Die Wahr­heit über die De­mo­kra­tie

Pro­fes­sor Rai­ner Maus­feld über das ab­seh­ba­re En­de der „De­mo­kra­tie”. Ab­druck aus dem Buch „Fas­sa­den­de­mo­kra­tie und Tie­fer Staat”. 

Post­de­mo­kra­tie als to­ta­li­tä­re Herr­schaft

Die post­de­mo­kra­ti­sche De­mo­kra­tie hat al­so längst ein au­to­ri­tä­res Ge­sicht. Die ei­gent­li­chen Zen­tren der Macht sind für die Be­völ­ke­rung weit­ge­hend un­sicht­bar, de­mo­kra­tisch nicht ab­wähl­bar, un­ter­lie­gen kei­ner öf­fent­li­chen Re­chen­schafts­pflicht und sind in ex­tre­mer Wei­se au­to­ri­tär or­ga­ni­siert. Die Fra­ge nach der tat­säch­li­chen Herr­schafts­form ge­gen­wär­ti­ger west­li­cher ka­pi­ta­lis­ti­scher De­mo­kra­ti­en lässt sich al­so nicht ein­fach mit Ver­weis auf die Be­zeich­nung „De­mo­kra­tie” be­ant­wor­ten. Viel­mehr ist es ei­ne em­pi­ri­sche Auf­ga­be, durch ge­eig­ne­te Ana­ly­sen der tat­säch­li­chen Macht­ver­hält­nis­se her­aus­zu­fin­den, wie hier Herr­schaft or­ga­ni­siert ist.

Auf die­sen wich­ti­gen Punkt weist auch die Bun­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung hin, wenn sie fest­stellt: „Ei­ne Herr­schafts­form be­zeich­net die Art und Wei­se, wie Herr­schaft in ei­nem Staat aus­ge­übt wird. […] Ach­tung! Bei der Fra­ge nach der Herr­schafts­form geht es nicht dar­um, wie sich ein Staat be­zeich­net oder wie er nach sei­nen Ge­set­zen or­ga­ni­siert sein soll­te. Ent­schei­dend ist, wer tat­säch­lich die Herr­schaft aus­übt.“

Es geht al­so um die em­pi­risch zu be­ant­wor­ten­de Fra­ge, ob die tat­säch­li­chen Zen­tren po­li­ti­scher Macht bei den in de­mo­kra­ti­schen Wah­len ge­wähl­ten Re­gie­run­gen lie­gen, oder ob sie au­ßer­halb des Be­reichs de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­ter Herr­schaft lie­gen. Hier­zu gibt es mitt­ler­wei­le ei­ne Fül­le wis­sen­schaft­li­cher Li­te­ra­tur und um­fang­rei­che em­pi­ri­sche Un­ter­su­chun­gen. Die vor­lie­gen­den Ana­ly­sen, wie sie ins­be­son­de­re in dem Be­reich der Macht-Struk­tur-Ana­ly­se durch­ge­führt wur­den, zei­gen, dass die tat­säch­li­chen Zen­tren po­li­ti­scher Macht weit au­ßer­halb je­der de­mo­kra­ti­schen Kon­trol­le lie­gen und zu­gleich prak­tisch al­le grund­le­gen­den po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen be­stim­men. Ob­wohl sie im Bin­nen­ver­hält­nis ganz un­ter­schied­li­che In­ter­es­sen auf­wei­sen kön­nen, die sich ge­le­gent­lich in — für die Öf­fent­lich­keit nur sehr in­di­rekt sicht­ba­ren — Kon­flik­ten ent­la­den, sind sie in den grund­sätz­li­chen Zie­len recht ho­mo­gen und ver­fol­gen ei­ne ge­mein­sa­me Agen­da. Sie stel­len die we­sent­li­chen Ak­teu­re der neo­li­be­ra­len Re­vo­lu­ti­on dar, de­ren Ziel die Um­ver­tei­lung von un­ten nach oben, vom Sü­den in den Nor­den und von der öf­fent­li­chen in die pri­va­te Hand ist. Für die­se Agen­da sind sie auf die Eta­blie­rung au­to­ri­tä­rer Struk­tu­ren an­ge­wie­sen, durch die sie je­de öf­fent­li­che Kon­trol­le und Re­chen­schafts­pflicht ver­hin­dern kön­nen. Folg­lich se­hen sie je­de Form von De­mo­kra­tie als ih­ren Haupt­feind an.

Ih­re zen­tra­len Kno­ten­punk­te lie­gen, em­pi­ri­schen Stu­di­en zu­fol­ge, in der Fi­nanz­in­dus­trie und in ei­ner Rei­he spe­zi­fi­scher wirt­schaft­li­cher Kom­ple­xe, die auch Si­li­con Val­ley ein­schlie­ßen und über­wie­gend US-ba­siert sind. Sie sind eng ver­floch­ten mit Ge­heim­diens­ten, der Über­wa­chungs- und Si­cher­heits­in­dus­trie, dem mi­li­tä­ri­schen Be­reich, pri­va­ten Me­di­en und In­ter­net­kon­zer­nen so­wie ei­nem gi­gan­ti­schen Netz­werk aus Think Tanks und NGOs. Ih­re Bin­nen­struk­tur ist hoch­gra­dig ver­teilt or­ga­ni­siert — ver­gleich­bar mit der Ar­chi­tek­tur des In­ter­net —, so­dass sie in der je­weils ge­for­der­ten po­li­ti­schen Macht­aus­übung über ein ho­hes Maß an stra­te­gi­scher Fle­xi­bi­li­tät ver­fü­gen und po­li­tisch we­nig stör­an­fäl­lig sind.

Prof. Rai­ner Maus­feld: Die Angst der Macht­eli­ten vor dem Volk

Die dar­aus re­sul­tie­ren­de Macht­struk­tur ist, Mi­ke Lof­gren zu­fol­ge, “so hea­vi­ly ent­ren­ched, so well pro­tec­ted by sur­veil­lan­ce, fire­power, mo­ney and its abili­ty to co-opt re­sis­tan­ce that it is al­most im­per­vious to chan­ge.“ Durch Think Tanks, Me­di­en und ei­ne Rei­he an­de­rer Ka­nä­le und Me­cha­nis­men ha­ben sie sich mit ei­ner Kul­tur der recht­li­chen und ge­sell­schaft­li­chen Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit um­ge­ben und die­se ab­ge­si­chert. Zu­dem ha­ben sie Me­cha­nis­men der Trans­for­ma­ti­on öko­no­mi­scher in po­li­ti­sche Macht eta­bliert und durch ih­ren di­rek­ten Ein­fluss auf die Ge­setz­ge­bung ih­ren po­li­ti­schen Ein­fluss in ei­ner his­to­risch nie ge­kann­ten Wei­se ver­grö­ßert. Hier­zu ge­hört bei­spiels­wei­se die Steu­er­ge­setz­ge­bung, die in­ter­na­tio­na­le Ge­setz­ge­bung zum „Frei­han­del”, die Ver­recht­li­chung in­sti­tu­tio­na­li­sier­ter For­men der Kor­rup­ti­on und die recht­li­che Gleich­stel­lung von Kon­zer­nen mit na­tür­li­chen Per­so­nen („cor­po­ra­te per­sonhood“).

Wenn man al­so das von der Bun­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung emp­foh­le­ne Be­ur­tei­lungs­kri­te­ri­um da­für, ob ei­ne Herr­schafts­form als De­mo­kra­tie zu be­zeich­nen sei, zu­grun­de legt, er­lau­ben die vor­lie­gen­den em­pi­ri­schen Ana­ly­sen nur den Schluss, dass west­lich-ka­pi­ta­lis­ti­sche De­mo­kra­ti­en tat­säch­lich ei­ne neu­ar­ti­ge Form to­ta­li­tä­rer Herr­schaft dar­stel­len. Es ist ei­ne em­pi­ri­sche Auf­ga­be, auf der Ba­sis ge­eig­ne­ter theo­re­ti­scher Kon­zep­te ein ge­naue­res Ver­ständ­nis der spe­zi­fi­schen Ei­gen­schaf­ten und Funk­ti­ons­wei­sen die­ser neu­ar­ti­gen Or­ga­ni­sa­ti­ons­wei­se von po­li­ti­scher Macht zu ge­win­nen. Die tra­di­tio­nel­len Kon­zep­te und Ka­te­go­ri­en der Ana­ly­se von Macht­struk­tu­ren sind ver­mut­lich hier­für nicht aus­rei­chend und müs­sen da­her in ge­eig­ne­ter Wei­se an­ge­passt und er­wei­tert wer­den.

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Ge­fah­ren des Be­griffs „Tie­fer Staat“

Das Kon­zept des „Tie­fen Staa­tes” ist für ei­ne sol­che Ana­ly­se we­nig ge­eig­net, weil es his­to­risch mit be­stimm­ten Macht­kon­stel­la­tio­nen ver­bun­den ist, die mit den Macht­struk­tu­ren, um die es hier geht, nur ober­fläch­li­che Ge­mein­sam­kei­ten ha­ben. Zu­dem birgt es durch na­tür­li­che Dis­po­si­tio­nen un­se­res Geis­tes ei­ne Rei­he von Ge­fah­ren, die ein wirk­li­ches Ver­ständ­nis der zu un­ter­su­chen­den Macht­struk­tu­ren be­ein­träch­ti­gen kön­nen. Wir nei­gen bei un­se­ren in­tui­ti­ven Kau­sa­l­ana­ly­sen kom­ple­xer Pro­zes­se zu be­stimm­ten Fehl­kon­zep­tio­nen und ko­gni­ti­ven Ver­zer­run­gen, ins­be­son­de­re zu kon­kre­tis­ti­schen Ur­sa­chen­zu­schrei­bun­gen in per­so­na­len Ka­te­go­ri­en. Da uns na­tur­ge­mäß der­ar­ti­ge in­tui­ti­ve Kau­sa­l­ana­ly­sen in ei­nem ho­hen Grad plau­si­bel er­schei­nen, füh­ren sie zur Il­lu­si­on des Ver­ste­hens und ver­stel­len da­durch das Ver­ständ­nis der tat­säch­li­chen Ei­gen­schaf­ten und Funk­ti­ons­wei­sen die­ser neu­ar­ti­gen Or­ga­ni­sa­ti­ons­for­men po­li­ti­scher Macht. Der Be­griff „Tie­fer Staat” ver­führt ge­ra­de­zu zur kon­kre­tis­ti­schen Per­so­na­li­sie­rung von Macht­kon­stel­la­tio­nen oder — schlim­mer noch — ih­rer Mys­ti­fi­zie­rung.

Man kann na­tür­lich den Be­griff „Tie­fer Staat” me­ta­pho­risch ver­wen­den, um die öf­fent­li­che Auf­merk­sam­keit auf den Sach­ver­halt zu len­ken, dass die Zen­tren der po­li­ti­schen Macht nicht bei den Par­la­men­ten und Re­gie­run­gen lie­gen, son­dern bei Ak­teu­ren, die weit­ge­hend der öf­fent­li­chen Sicht­bar­keit ent­zo­gen sind. Im Rah­men ei­ner macht­so­zio­lo­gi­schen Ana­ly­se be­zeich­net der Be­griff „Tie­fer Staat” le­dig­lich ei­ne phä­no­me­no­lo­gi­sche Ka­te­go­rie und kei­ne theo­re­ti­sche Er­klä­rungs­ka­te­go­rie, auf de­ren Grund­la­ge sich ein tie­fe­res Ver­ständ­nis der Ei­gen­schaf­ten und Wirk­me­cha­nis­men der Macht­struk­tu­ren, um die es geht, ge­win­nen lie­ße. „Tie­fer Staat” be­zeich­net dann le­dig­lich ei­ne Er­schei­nungs­wei­se po­li­ti­scher Macht: der Macht im au­to­ri­tä­ren und zu­neh­mend to­ta­li­tä­ren Spät­ka­pi­ta­lis­mus. Die­se be­dient sich der Hül­se der re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie nur noch, um die ei­gent­li­chen Zen­tren po­li­ti­scher Macht für die Öf­fent­lich­keit un­sicht­bar zu ma­chen. Mehr noch: Die Öf­fent­lich­keit soll mög­lichst nicht ein­mal wis­sen, dass die­se über­haupt exis­tie­ren — ein Ziel, das mit be­din­gungs­lo­ser Un­ter­stüt­zung der Mas­sen­me­di­en in ei­nem be­un­ru­hi­gen­den Ma­ße er­reicht wur­de. Po­li­ti­sche Ver­än­de­rungs­be­dürf­nis­se der Be­völ­ke­rung kön­nen sich da­durch nicht mehr auf die Zen­tren der Macht rich­ten, son­dern nur noch auf Ab­lenk­zie­le, wo­mit sie po­li­tisch ins Lee­re lau­fen.

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Über den Au­tor: Rai­ner Maus­feld, Jahr­gang 1949, stu­dier­te Psy­cho­lo­gie, Ma­the­ma­tik und Phi­lo­so­phie in Bonn. Er ist Pro­fes­sor für All­ge­mei­ne Psy­cho­lo­gie an der Chris­ti­an-Al­brechts-Uni­ver­si­tät zu Kiel und ar­bei­tet im Be­reich der Wahr­neh­mungs- und Ko­gni­ti­ons­for­schung.

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No­am Chomsky, Zi­ta­te (Wi­ki­quo­te)
“Mer­kel muss weg!” Ja, wirk­lich? Vor­sicht! (Hei­se)

Ti­tel­bild: Adri­an Sulc [CC BY-SA 3.0 ], via Wi­ki­me­dia Com­mons

1 Kommentar zu "Die Wahr­heit über die De­mo­kra­tie"

  1. Dan­ke für die­se Stel­lung­nah­me.

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