Die Auf­klä­rung als Grund­la­ge des mo­der­nen eu­ro­päi­schen Na­tio­nal-, Rechts- und So­zi­al­staats

Auf­ga­ben, Pflich­ten und Le­gi­ti­mi­tät staat­li­chen, po­li­ti­schen und ge­setz­ge­be­ri­schen Han­delns lei­ten sich aus dem Staats­zweck, der Ver­fas­sung so­wie dem geis­ti­gen, kul­tu­rel­len und ethi­schen Selbst­ver­ständ­nis ei­ner Ge­sell­schaft ab. Doch was sind ei­gent­lich Staats­zweck und ide­el­le Grund­la­gen der mo­der­nen eu­ro­päi­schen Staa­ten?

Staats­theo­rie: Ver­trags­staat

Aus­gangs des Mit­tel­al­ters kam es im Zu­ge der Auf­klä­rung und der Ab­kehr von der Vor­stel­lung der gott­ge­ge­be­nen und gott­ge­woll­ten Ord­nung auf Ba­sis der Herr­schafts­ge­walt der von Gott aus­er­wähl­ten ‘Star­ken’, meist des Adels (Ab­so­lu­tis­mus, Feu­da­lis­mus), zu ei­ner Re­nais­sance der Idee des Staa­tes als ge­mein­sa­me, ‘öf­fent­li­che Sa­che’, als res pu­bli­ca der Bür­ger, wie sie be­reits im al­ten Grie­chen­land und im al­ten Rö­mi­schen Reich exis­tier­te. Der Staat wur­de nicht mehr als In­stru­ment zur Durch­set­zung von Macht, In­ter­es­sen und Vi­sio­nen ade­li­ger Herr­scher be­trach­tet, son­dern als Zu­sam­men­schluss der Bür­ger zum Nut­zen al­ler Bür­ger auf Ba­sis ei­nes Ge­sell­schafts­ver­tra­ges.

Ge­mäß Tho­mas Hob­bes, der als Ver­tre­ter ei­nes ‘auf­ge­klär­ten Ab­so­lu­tis­mus’ gilt, bei dem der Herr­scher an Na­tur­recht (nicht zu ver­wech­seln mit dem ‘Recht des Stär­ke­ren’!) und Ge­mein­wohl ge­bun­den ist, dient ein sol­cher Ge­sell­schafts­ver­trag dem Zweck, den Na­tur­zu­stand des ‘Krie­ges al­ler ge­gen al­ler’ zu be­en­den.

Der li­be­ra­le John Lo­cke geht im Ge­gen­satz zu Hob­bes von ei­nem Na­tur­zu­stand ei­ner Ge­sell­schaft in Frei­heit und Gleich­heit (Gleich­be­rech­ti­gung) aus und hält ei­ne Re­gie­rung nur für le­gi­tim, wenn sie die Zu­stim­mung der Re­gier­ten hat, sieht den Zweck ei­nes Staa­tes aber eben­falls dar­in, die ge­fähr­de­ten Ele­men­te Frei­heit, Gleich­heit und das Recht auf Ei­gen­tum zu schüt­zen und zu si­chern. Da­mit der Staat sei­ne Macht nicht miss­brau­chen kann, schlägt Lo­cke die Tren­nung von Le­gis­la­ti­ve und Exe­ku­ti­ve vor (Checks & Ba­lan­ces), die Mon­tes­quieu spä­ter zur Leh­re von der Ge­wal­ten­tei­lung er­wei­ter­te, zu der auch ei­ne un­ab­hän­gí­ge Jus­tiz ge­hört.

Auch der 3. be­deu­ten­de Ver­trags­staat- Theo­re­ti­ker Jean-Jac­ques Rous­seau geht von ei­nem Na­tur­zu­stand von Frei­heit und Gleich­heit aus. Aus­ge­hend von den Ide­en Lo­ckes be­schäf­tigt er sich in­ten­siv mit dem Ver­hält­nis zwi­schen der Frei­heit des Ein­zel­nen und den Chan­cen, Ri­si­ken, An­for­de­run­gen und Pflich­ten des (staat­li­chen) Ge­mein­we­sens und Ge­mein­wohls. Im Con­trat so­ci­al II, 15 stellt Rous­seau die Fra­ge:

«„Wie fin­det man ei­ne Ge­sell­schafts­form, die je­des Glied ver­tei­digt und schützt und in der je­der Ein­zel­ne, ob­gleich er sich mit al­len ver­eint, den­noch nur sich selbst ge­horcht und so frei bleibt wie bis­her?’“

Da­mit ist das Grund­pro­blem der De­mo­kra­tie for­mu­liert: Die Au­to­no­mie des Ein­zel­nen wird nicht als Ge­gen­satz und po­ten­zi­el­le Be­dro­hung der Staats­sou­ve­rä­ni­tät be­trach­tet, son­dern als ih­re un­auf­heb­ba­re Vor­aus­set­zung. Ihr Schutz ist so­mit die we­sent­li­che Staats­auf­ga­be. Wie aber kön­nen freie In­di­vi­du­en ei­ne all­ge­mein­gül­ti­ge Ord­nung her­stel­len?

Die Lö­sung sah Rous­seau in der Volks­sou­ve­rä­ni­tät: Nur als sou­ve­rän ent­schei­den­de Ge­samt­heit kön­ne je­der Bür­ger (ci­toy­en) sei­ne Frei­heit be­wah­ren, al­so nur durch po­li­tisch gleich­be­rech­tig­te Par­ti­zi­pa­ti­on an al­len Ent­schei­dun­gen. Der Ge­mein­wil­le kön­ne nicht de­le­giert wer­den, son­dern müs­se von mög­lichst vie­len, ten­den­zi­ell al­len Bür­gern ge­tra­gen wer­den, um all­ge­mein­gül­tig sein zu kön­nen. Der recht­mä­ßi­ge Staat kön­ne nur auf dem Ge­samt­be­schluss al­ler Bür­ger be­ru­hen.» (Staats­theo­rie, Wi­ki­pe­dia)

Rous­seau gilt als ein wich­ti­ger Vor­den­ker und Weg­be­rei­ter der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on.

Staats­theo­rie: Na­tio­nal-, Rechts- und So­zi­al­staat

Die neu­zeit­li­chen, de­mo­kra­tisch ver­fass­ten Na­tio­nal-, Rechts- und So­zi­al­staa­ten in Eu­ro­pa sind kul­tu­rell fast al­le tra­di­tio­nell christ­lich ge­prägt, je­doch nicht christ­lich ver­fasst (ei­ne Ein­heit von Staat und Re­li­gi­on ist im Chris­ten­tum ge­mäß der Zwei-Rei­che-Leh­re auch gar nicht vor­ge­se­hen, viel­mehr sind dort welt­li­ches und gött­li­ches Reich ge­trenn­te Sphä­ren). Das ide­en­ge­schicht­li­che Fun­da­ment die­ser Staa­ten bil­det viel­mehr die Auf­klä­rung, de­ren Wer­te in der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on, aus der der ers­te mo­der­ne eu­ro­päi­sche Na­tio­nal­staat her­vor­ging, in der For­mel ‘Frei­heit, Gleich­heit, Brü­der­lich­keit’ zum Aus­druck kom­men. Je­doch sind fun­da­men­ta­le christ­li­che Wer­te wie Barm­her­zig­keit und Nächs­ten­lie­be im Hu­ma­nis­mus der Auf­klä­rung auf­be­wahrt. Im Ge­gen­satz zum Chris­ten­tum grün­den die­se Wer­te im Hu­ma­nis­mus je­doch nicht auf Ein­sei­tig­keit und Auf­op­fe­rung, son­dern auf Ge­gen­sei­tig­keit und So­li­da­ri­tät. Wer an­de­ren Men­schen kei­ne Men­schen­rech­te zu­ge­steht, kann sie auch nicht in vol­lem Um­fan­ge für sich selbst be­an­spru­chen. Bei­spiel: Straf­tä­ter in Haft. Und wäh­rend im Chris­ten­tum Dank­bar­keit nur er­hofft wird, wird sie im Hu­ma­nis­mus in Form von Bei­trags­leis­tung auch ein­ge­for­dert. [An­mer­kung: In der christ­li­chen Staats­theo­rie gibt es hin­ge­gen durch­aus be­reits den dia­lek­ti­schen Spa­gat zwi­schen ei­nem auf ei­nen idea­len Zu­stand hin – al­ler­dings im Jen­seits – aus­ge­rich­te­ten Glau­ben und prag­ma­ti­scher ir­di­scher Ver­nunft, ei­ne Dia­lek­tik, die ich als Vor­stu­fe des Hu­ma­nis­mus be­trach­te. Viel­leicht kann man das Kon­strukt auch als Ver­ant­wor­tungs­ethik in­ter­pre­tie­ren, in der ja stets ei­ne (ge­sin­nungs­ethisch in­spi­rier­te) Per­spek­ti­ve von ei­ner ‘bes­se­ren’ oder zu­min­dest ei­ner ‘gu­ten Welt’ ent­hal­ten ist].

Staats­theo­re­tisch han­delt es sich bei den mo­der­nen de­mo­kra­ti­schen eu­ro­päi­schen Staa­ten um er­wei­ter­te – näm­lich um mehr oder min­der um­fang­rei­che Kom­po­nen­ten der So­zi­al­für­sor­ge er­wei­ter­te – Ver­trags­staa­ten, so­ge­nann­te Rechts- und So­zi­al- bzw. Wohl­fahrts­staa­ten, de­ren we­sent­li­che Ba­sis ein Volk im Sin­ne ei­ner nicht-ex­klu­si­ven, aber or­ga­nisch ge­wach­se­nen und sich ent­wi­ckeln­den Ab­stam­mungs-, Her­kunfts-, Sprach-, Schick­sals-, So­li­dar-, Kul­tur- und Wer­te­ge­mein­schaft bil­det, die über ein de­fi­nier­tes Staats­ge­biet ver­fü­gen und in de­nen mün­di­ge, auf­ge­klär­te Staats­bür­ger un­ter­ein­an­der ei­nen Ge­sell­schafts­ver­trag mit fest­ge­leg­ten Rech­ten & Pflich­ten auf Ge­gen­sei­tig­keit ein­ge­hen.

Par­la­ment und Re­gie­rung sind da­bei die vom Sou­ve­rän, dem Volk als Ge­samt­heit der Bür­ger auf Zeit ge­wähl­ten, be­stell­ten Treu­hän­der, die die Ein­hal­tung des Ge­sell­schafts­ver­tra­ges si­cher­stel­len müs­sen, dem Bür­ger Re­chen­schaft schul­dig sind und die vom Sou­ve­rän per Volks­ent­schei­den zum Han­deln ver­pflich­tet wer­den (di­rek­te De­mo­kra­tie) oder per Wah­len al­le paar Jah­re ge­wählt wer­den (re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie), um das Wohl des Staats­vol­kes zu er­hal­ten und zu meh­ren und sei­ne In­ter­es­sen zu ver­tre­ten. Dem­entspre­chend lau­tet der Amts­eid von Bun­des­prä­si­dent, Bun­des­kanz­ler und Bun­des­mi­nis­tern in Deutsch­land: „Ich schwö­re, dass ich mei­ne Kraft dem Woh­le des deut­schen Vol­kes wid­men, sei­nen Nut­zen meh­ren, Scha­den von ihm wen­den, das Grund­ge­setz und die Ge­set­ze des Bun­des wah­ren und ver­tei­di­gen, mei­ne Pflich­ten ge­wis­sen­haft er­fül­len und Ge­rech­tig­keit ge­gen je­der­mann üben wer­de. So wahr mir Gott hel­fe.“

Zu­sam­men mit der staat­li­chen Für­sor­ge für Be­dürf­ti­ge ist ein auf­ge­klär­ter Staat ei­ne Art er­wei­ter­te, in­sti­tu­tio­na­li­sier­te Fa­mi­lie, in der de­fi­nier­te In­di­vi­du­al- und Kol­lek­tiv­rech­te, in­di­vi­du­el­le Frei­heit so­wie ge­sell­schaft­li­che So­li­da­ri­tät glei­cher­ma­ßen Wert­schät­zung er­fah­ren und in der ein Aus­gleich zwi­schen bei­den an­ge­strebt wird, nach dem Mot­to: Ei­gen­wohl & Ge­mein­wohl be­din­gen ein­an­der. Oder: Es gibt kein Ei­gen­wohl oh­ne Ge­mein­wohl und kein Ge­mein­wohl oh­ne Ei­gen­wohl.

Frei­heit & Si­cher­heit der Bür­ger als obers­ter Staats­zweck

Nach der mo­der­nen Staats­leh­re (Drei-Ele­men­te-Leh­re) ist ein Staat de­fi­niert durch Staats­ge­biet, Staats­volk und Staats­ge­walt, wo­bei mit Staats­ge­walt die Funk­ti­ons­fä­hig­keit der drei von­ein­an­der un­ab­hän­gi­gen Ge­wal­ten Le­gis­la­ti­ve, Exe­ku­ti­ve und Ju­di­ka­ti­ve, die Rechts­ord­nung so­wie das staat­li­che Ge­walt­mo­no­pol ge­meint ist. Als in­of­fi­zi­el­le 4. Ge­walt nimmt man heu­te noch ger­ne un­ab­hän­gi­ge Me­di­en hin­zu. Ei­ne 5. Ge­walt könn­ten und soll­ten an­ge­sichts der im­mer of­fe­ner zu Ta­ge tre­ten­den struk­tu­rel­len De­fi­zi­te des Par­tei­en­sys­tems m.E. ver­bind­li­che Volks­ent­schei­de in Grund­satz­fra­gen wie in der Schweiz dar­stel­len. Ei­ne re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie ist auf cha­rak­ter­fes­te Po­li­ti­ker an­ge­wie­sen. Sol­che Per­sön­lich­kei­ten set­zen sich aber im­mer sel­te­ner in Par­tei­en durch.

Der auf­ge­klär­te (!) Staat ist kein Selbst­zweck und auch kein par­ti­ku­la­rer Zweck für be­stimm­te Grup­pen oder Lob­bies, er ist viel­mehr ei­ne ge­mein­sa­me Sa­che (res pu­bli­ca) al­ler Bür­ger zum Er­halt und zur Re­ge­lung ei­nes frei­heit­li­chen, si­che­ren, ge­ord­ne­ten und har­mo­ni­schen Zu­sam­men­le­bens im Rah­men ge­sell­schaft­li­chen Frie­dens. Der Staats­zweck, i.e. die Haupt­auf­ga­be de­mo­kra­ti­scher Na­tio­nal-, Rechts- und So­zi­al­staa­ten, be­steht al­so dar­in, Frei­heit & Si­cher­heit der Bür­ger ge­gen Ge­fah­ren und An­grif­fe von in­nen wie von au­ßen zu ver­tei­di­gen, auf­ge­klär­tes Recht durch­zu­set­zen, Ge­ben & Neh­men und ei­nen Aus­gleich der In­ter­es­sen si­cher­zu­stel­len so­wie die Bür­ger vor exis­ten­zi­el­ler Not zu be­wah­ren. Die Mög­lich­keit zur krea­ti­ven und pro­duk­ti­ven Selbst­ent­fal­tung und Selbst­ver­wirk­li­chung zu­guns­ten des Ei­gen­wohls ist eben­so zu er­hal­ten und zu schüt­zen wie das Ge­mein­wohl, zu dem ein je­der ei­nen ge­rech­ten Bei­trag ge­mäß sei­ner Mög­lich­kei­ten und un­ter Be­ach­tung so­wohl der Leis­tungs- wie der Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit zu leis­ten hat.

Vor­aus­set­zung da­für ist der Er­halt des Staa­tes selbst in sei­ner frei­heit­lich- de­mo­kra­ti­schen, plu­ra­lis­ti­schen und rechts­staat­li­chen Ver­fasst­heit in­klu­si­ve der Ge­wal­ten­tei­lung zur Ab­wehr ex­ter­ner oder par­ti­ku­la­rer Macht­ge­lüs­te. Hier­für wie­der­um ist der Er­halt der ethi­schen, mo­ra­li­schen und kul­tu­rel­len Sub­stanz in Form ei­nes auf­ge­klär­ten Be­wusst­seins der An­ge­hö­ri­gen des Ge­mein­we­sens er­for­der­lich. Die­ses kul­tu­rel­le Be­wusst­sein ist im Men­schen ver­an­lagt [ei­gen­wohl- ori­en­tier­te, nächs­ten­wohl- ori­en­tier­te & ge­mein­wohl- ori­en­tier­te In­stink­te, Ge­rech­tig­keits­emp­fin­den (2)], aber nicht ent­wi­ckelt, es muss durch So­zia­li­sa­ti­on ge­för­dert und ge­schützt wer­den, die Selbst­be­stim­mung, Selbst­ver­ant­wor­tung und den Sinn für Ge­rech­tig­keit ins Zen­trum der Er­zie­hung stellt. Der Staats­recht­ler und Rechts­phi­lo­soph Ernst-Wolf­gang Bö­cken­för­de hat das in sei­nem ‘Bö­cken­för­de-Dik­tum’ wie folgt dar­ge­legt:

„Der frei­heit­li­che, sä­ku­la­ri­sier­te Staat lebt von Vor­aus­set­zun­gen, die er selbst nicht ga­ran­tie­ren kann. Das ist das gro­ße Wag­nis, das er, um der Frei­heit wil­len, ein­ge­gan­gen ist. Als frei­heit­li­cher Staat kann er ei­ner­seits nur be­stehen, wenn sich die Frei­heit, die er sei­nen Bür­gern ge­währt, von in­nen her, aus der mo­ra­li­schen Sub­stanz des ein­zel­nen und der Ho­mo­ge­ni­tät der Ge­sell­schaft, re­gu­liert. An­der­seits kann er die­se in­ne­ren Re­gu­lie­rungs­kräf­te nicht von sich aus, das heißt mit den Mit­teln des Rechts­zwan­ges und au­to­ri­ta­ti­ven Ge­bots zu ga­ran­tie­ren su­chen, oh­ne sei­ne Frei­heit­lich­keit auf­zu­ge­ben und – auf sä­ku­la­ri­sier­ter Ebe­ne – in je­nen To­ta­li­täts­an­spruch zu­rück­zu­fal­len, aus dem er in den kon­fes­sio­nel­len Bür­ger­krie­gen her­aus­ge­führt hat.“ (Bö­cken­för­de-Dik­tum)

Das Dik­tum legt na­he, dass ei­ne durch sorg­fäl­ti­ge Fa­mi­li­en­po­li­tik und So­zia­li­sa­ti­on be­wirk­te, auf­ge­klär­te ethisch- kul­tu­rel­le Ho­mo­ge­ni­tät als im­ma­te­ri­el­les So­zi­al­ka­pi­tal ei­ne her­aus­ra­gen­de Be­deu­tung für den bio­lo­gi­schen und kul­tu­rel­len Fort­be­stand ei­nes frei­heit­li­chen Ge­mein­we­sens hat und bei Zu­wan­de­rung In­te­gra­ti­ons­be­reit­schaft und In­te­gra­ti­ons­fä­hig­keit der Zu­wan­de­rer wie der Ge­sell­schaft ei­ne her­aus­ra­gen­de Rol­le spie­len. Denn al­le Kul­tur be­ginnt mit So­zia­li­sa­ti­on.

An­mer­kung aus ak­tu­el­lem An­lass: Ei­ne Wohl­fahrts- oder Wohl­tä­tig­keits- Or­ga­ni­sa­ti­on für das Wohl der Bür­ger an­de­rer Staa­ten oder gar al­ler Men­schen auf der gan­zen Welt ist ein Staat nicht. Die Sor­ge um das Wohl der Bür­ger an­de­rer Staa­ten ist pri­mär Auf­ga­be der je­wei­li­gen Staa­ten bzw. – un­be­scha­det be­son­de­rer nach­bar­schaft­li­cher Nä­he und Ver­ant­wor­tung – Ge­gen­stand und Ge­mein­schafts­auf­ga­be der Staa­ten­ge­mein­schaft (UN). Auch NGOs kön­nen sich die­se Auf­ga­be stel­len, je­doch auf pri­va­ter, frei­wil­li­ger und au­to­no­mer Ba­sis.

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Auf­klä­rung: Der Mensch als selbst­be­stimm­tes, ge­sell­schaft­li­ches Sub­jekt

Das auf­ge­klär­te Men­schen­bild ba­siert auf der Idee vom Men­schen als ei­nem frei­en, un­be­ding­ten und selbst­be­stimm­ten Sub­jekt, das ge­mäß Selbst­zweck­for­mel kei­nen frem­den Zwe­cken un­ter­wor­fen ist.

Der Mensch ist aber kein rei­nes Ver­nunft­we­sen, son­dern ein ‘Zwi­schen­we­sen’ aus Na­tur, Kul­tur, Er­fah­rung und Ver­nunft. Da­her hat auf­ge­klär­tes Den­ken bzw. ein auf­ge­klär­tes Ge­mein­we­sen die Pflicht, die na­tür­li­chen, kul­tu­rell ge­wach­se­nen, in­di­vi­du­el­len und geis­ti­gen Be­dürf­nis­se und Dis­po­si­tio­nen stets zu re­spek­tie­ren.

Da der Mensch kein Ein­zel­gän­ger ist, son­dern ein ge­sell­schaft­li­ches Le­be­we­sen (Zoon Po­liti­con), braucht es Re­geln für den ge­sell­schaft­li­chen Um­gang mit­ein­an­der. Die auf­ge­klär­te Vor­stel­lung von mensch­li­cher Ge­mein­schaft be­ruht auf der Idee von Gleich­be­rech­ti­gung und Gleich­wer­tig­keit der mensch­li­chen Sub­jek­te so­wie ge­mäß ka­te­go­ri­schem Im­pe­ra­tiv und Mensch­heits­zweck­for­mel auf der hu­ma­nis­ti­schen Idee, dass Men­schen re­spekt­voll, ge­recht und ko­ope­ra­tiv zu­sam­men­le­ben sol­len. Frei­heit en­det bei der Frei­heit des an­de­ren, Selbst­be­stim­mung ist an Selbst­ver­ant­wor­tung ge­knüpft, so dass nie­mand den an­de­ren mut­wil­lig be­ein­träch­tigt oder ihm zur Last fällt. Die Be­zie­hun­gen zwi­schen den Men­schen sol­len auf fai­rem Ge­ben & Neh­men und dem Stre­ben nach ei­nem ge­rech­ten Aus­gleich von In­ter­es­sen grün­den.

Ge­mäß dem Prin­zip der Gleich­be­rech­ti­gung kann sich nie­mand auf ein Grund­recht be­ru­fen, das er nicht zu­gleich an­de­ren ge­währt. Je­des Recht be­dingt so­mit auch ei­ne Pflicht: Das Recht auf Frei­heit be­dingt die Pflicht zum Re­spekt vor der Frei­heit an­de­rer und vor der Schöp­fung, Selbst­be­stim­mung be­dingt die Pflicht zur Selbst­ver­ant­wor­tung, das Recht auf Hil­fe in der Not be­dingt die Pflicht, al­les zu tun, um Not­si­tua­tio­nen zu ver­mei­den bzw. zu be­he­ben. Denn kein Mensch lebt pri­mär für ei­nen an­de­ren. Es gibt kei­ne Pflicht zu Selbst­aus­beu­tung, Selbst­auf­ga­be oder Selbst­auf­op­fe­rung.

Das har­mo­ni­sche Zu­sam­men­le­ben in ei­ner auf­ge­klär­ten Ge­sell­schaft und zwi­schen Ge­sell­schaf­ten im Geis­te von Auf­klä­rung und Hu­ma­nis­mus er­for­dert so­mit von al­len An­ge­hö­ri­gen die­ser Gesellschaft(en) Ein­sicht, Be­reit­schaft und Fä­hig­keit, die Re­geln der Auf­klä­rung zu re­spek­tie­ren und zu be­fol­gen. Er­zie­hung, So­zia­li­sa­ti­on und ggfls. In­te­gra­ti­on ha­ben u.a. die Auf­ga­be, die Ver­in­ner­li­chung die­ser Re­geln zu be­för­dern.

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Völ­ker und Staa­ten als er­wei­ter­te Sub­jek­te. Völ­ker­recht

Ge­wach­se­ne, ge­wor­de­ne, frei­wil­lig ein­ge­gan­ge­ne oder be­stehen­de Zu­sam­men­schlüs­se von Men­schen wie Völ­ker, Ge­sell­schaf­ten und Staa­ten sind er­wei­ter­te Sub­jek­te, im Fal­le von Staa­ten oder staat­lich ver­fass­ten Ge­sell­schaf­ten völ­ker­recht­li­che Sub­jek­te. Auch Völ­ker und Staa­ten sind im Ver­hält­nis zu an­de­ren Völ­kern und Staa­ten freie, un­be­ding­te, au­to­no­me und selbst­be­stimm­te Sub­jek­te, die kei­nen frem­den Zwe­cken die­nen, wäh­rend sie zu­gleich dem Wohl ih­rer An­ge­hö­ri­gen ver­pflich­tet sind.

Völ­ker, Ge­sell­schaf­ten und Staa­ten kön­nen zur Re­ge­lung der Be­zie­hun­gen ih­rer An­ge­hö­ri­gen un­ter­ein­an­der auf die je­wei­li­ge Kul­tur und Le­bens­art zu­ge­schnit­te­ne spe­zi­fi­sche Sit­ten, Bräu­che und Ge­wohn­hei­ten ent­wi­ckeln so­wie Rech­te und Pflich­ten de­mo­kra­tisch be­schlie­ßen, die au­ßer­halb ih­rer Ge­mein­schaft und ge­gen­über Drit­ten nicht gel­ten, z.B. er­höh­te Rech­te und Pflich­ten zwecks Ver­sor­gung Jun­ger, Al­ter oder Be­dürf­ti­ger in ge­gen­sei­ti­ger Ver­ant­wor­tung. So ist So­zi­al­hil­fe oder Hartz 4 kein Men­schen­recht, son­dern auf dem Prin­zip von Ge­gen­sei­tig­keit be­ru­hen­de in­sti­tu­tio­na­li­sier­te So­li­da­ri­tät in­ner­halb ei­ner spe­zi­fi­schen Ge­sell­schaft, in der fa­mi­liä­re Bin­dun­gen kei­ne so­zia­le Ab­si­che­rung mehr bie­ten und Selbst­ver­sor­gung nicht mög­lich oder üb­lich ist. Staat­li­che So­zi­al­sys­te­me ent­stan­den in Deutsch­land in­fol­ge der In­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on und der da­mit ein­her ge­hen­den Auf­lö­sung der er­wei­ter­ten Fa­mi­len­ver­bän­de. – In tri­ba­lis­tisch or­ga­ni­sier­ten Ge­sell­schaf­ten tritt fa­mi­liä­re oder Stam­mes- So­li­da­ri­tät an die Stel­le der über staat­li­che In­sti­tu­te ge­üb­ten So­li­da­ri­tät.

Auch das mo­der­ne Völ­ker­recht ba­siert auf der Auf­klä­rung. Wie die Be­zie­hun­gen von Men­schen in ei­ner Ge­sell­schaft sol­len die Be­zie­hun­gen der Völ­ker im Rah­men der Welt­ge­mein­schaft auf Re­spekt vor dem Recht auf Selbst­be­stim­mung an­de­rer Völ­ker, Selbst­ver­ant­wor­tung für das ei­ge­ne Volk, fai­rem Ge­ben & Neh­men (fair tra­de & eco­no­my) und dem Stre­ben nach ei­nem ge­rech­ten Aus­gleich von In­ter­es­sen grün­den. Das be­deu­tet auch, dass im Re­gel­fal­le pri­mär das Hei­mat­land und die Hei­mat- Kul­tur für Si­cher­heit, Ver­sor­gung und Wohl sei­ner Bür­ger bzw. An­ge­hö­ri­gen ver­ant­wort­lich ist. Da­zu ge­hört auch die in­ner- wie in­ter­ge­sell­schaf­lich so­zi­al­ver­träg­li­che Steue­rung der Be­völ­ke­rungs­ent­wick­lung, ins­be­son­de­re die Be­gren­zung des Be­völ­ke­rungs­wachs­tums, dem Haupt­trei­ber für Krieg und Bür­ger­krieg, Mi­gra­ti­on und Ex­pan­si­on bis hin zu In­va­si­on so­wie der Haupt­ur­sa­che für Ar­mut und Not.

Die Viel­falt von Men­schen, Er­fah­run­gen und Über­zeu­gun­gen kommt in der Ein­tei­lung der Welt (ge­mein­schaft) in selbst­be­stimm­te und selbst­ver­ant­wort­li­che Völ­ker und Staa­ten und da­mit in über­schau­ba­re Ein­hei­ten mit glei­chen oder ver­wand­ten Kul­tu­ren, Welt­an­schau­un­gen und So­zia­li­sa­tio­nen zum Aus­druck. Ge­mäß auf­ge­klär­tem Völ­ker­recht ge­horcht sie dem Prin­zip der ho­ri­zon­ta­len Sub­si­dia­ri­tät un­ter Glei­chen (Gleich­be­rech­tig­ten), wäh­rend ein auf­ge­klär­ter Bun­des­staat nach dem Prin­zip der ver­ti­ka­len Sub­si­dia­ri­tät or­ga­ni­siert ist, nach dem im Rah­men von Selbst­be­stim­mung in Selbst­ver­ant­wor­tung be­son­ders auf­wän­di­ge oder um­fang­rei­che Ge­mein­schafts­auf­ga­ben auf über­ge­ord­ne­te Ver­ant­wor­tungs­ebe­nen de­le­giert wer­den, die aber stets von den Ba­sis-Kör­per­schaf­ten de­mo­kra­tisch kon­trol­liert wer­den.

Im Zu­ge der Glo­ba­li­sie­rung de­le­gie­ren auch Staa­ten oder Staa­ten­ver­bün­de Auf­ga­ben an über­ge­ord­ne­te glo­ba­le Ebe­nen, et­wa im Rah­men der Ver­ein­ten Na­tio­nen. Doch auch hier liegt nach dem Sub­si­dia­ri­täts­prin­zip die Ent­schei­dungs­macht oder zu­min­dest ein Ve­to­recht bei den de­le­gie­ren­den Staa­ten. Die­ses Prin­zip wird ak­tu­ell ger­ne von Lob­bies aus­ge­he­belt und ver­wäs­sert, die ei­ne zen­tra­lis­ti­sche ‘Neue Welt­ord­nung’ an­stre­ben. Da­bei kommt es im­mer wie­der zu kaum auf­lös­ba­ren Kon­flik­ten zwi­schen ver­schie­de­nen uni­ver­sa­lis­ti­schen Welt­an­schau­un­gen, ob in Re­li­gio­nen oder in der Auf­klä­rung be­grün­det. Und eben­so fin­det ein Rin­gen um Macht und Ein­fluss statt, bei dem uni­ver­sa­lis­ti­sche An­sprü­che nur ein Mit­tel zum Zweck dar­stel­len.

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Emi­gra­ti­on und Im­mi­gra­ti­on

Ge­mäß der Be­din­gung der Frei­wil­lig­keit des Zu­sam­men­schlus­ses muss ein Staat Aus­wan­de­rung zu­las­sen. Ge­mäß sei­ner Ei­gen­schaft als selbst­be­stimm­tes er­wei­ter­tes Sub­jekt hat er auf der an­de­ren Sei­te das Recht, selbst dar­über zu be­stim­men, ob er Zu­wan­de­rung zu­las­sen will oder nicht und wenn ja, in wel­chem Um­fang. Es gibt kei­ne Pflicht, Im­mi­gra­ti­on zu ak­zep­tie­ren, ab­ge­se­hen von Zu­wan­de­rung auf Ba­sis per­sön­li­cher Be­zie­hun­gen, wenn der Le­bens­un­ter­halt si­cher­ge­stellt ist, da dies die in­di­vi­du­el­le Selbst­be­stim­mung von Staats­bür­gern des ei­ge­nen Staa­tes tan­giert.

Ob Zu­wan­de­rung Sinn macht oder nicht, hängt von ei­ner Viel­zahl von Fak­to­ren ab: Räum­li­che Ka­pa­zi­tä­ten und geo­gra­phi­sche Ge­ge­ben­hei­ten, na­tür­li­che Res­sour­cen wie Frucht­bar­keit der Bö­den zur Selbst­ver­sor­gung mit Nah­rungs­mit­teln, Be­sie­de­lungs­dich­te, Be­völ­ke­rungs­ent­wick­lung, sex ra­tio, Wohn­raum und Ar­beits­plät­ze, Er­for­der­nis­se oder Ein­schrän­kun­gen hin­sicht­lich Na­tur, Um­welt, Kli­ma und wei­te­res mehr. Nicht min­der wich­tig ist die In­te­gra­ti­ons­fä­hig­keit ei­ner Ge­sell­schaft.

Hans-Dietrich Genscher: Deutschland ist kein Einwanderungsland

Un­ter den Flä­chen­staa­ten der Welt ge­hört Deutsch­land zu dem Fünf­tel der am dich­tes­ten be­vö­ker­ten Län­der (Rang 11 von 58 Län­dern mit über 20 Mio Ein­woh­nern ge­mäß Wi­ki­pe­dia). Wie ver­nünf­tig ist es bei die­ser Kon­stel­la­ti­on, Deutsch­land ge­ne­rell zum Ein­wan­de­rungs­land zu er­klä­ren?

Ent­schließt sich ein auf­ge­klär­ter li­be­ra­ler Staat da­zu, Zu­wan­de­rung zu ak­zep­tie­ren, so ist er in der Pflicht, die Zu­wan­de­rung mit Um­sicht und Sorg­falt zu ge­stal­ten. Denn er trägt die Ver­ant­wor­tung für Si­cher­heit und Wohl des Ge­mein­we­sens und der Men­schen dar­in, muss für So­zi­al­ver­träg­lich­keit sor­gen, das kul­tu­rel­le und so­zia­le Ka­pi­tal be­wah­ren und be­för­dern und ein har­mo­ni­sches Zu­sam­men­le­ben und den Er­halt von auf­ge­klär­ter Kul­tur und Le­bens­art si­cher­stel­len. Zu die­sem Zwe­cke ist auf die kul­tu­rel­len, so­zia­li­sa­ti­ons­be­ding­ten und be­ruf­li­chen Qua­li­fi­ka­tio­nen der Zu­wan­de­rer zu ach­ten, auf ih­re Fä­hig­keit und Be­reit­schaft zur In­te­gra­ti­on, zur An­er­ken­nung der Re­geln der Ge­mein­schaft, zur Selbst­ver­sor­gung so­wie zur Leis­tung ei­nes ge­rech­ten Bei­tra­ges zum Ge­mein­we­sen. So knüpft das deut­sche Auf­ent­halts­recht die Er­tei­lung ei­nes Auf­ent­halts­ti­tels im Re­gel­fall an die Be­din­gung, dass der Le­bens­un­ter­halt ge­si­chert ist.

Denn was für mensch­li­che Sub­jek­te gilt, gilt auch für ge­sell­schaft­li­che oder völ­ker­rech­li­che Sub­jek­te: Kein Volk und kein Staat exis­tiert pri­mär für an­de­re Völ­ker bzw. für Men­schen aus an­de­ren Staa­ten oder Völ­kern. Es gibt kei­ne Pflicht zu Selbst­aus­beu­tung oder gar Selbst­auf­ga­be und Selbst­auf­op­fe­rung.

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Not­hil­fe, In­ter­ven­ti­on, Flucht und Asyl

Wie oben dar­ge­legt, ist das Selbst­be­stim­mungs­recht der Völ­ker ge­kop­pelt an die Pflicht zur Selbst­ver­ant­wor­tung. Das be­deu­tet, dass je­der Staat die Pflicht hat, Struk­tu­ren zu schaf­fen, die nach­hal­tig da­für sor­gen, dass sei­ne Bür­ger nicht in Not ge­ra­ten und aus exis­ten­zi­el­ler Not mi­grie­ren müs­sen. Die­se Pflicht be­steht nicht nur den ei­ge­nen Bür­gern ge­gen­über, son­dern auch an­dern Staa­ten und Völ­kern ge­gen­über: Kein Staat hat das Recht, sein Be­völ­ke­rungs­wachs­tum an­de­ren Staa­ten auf­zu­bür­den!

Doch na­tür­lich gibt es Na­tur­ka­ta­stro­phen oder Hun­gers­nö­te, es er­eig­nen sich Krie­ge und Bür­ger­krie­ge, es ent­ste­hen grau­sa­me Ty­ran­nei­en und es gibt sys­te­ma­ti­sche Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen. In die­sen Fäl­len ist die Völ­ker­ge­mein­schaft auf­ge­for­dert, im Sin­ne von auf­ge­klär­ter Hu­ma­ni­tät und mensch­li­cher So­li­da­ri­tät (s.o. Mensch­heits­zweck­for­mel) Hil­fe zu leis­ten und u.U. ein­zu­grei­fen.

Ka­ta­stro­phen­hil­fe ist vor Ort zu leis­ten, eben­so kön­nen Hun­ger, Ar­mut und Per­spek­tiv­lo­sig­keit mit Ab­stand an bes­ten durch ge­ziel­te Maß­nah­men vor Ort ef­fi­zi­ent und sinn­voll be­kämpft wer­den. Die­sen Pro­ble­men mit Mas­sen­mi­gra­ti­on ab­hel­fen zu wol­len, ist nicht nur um ein Viel­fa­ches auf­wän­di­ger als Hil­fe vor Ort, son­dern ver­letzt auch die Hei­mat­rech­te so­wohl der um­ge­sie­del­ten wie der auf­neh­men­den Be­völ­ke­run­gen. Die se­lek­ti­ve Auf­nah­me und Ver­sor­gung ei­ner we­ni­ger fit­ter Be­dürf­ti­ger in an­de­ren Län­dern ist über­dies So­zi­al­dar­wi­nis­mus und so­wohl im Hin­blick auf Ar­beits­märk­te wie auf So­zi­al­sys­te­me frag­wür­dig.

Im Fal­le von Krie­gen oder Bür­ger­krie­gen kann die Ein­rich­tung von mi­li­tä­risch ge­si­cher­ten Schutz­zo­nen ge­recht­fer­tigt sein, in Fäl­len von sys­te­ma­ti­schen ekla­tan­ten Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen oder gar Ge­no­zi­den ist nach sorg­fä­li­ger Ab­wä­gung auch ei­ne hu­ma­ni­tä­re mi­li­tä­ri­sche In­ter­ven­ti­on der Völ­ker­ge­mein­schaft (UN) (u.U. auch ge­eig­ne­ter Bünd­nis­se von Staa­ten?) auf Ba­sis ro­bus­ter Man­da­te zwecks Be­kämp­fung von Ter­ror oder auch zum Zwe­cke der Ab­set­zung ei­ner Ty­ran­nis ge­recht­fer­tigt.

Mas­sen­flucht ist nur im Fal­le von Krieg, Bür­ger­krieg, Ge­no­zid und Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ei­ne Op­ti­on, falls die Ein­rich­tung von Schutz­zo­nen nicht mög­lich ist. In sol­chen Fäl­len ist den Flücht­lin­gen in Nach­bar­län­dern oder Län­dern der wei­te­ren Pe­ri­phe­rie vor­über­ge­hend Auf­nah­me zu ge­wäh­ren, un­ter­stützt von der Welt­ge­mein­schaft (s.u. Po­si­ti­on Paul Col­lier). Par­al­lel da­zu sind die von der Mas­sen­mi­gra­ti­on be­trof­fe­nen Län­der da­zu ver­pflich­tet, den Kon­flikt durch mas­si­ve po­li­ti­sche und di­plo­ma­ti­sche, u.U. auch hu­ma­ni­tä­re mi­li­tä­ri­sche Maß­nah­men auf Ba­sis ro­bus­ter Man­da­te (sie­he vor­her­ge­hen­der Ab­satz) so rasch wie mög­lich bei­zu­le­gen, um den Flüch­lin­gen so bald wie mög­lich ei­ne si­che­re Rück­kehr ins Hei­mat­land zu er­mög­li­chen. Dies ist auch des­halb er­for­der­lich, um die Las­ten und Ri­si­ken der Mi­gra­ti­ons­strö­me für Ge­flüch­te­te eben­so wie für die auf­neh­men­den Be­völ­ke­run­gen so ge­ring wie mög­lich zu hal­ten. U.U. ist die Ein­rich­tung von Tran­sit­la­gern in Er­wä­gung zu ziehen.Denn was gar nicht geht, ist, die Kon­flik­te ins ei­ge­ne Land zu im­por­tie­ren. Wer­den Mi­gra­ti­ons­strö­me zur Dau­er­be­las­tung für die auf­neh­men­den Län­der, so ist zu prü­fen, ob die po­li­tisch ver­ant­wort­li­chen Ver­ur­sa­cher der Mi­gra­ti­ons­strö­me als Ag­gres­so­ren zu be­trach­ten sind.

Das Asyl­recht soll wei­ter­hin als Schutz­recht für Men­schen gel­ten, die aus in der Per­son lie­gen­den Grün­den ver­folgt wer­den, nicht als Schutz­recht für Kriegs- oder Bür­ger­kriegs­flücht­lin­ge.

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Die Po­si­ti­on des Mi­gra­ti­ons- Ex­per­ten Paul Col­lier

Ei­ne wie mir scheint sehr ver­nünf­ti­ge und auf­ge­klär­te Po­si­ti­on zu die­sem The­ma ver­tritt Paul Col­lier, der bri­ti­sche Öko­nom, Mi­gra­ti­ons- Ex­per­te und Au­tor des Bu­ches ‘Exo­dus’. In ei­nem In­ter­view mit der ‘Welt[Ar­chiv] äu­ßer­te er sich wie folgt:

»Es muss ei­nen ra­di­ka­len Schwenk in der Kom­mu­ni­ka­ti­on ge­ben. Eu­ro­pa muss klar sa­gen, dass sich die Wohl­stands­mi­gran­ten gar nicht erst auf den Weg zu ma­chen brau­chen. Und auch die Flücht­lin­ge, die sich in Si­cher­heit brin­gen wol­len, kön­nen das nicht län­ger in Eu­ro­pa tun, son­dern in den si­che­ren Nach­bar­staa­ten, ganz so, wie es völ­ker­recht­lich fest­ge­legt ist (1). Das Prin­zip, dass si­che­re An­rai­ner­staa­ten Schutz bie­ten sol­len, muss aus zwei Grün­den zwin­gend gel­ten: Zum ei­nen kom­men die Flücht­lin­ge in das si­che­re Nach­bar­land am ein­fachs­ten hin­ein, oh­ne sich un­nö­tig in Ge­fahr zu brin­gen. Und wenn wie­der Frie­den in ih­rer Hei­mat herrscht, kön­nen die Flücht­lin­ge auch sehr ein­fach wie­der zu­rück und beim Wie­der­auf­bau hel­fen.«

Je­doch dür­fe Eu­ro­pa die Auf­nah­me­län­der nicht mit der Ver­sor­gung der Flücht­lin­ge al­lein las­sen. Es sei Sa­che der rei­chen Län­der, die­se Län­der an­ge­mes­sen zu ent­schä­di­gen. Col­lier: «Wir müs­sen den Men­schen, die ih­re Hei­mat nicht frei­wil­lig ver­las­sen ha­ben, hel­fen. Aber des­halb ha­ben sie noch lan­ge kei­nen An­spruch auf ei­nen Platz im eu­ro­päi­schen Wohl­stands­him­mel.» (Die Welt, 29.01.2016)

(1) Es gibt kein Recht auf Ein­rei­se in ein Land sei­ner Wahl, au­ßer ins Hei­mat­land (AEMR 13) oder wenn man un­mit­tel­bar aus ei­nem Land ein­reist, in dem man ver­folgt wird (GFK 31.1). Kommt man aus ei­nem si­che­ren Nach­bar­land, ent­fällt die­ser Grund. Das Zu­rück­wei­sungs­ver­bot (Re­foul­ment- Ver­bot) gilt so­mit nur für Zu­rück­wei­sun­gen in Län­der, in de­nen der Asyl­su­chen­de ver­folgt wird.

Wei­te­re Er­läu­te­run­gen zu Col­liers Kon­zept und der EU- Asyl- Flücht­lings- und Mi­gra­ti­ons­po­li­tik un­ter die­sem Link: Kon­junk­tur­pro­gramm für Schleu­ser)

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Links:

Gibt es ein Men­schen­recht auf Hei­mat?

Oh­ne kul­tu­rel­le Dank­bar­keit kei­ne De­mo­kra­tie (Flaig / Ach­gut)

Zu­letzt ge­än­dert: 2021-07-31

Gra­fik: François Du­bo­is, Bar­tho­lo­mä­us­nacht, Pu­blic do­main

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