Die Wahr­heit über die De­mo­kra­tie

Pro­fes­sor Rai­ner Maus­feld über das ab­seh­ba­re En­de der „De­mo­kra­tie”. Ab­druck aus dem Buch „Fas­sa­den­de­mo­kra­tie und Tie­fer Staat”. 

Re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie als Eli­ten­de­mo­kra­tie

Der we­sent­li­che Schritt zu die­ser Be­deu­tungs­ver­schie­bung wur­de mit der Er­fin­dung des Mo­dells ei­ner „re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie” ge­leis­tet. Die Grün­der­vä­ter der ame­ri­ka­ni­schen Ver­fas­sung ent­wi­ckel­ten mit die­sem Kon­zept ei­nen De­mo­kra­tie­be­griff, der sei­ner Na­tur nach das Mo­dell ei­ner wirk­li­chen, al­so par­ti­zi­pa­to­ri­schen De­mo­kra­tie aus­schloss. Für die­se Form ei­ner durch freie Wah­len le­gi­ti­mier­ten Olig­ar­chie wur­de die Be­zeich­nung De­mo­kra­tie bei­be­hal­ten, um das Be­dürf­nis des Vol­kes nach ei­ner Volks­herr­schaft zu be­frie­di­gen — und zwar durch die Il­lu­si­on ei­ner De­mo­kra­tie. Die da­bei zu­grun­de ge­leg­te Form von Re­prä­sen­ta­ti­on wur­de „als ein Mit­tel ver­stan­den, um das Volk von der Po­li­tik fern­zu­hal­ten“ und „ei­ne be­sit­zen­de Olig­ar­chie mit der Un­ter­stüt­zung der Mas­se der Be­völ­ke­rung über Wah­len an der Macht zu hal­ten.“ Die re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie wur­de zu dem aus­drück­li­chen Zweck er­fun­den, dem Volk die Be­fä­hi­gung zu ei­ner Selbst­ge­setz­ge­bung eben­so ab­zu­spre­chen wie über­haupt das Recht, ein ei­gen­stän­di­ger po­li­ti­scher Ak­teur zu sein.

Ken­FM im Ge­spräch mit Paul Schrey­er über des­sen Buch “Die Angst der Eli­ten”

„Es ist wich­tig, zu er­ken­nen, dass der mo­der­ne Staat ge­wis­sen­haft und ab­sichts­voll zu dem aus­drück­li­chen Zweck kon­stru­iert wur­de, je­der ge­ge­be­nen Be­völ­ke­rung, je­dem Volk, die geis­ti­ge Fä­hig­keit oder das Recht ab­zu­spre­chen, für sich ge­mein­sam zu han­deln, ent­we­der un­ab­hän­gig vom oder ge­gen ih­ren Sou­ve­rän. […] Die Idee des mo­der­nen Staa­tes wur­de ge­nau des­halb er­fun­den, um die mög­li­che Ge­schlos­sen­heit de­mo­kra­ti­scher An­sprü­che oder so­gar auch nur ech­ter po­li­ti­scher Ak­ti­on zu­rück­zu­wei­sen […] Die re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie ist die für den mo­der­nen Staat ge­mach­te De­mo­kra­tie.“

Die re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie hat al­so be­reits den In­ten­tio­nen ih­rer Er­fin­der nach ei­nen ver­deckt au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ter. Be­glei­tet wur­de ih­re Er­fin­dung von ei­ner zu­neh­mend ver­fei­ner­ten ideo­lo­gi­schen Rhe­to­rik, der zu­fol­ge sie die ein­zi­ge De­mo­kra­tie­form sei, die dem mo­der­nen Staat und sei­nen Kom­ple­xi­tä­ten an­ge­mes­sen, al­so al­ter­na­tiv­los sei. Die­se In­dok­tri­na­ti­on war aus­ge­spro­chen er­folg­reich: „Wir ha­ben uns an die For­mel der re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie so ge­wöhnt, dass wir zu­meist ver­ges­sen, dass die­se US-ame­ri­ka­ni­sche Idee ein No­vum war. In ih­rer fö­de­ra­lis­ti­schen Aus­for­mung be­deu­te­te sie je­den­falls, dass das, was bis da­hin als An­ti­the­se zur de­mo­kra­ti­schen Selbst­be­stim­mung be­grif­fen wur­de, nun nicht nur ver­ein­bar mit, son­dern kon­sti­tu­ie­rend für die De­mo­kra­tie war: nicht die Aus­übung der po­li­ti­schen Macht, son­dern der Ver­zicht auf sie, ih­re Über­tra­gung auf an­de­re, d. h. die Ent­frem­dung von ihr.“

An­dre­as Popp (Wis­sens­ma­nu­fak­tur, Plan B): Was ist De­mo­kra­tie? (ein au­to­no­mes Dorf!)

Die Kon­zep­ti­on ei­ner re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie wur­de al­so er­fun­den, um die Ver­wirk­li­chung ernst­haf­ter, par­ti­zi­pa­to­ri­scher For­men von De­mo­kra­tie zu blo­ckie­ren. In den Wor­ten der wohl be­deu­tends­ten Re­prä­sen­ta­ti­ons­theo­re­ti­ke­rin, liest sich das fol­gen­der­ma­ßen:

„Die Re­prä­sen­ta­ti­on, zu­min­dest als po­li­ti­sche Idee und Pra­xis, kam nur in der frü­hen mo­der­nen Pe­ri­ode auf und hat­te nicht das ge­rings­te mit De­mo­kra­tie zu tun.“

Der ei­gent­lich au­to­ri­tä­re Cha­rak­ter der re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie wird klar er­kenn­bar in den Grün­dungs­do­ku­men­ten der Fe­dera­lis­ten. So mach­te Ja­mes Ma­di­son (1751–1836) ex­pli­zit deut­lich, dass es im Rah­men ei­ner dem Ge­mein­wohl die­nen­den Po­li­tik vor­ran­gig um den Schutz der Ei­gen­tums­ord­nung geht und dass bei der Wahl der po­li­ti­schen Re­prä­sen­tan­ten der Mei­nung der Bür­ger kein be­son­de­res Ge­wicht zu­kom­men kön­ne. Die Eli­ten wüss­ten bes­ser, was für das Volk gut sei, als das Volk selbst.

Os­kar La­fon­tai­ne bei Ti­lo Jung: “Deutsch­land ist kei­ne De­mo­kra­tie, son­dern ei­ne Olig­ar­chie.” (Gan­zes In­ter­view auf YouTube)

„Die öf­fent­li­che Mei­nung, die von den Ver­tre­tern des Vol­kes aus­ge­spro­chen wird, steht mit dem Ge­mein­wohl mehr im Ein­klang als die Mei­nung des Vol­kes selbst.“

Bei den im Wett­streit von In­ter­es­sen­grup­pen ge­trof­fe­nen po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen müs­se, so Ma­di­son, si­cher­ge­stellt sein, dass die Grup­pen der Er­folg­rei­chen und Be­sit­zen­den ei­nen grö­ße­ren Ein­fluss auf die Ge­stal­tung des Ge­mein­we­sens und auch der öf­fent­li­chen Mei­nung ha­ben als die Grup­pen der Nicht­be­sit­zen­den. Mit dem Me­cha­nis­mus der par­la­men­ta­ri­schen Re­prä­sen­ta­ti­on lässt sich dies be­werk­stel­li­gen, da zwar die par­la­men­ta­ri­schen „Volks­ver­tre­ter” ab­ge­wählt wer­den kön­nen, je­doch nur durch an­de­re Mit­glie­der aus dem Spek­trum vor­ge­ge­be­ner Eli­te­grup­pie­run­gen er­setzt wer­den kön­nen. Die­se Form ei­ner re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie hat ge­gen­über of­fen au­to­ri­tä­ren Herr­schafts­for­men, wie et­wa dem Feu­da­lis­mus, den Vor­teil, dass sich ein Ver­än­de­rungs­wil­le der Be­völ­ke­rung nicht ge­gen die ei­gent­li­chen Zen­tren der Macht rich­ten kann, son­dern nur ge­gen ih­re vor­der­grün­di­gen Er­schei­nungs­for­men, die par­la­men­ta­ri­schen Re­prä­sen­tan­ten und Re­gie­run­gen. Hier ist al­so be­reits im Kern ein Aus­ein­an­der­fal­len der vor­geb­li­chen und der ei­gent­li­chen Zen­tren der Macht an­ge­legt: die öf­fent­lich sicht­ba­ren de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­ten staat­li­chen Ap­pa­ra­te ei­ner­seits und die al­le grund­le­gen­den Ent­schei­dun­gen be­stim­men­den prak­tisch nicht ab­wähl­ba­ren Eli­te­grup­pie­run­gen an­de­rer­seits.

»Di­rekt­link zum Ka­pi­tel   »Sei­ten­an­fang

R. Maus­feld: Die Wahr­heit über die De­mo­kra­tie | Teil 1Teil 2Teil 3 – Teil 4 – Teil 5

Die­ses Werk ist un­ter ei­ner Crea­ti­ve Com­mons-Li­zenz (Na­mens­nen­nung – Nicht kom­mer­zi­ell – Kei­ne Be­ar­bei­tun­gen 4.0 In­ter­na­tio­nal) li­zen­ziert. Un­ter Ein­hal­tung der Li­zenz­be­din­gun­gen dür­fen Sie es ver­brei­ten und ver­viel­fäl­ti­gen. Zwie​denk​.de hat die­sen Bei­trag von Ru​bi​kon​.news über­nom­men)

1 Kommentar zu "Die Wahr­heit über die De­mo­kra­tie"

  1. Dan­ke für die­se Stel­lung­nah­me.

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


7 − drei =