nah­men vor Ort ef­fi­zi­ent und sinn­voll be­kämpft wer­den, denn Maß­nah­men wie Mas­sen­mi­gra­ti­on sind weit­aus auf­wän­di­ger als Hil­fe vor Ort. Die se­lek­ti­ve Auf­nah­me und Ver­sor­gung ei­ner we­ni­ger fit­ter Be­dürf­ti­ger in an­de­ren Län­dern ist So­zi­al­dar­wi­nis­mus.

Mas­sen­flucht ist nur im Fal­le von Krieg oder Bür­ger­krieg ei­ne Op­ti­on, falls die Ein­rich­tung von Schutz­zo­nen nicht mög­lich ist. In sol­chen Fäl­len ist in Nach­bar­län­dern oder Län­dern der wei­te­ren Pe­ri­phe­rie vor­über­ge­hend Auf­nah­me zu ge­wäh­ren, un­ter­stützt von der Welt­ge­mein­schaft, und der Kon­flikt durch mas­si­ve po­li­ti­sche und di­plo­ma­ti­sche, u.U. auch mi­li­tä­ri­sche Maß­nah­men so rasch wie mög­lich bei­zu­le­gen, um da­nach den Flüch­lin­gen ei­ne si­che­re Rück­kehr ins Hei­mat­land zu er­mög­li­chen.

Paul Col­lier, der bri­ti­sche Öko­nom, Mi­gra­ti­ons- Ex­per­te und Au­tor des Bu­ches ‘Exo­dus’, sagt da­zu in ei­nem In­ter­view mit der ‘Welt’ [Ar­chiv]: »Es muss ei­nen ra­di­ka­len Schwenk in der Kom­mu­ni­ka­ti­on ge­ben. Eu­ro­pa muss klar sa­gen, dass sich die Wohl­stands­mi­gran­ten gar nicht erst auf den Weg zu ma­chen brau­chen. Und auch die Flücht­lin­ge, die sich in Si­cher­heit brin­gen wol­len, kön­nen das nicht län­ger in Eu­ro­pa tun, son­dern in den si­che­ren Nach­bar­staa­ten, ganz so, wie es völ­ker­recht­lich fest­ge­legt ist. Das Prin­zip, dass si­che­re An­rai­ner­staa­ten Schutz bie­ten sol­len, muss aus zwei Grün­den zwin­gend gel­ten: Zum ei­nen kom­men die Flücht­lin­ge in das si­che­re Nach­bar­land am ein­fachs­ten hin­ein, oh­ne sich un­nö­tig in Ge­fahr zu brin­gen. Und wenn wie­der Frie­den in ih­rer Hei­mat herrscht, kön­nen die Flücht­lin­ge auch sehr ein­fach wie­der zu­rück und beim Wie­der­auf­bau hel­fen.«

Je­doch dür­fe Eu­ro­pa die Auf­nah­me­län­der nicht mit der Ver­sor­gung der Flücht­lin­ge al­lein las­sen. Es sei Sa­che der rei­chen Län­der, die­se Län­der an­ge­mes­sen zu ent­schä­di­gen. Col­lier: «Wir müs­sen den Men­schen, die ih­re Hei­mat nicht frei­wil­lig ver­las­sen ha­ben, hel­fen. Aber des­halb ha­ben sie noch lan­ge kei­nen An­spruch auf ei­nen Platz im eu­ro­päi­schen Wohl­stands­him­mel.» (Wei­te­re Er­läu­te­run­gen zu Col­liers Kon­zept: Kon­junk­tur­pro­gramm für Schleu­ser?)

Link:

Gibt es ein Men­schen­recht auf Hei­mat?

Zu­letzt ge­än­dert: 2021-06-07

Gra­fik: François Du­bo­is, Bar­tho­lo­mä­us­nacht, Pu­blic do­main

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