Die Wahr­heit über die De­mo­kra­tie

Pro­fes­sor Rai­ner Maus­feld über das ab­seh­ba­re En­de der „De­mo­kra­tie”. Ab­druck aus dem Buch „Fas­sa­den­de­mo­kra­tie und Tie­fer Staat”. 

Au­to­ri­tä­re Ele­men­te in der ka­pi­ta­lis­ti­schen De­mo­kra­tie

Die­se Ent­wick­lung ei­ner „De­mo­kra­tie oh­ne De­mo­kra­tie“ setz­te sich im 20. Jahr­hun­dert so fort, dass sie den sich aus­dif­fe­ren­zie­ren­den Er­for­der­nis­sen und An­sprü­chen ei­ner ka­pi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts- und Ge­sell­schafts­ord­nung ge­nüg­te. Die be­reits eta­blier­ten For­men der re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie hat­ten sich aus Sicht der Macht­eli­ten be­währt, be­durf­ten je­doch an­ge­mes­se­ner An­pas­sun­gen, weil sich neue so­zia­le Kon­flikt­grup­pie­run­gen eta­blier­ten und der De­mo­kra­tie­ge­dan­ke in der Be­völ­ke­rung im­mer wie­der ei­ne ei­gen­stän­di­ge Kraft ent­fal­te­te.

Die we­sent­li­chen neu­en Ent­wick­lun­gen la­gen im Be­reich des­sen, was zu­nächst als Pro­pa­gan­da spä­ter dann als „pu­blic re­la­ti­on” be­zeich­net wur­de. Zu­dem wur­de die ideo­lo­gi­sche Recht­fer­ti­gung für die ge­wünsch­te Form der ka­pi­ta­lis­ti­schen De­mo­kra­tie bzw. der Eli­ten­de­mo­kra­tie wei­ter aus­ge­ar­bei­tet und über Me­di­en und Er­zie­hungs­we­sen kul­tu­rell ver­an­kert. Be­son­ders ein­fluss­reich wa­ren da­bei die Bei­trä­ge von Wal­ter Lipp­mann, der in sei­nem Klas­si­ker Pu­blic Opi­ni­on von 1922 die ideo­lo­gi­schen Grund­la­gen ei­ner ver­deckt au­to­ri­tä­ren Eli­ten­de­mo­kra­tie wei­ter aus­ar­bei­te­te, wie sie dann von vie­len In­tel­lek­tu­el­len wei­ter­ge­führt und zum Stan­dard­mo­dell ei­ner ka­pi­ta­lis­ti­schen De­mo­kra­tie wur­de. In die­sem Stan­dard­mo­dell wird den Bür­gern die Rol­le des po­li­ti­schen Kon­su­men­ten zu­ge­wie­sen. Der „mün­di­ge Bür­ger” ge­hört da­bei eben­so zur blo­ßen ideo­lo­gi­schen Recht­fer­ti­gungs­rhe­to­rik wie der „ra­tio­na­le Kon­su­ment” in der Öko­no­mie: Bei­de sind tat­säch­lich ge­ra­de nicht er­wünscht, son­dern Bür­ger wie Kon­su­men­ten sind in ih­ren Ein­stel­lun­gen, Mei­nun­gen und Prä­fe­ren­zen so zu for­men, dass die­se mit den In­ter­es­sen der je­wei­li­gen Eli­ten kom­pa­ti­bel sind. Da­her ent­wi­ckel­ten sich po­li­ti­sche Pro­pa­gan­da und Tech­ni­ken des Mei­nungs­ma­nage­ments Hand in Hand mit Tech­ni­ken, Kon­su­men­ten her­vor­zu­brin­gen und zu for­men.

Hy­pe­ri­on: Das Over­ton- Fens­ter (Dis­kurs- Fens­ter)

Über die­se Tech­ni­ken der Mei­nungs­ma­ni­pu­la­ti­on hin­aus wur­den wei­te­re Me­cha­nis­men ge­schaf­fen und vor­han­de­ne ver­stärkt, um wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen­grup­pen mehr Ein­fluss auf staat­li­che In­sti­tu­tio­nen und das Par­tei­en­we­sen zu er­mög­li­chen. Das ge­lang mit be­trächt­li­chem Er­folg, da sich die re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie als be­son­ders ge­eig­net für die Ein­füh­rung ver­deckt au­to­ri­tä­rer Ein­fluss­me­cha­nis­men er­wies. Schon 1912 hat­te Theo­do­re Roo­se­velt fest­ge­stellt: „Hin­ter dem, was wir für die Re­gie­rung hal­ten, thront im Ver­bor­ge­nen ei­ne Re­gie­rung oh­ne je­de Bin­dung an und oh­ne je­de Ver­ant­wor­tung für das Volk. Die Ver­nich­tung die­ser un­sicht­ba­ren Re­gie­rung und Zer­schla­gung der un­hei­li­gen Al­li­anz von kor­rup­ter Wirt­schaft und kor­rup­ter Po­li­tik ist die ent­schei­den­de po­li­ti­sche Her­aus­for­de­rung die­ser Zeit.“

Ed­ward Ber­nays sprach 1928 in sei­nem Klas­si­ker Pro­pa­gan­da ganz selbst­ver­ständ­lich von ei­nem „in­vi­si­ble go­vern­ment” als der „true ru­ling power of our coun­try“. In der Nach­kriegs­zeit schie­nen Ka­pi­ta­lis­mus und re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie vor­der­grün­dig ei­ne we­ni­ger au­to­ri­tä­re Al­li­anz ein­ge­gan­gen zu sein.

No­am Chomsky: 10 Stra­te­gi­en der Ma­ni­pu­la­ti­on. Zi­tat Wi­ki­quo­te: “Der schlau­es­te Weg, Men­schen pas­siv und folg­sam zu hal­ten, ist, das Spek­trum ak­zep­tier­ter Mei­nun­gen strikt zu li­mi­tie­ren, aber in­ner­halb die­ses Spek­trums sehr leb­haf­te De­bat­ten zu er­lau­ben.”

Die re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie er­wies sich für den Ka­pi­ta­lis­mus als ein be­son­ders ef­fek­ti­ves Mit­tel zur so­zia­len Pa­zi­fi­zie­rung: Sie ließ schein­bar ei­nen Klas­sen­kom­pro­miss zu, der im Aus­tausch ge­gen so­zi­al­staat­li­che Ver­bes­se­run­gen „die Hin­nah­me ka­pi­ta­lis­ti­scher Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se durch die nicht­ka­pi­ta­lis­ti­sche Mehr­heit der Be­völ­ke­rung er­mög­li­chen soll­te.“ Durch ei­nen sol­chen Klas­sen­kom­pro­miss konn­te die re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie zu ei­ner ge­wal­ti­gen ka­pi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­tiv­kraft wer­den. Da­durch ver­wan­del­te sich der Ka­pi­ta­lis­mus für drei Jahr­zehn­te „un­ter dem Ein­fluss de­mo­kra­ti­scher Po­li­tik und ge­werk­schaft­li­cher Or­ga­ni­sie­rung [… ] aus ei­nem ge­sell­schaft­li­chen Klas­sen­ver­hält­nis in ei­ne staat­lich ad­mi­nis­trier­te Pro­spe­ri­täts­ma­schi­ne.“ Der Ka­pi­ta­lis­mus freun­de­te sich ei­ne Zeit­lang mit der re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie an, weil es ge­lang, die von den „Volks­par­tei­en“ ver­tre­te­nen Po­si­tio­nen strikt in­ner­halb des Spek­trums der In­ter­es­sen­un­ter­schie­de der Macht­eli­ten zu hal­ten. Da­durch kön­nen die Volks­par­tei­en be­frie­dend wir­ken, weil sie die Il­lu­si­on ei­ner de­mo­kra­ti­schen Kon­trol­le auf­recht­erhal­ten und zu­gleich die Sta­bi­li­tät der herr­schen­den Ord­nung ge­währ­leis­ten.

Vor­der­grün­dig lo­cker­ten sich al­so au­to­ri­tä­re Zu­grif­fe des Ka­pi­ta­lis­mus auf die De­mo­kra­tie. Un­ter die­ser Ober­flä­che ent­wi­ckel­ten sich je­doch viel­fäl­ti­ge au­to­ri­tä­re Struk­tu­ren und Me­cha­nis­men, die bei pas­sen­den his­to­ri­schen Kon­stel­la­tio­nen ge­nutzt wer­den konn­ten, um ernst­haft de­mo­kra­ti­sche Ent­wick­lun­gen zu blo­ckie­ren.

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Rai­ner Maus­feld: Die Wahr­heit über die De­mo­kra­tie

(Teil 1) De­mo­kra­tie oh­ne De­mo­kra­tie
(Teil 2) Re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie als Eli­ten­de­mo­kra­tie
(Teil 3) Au­to­ri­tä­re Ele­men­te in der ka­pi­ta­lis­ti­schen De­mo­kra­tie
(Teil 4) De­mo­kra­tie als Ge­fahr für den Eli­ten­kon­sens | „Markt­kon­for­me De­mo­kra­tie“
(Teil 5) Post­de­mo­kra­tie als to­ta­li­tä­re Herr­schaft | „Tie­fer Staat“

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3 Kommentare zu "Die Wahr­heit über die De­mo­kra­tie"

  1. Dan­ke für die­se Stel­lung­nah­me.

  2. Über­le­gun­gen zur Her­stel­lung ech­ter De­mo­kra­tie in Mas­sen­ge­sell­schaf­ten
    Hier­zu 2 An­sät­ze:
    1) Di­rek­te De­mo­kra­tie (Grund­satz­ent­schei­dun­gen wer­den wie in der Schweiz per Re­fe­ren­den (ver­bind­li­che Volk­ab­stim­mun­gen) ge­trof­fen. Pro­blem: Bei die­sem Ver­fah­ren droht ei­ne For­cie­rung ma­ni­pu­la­ti­ver Pro­pa­gan­da, In­dok­tri­na­ti­on und Ge­hirn­wä­sche.
    2) Ein­set­zung ei­nes völ­lig un­ab­hän­gi­gen Äl­tes­ten­ra­tes als Kon­troll­gre­mi­um mit Ve­to­recht, des­sen Mit­glie­der per Los be­stimmt wer­den. Die Mit­glie­der die­ses Äl­tes­ten­ra­tes soll­ten be­stimm­te Kri­te­ri­en er­fül­len. Die­se Kri­te­ri­en könn­ten sein: Le­bens­er­fah­rung, z.B. Min­dest­al­ter 40 Jah­re, Be­fä­hi­gung, z.B. ab­ge­schlos­se­ne Be­rufs­aus­bil­dung oder Nach­weis min­des­tens 10- jäh­ri­ger be­ruf­li­cher Pra­xis, Zu­kunfts­ori­en­tie­rung, z.B. Zeu­gung ei­nes leib­li­chen Kin­des. Wei­te­re mög­li­che Spe­zi­fi­ka­tio­nen: Die Mit­glied­schaft soll­te auf ei­ne Amts­pe­ri­ode be­schränkt sein. Ich kann mir vor­stel­len, dass ein Äl­tes­ten­rat aus 100 Per­so­nen be­steht, von de­nen je­des Jahr 25 Per­so­nen aus­schei­den und 25 neu be­stimmt wer­den.

  3. Die be­kann­te in­di­sche Glo­ba­li­sier­tung­kri­ti­ke­rin Arund­ha­ti Roy hat in ih­rer Re­de vom 13. Mai 2003 in NYC we­sent­li­che Kri­tik­punk­te an Theo­rie & Pra­xis west­li­cher De­mo­kra­ti­en for­mu­liert. Ich den­ke, dass das nach­fol­gen­de Zi­tat aus die­ser Re­de ei­ne gu­te Er­gän­zung zu die­sem sehr um­fang­rei­chen Ar­ti­kel von Maus­feld dar­stellt und dem ei­li­gen Le­ser ei­nen ers­ten Ein­stieg in die The­ma­tik ver­mit­telt, um die es hier geht.

    “Die De­mo­kra­tie, die Hei­li­ge Kuh der mo­der­nen Welt, be­fin­det sich in der Kri­se. Und es ist ei­ne tief­grei­fen­de Kri­se. Im Na­men der De­mo­kra­tie wer­den al­le Ar­ten von Ver­bre­chen be­gan­gen. Aus ihr wur­de we­nig mehr als ein aus­ge­höhl­tes Wort, ei­ne hüb­sche Scha­le, jeg­li­chen In­halts oder Sinns ent­leert. Sie ist so, wie man sie ha­ben will. Die De­mo­kra­tie ist die Hu­re der frei­en Welt, be­reit, sich nach Wunsch an- und aus­zu­zie­hen, be­reit, die ver­schie­dens­ten Ge­schmä­cker zu­frie­den­zu­stel­len. Man nutzt und miss­braucht sie nach Be­lie­ben.

    Bis vor Kur­zem, noch in die 80er Jah­re hin­ein, schien es so, als könn­te die De­mo­kra­tie tat­säch­lich ein ge­wis­ses Maß an ech­ter so­zia­ler Ge­rech­tig­keit ge­währ­leis­ten.

    Aber mo­der­ne De­mo­kra­ti­en exis­tie­ren lan­ge ge­nug und neo­li­be­ra­le Ka­pi­ta­lis­ten hat­ten ge­nug Zeit, um zu ler­nen, wie man sie un­ter­gräbt. Sie ver­ste­hen sich meis­ter­lich in der Tech­nik, die In­stru­men­te der De­mo­kra­tie zu in­fil­trie­ren – die ‘un­ab­hän­gi­ge’ Jus­tiz, die ‘freie’ Pres­se, das Par­la­ment – und sie zu ih­ren Zwe­cken um­zu­for­men. Das Pro­jekt der Un­ter­neh­mens­glo­ba­li­sie­rung hat den Code ge­knackt. Ei­ne freie Pres­se, freie Wah­len und ei­ne freie Jus­tiz ha­ben we­nig Be­deu­tung, wenn der freie Markt sie zu ei­ner Wa­re ge­macht hat, die meist­bie­tend ver­kauft wird.”

    Aus ei­ner Re­de von Arund­ha­ti Roy
    http://​schel​men​streich​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​u​p​l​o​a​d​s​/​2​0​1​7​/​0​9​/​R​o​y​.​I​n​s​t​a​n​t​m​i​s​c​h​u​n​g​.​pdf

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