No­am Chomsky: So­li­da­ri­tät un­mög­lich ma­chen

Manifestation du mouvement des gilets jaunes, à Belfort, le 01 décembre 2018.

Wie die Eli­ten uns ge­gen­ein­an­der aus­spie­len. Ex­klu­siv­ab­druck aus „Re­qui­em für den ame­ri­ka­ni­schen Traum“ von No­am Chomsky.

So­li­da­ri­tät ist ziem­lich ge­fähr­lich. Aus Sicht der Herr­schen­den soll sich je­der nur um sich selbst küm­mern, nicht um an­de­re.

Da­bei ha­ben ge­ra­de ih­re Hel­den ganz an­de­res ge­for­dert, bei­spiels­wei­se Adam Smith, des­sen ge­sam­te Un­ter­su­chun­gen zur Wirt­schaft auf der Prä­mis­se be­ru­hen, dass Mit­ge­fühl ein fun­da­men­ta­ler mensch­li­cher Zug ist. Aber die­ser Ge­dan­ke muss den Men­schen aus­ge­trie­ben wer­den. Ver­las­se dich nur auf dich selbst und fol­ge der Ma­xi­me »Was ge­hen mich die an­de­ren an«, die für die Rei­chen und Mäch­ti­gen ganz in Ord­nung ist, für al­le Üb­ri­gen hin­ge­gen ver­hee­rend. Es wur­de kei­ne Mü­he ge­scheut, dies den Men­schen ein­zu­häm­mern (1).

Die Fol­gen sieht man in der der­zei­ti­gen Po­li­tik, bei­spiels­wei­se im An­griff auf das Ren­ten­sys­tem. Es ist viel von des­sen Kri­se die Re­de, aber die­se Kri­se exis­tiert gar nicht. Das Ren­ten­sys­tem steht ziem­lich gut da – so gut wie eh und je. Es ist ein sehr ef­fek­ti­ves Pro­gramm und ver­ur­sacht so gut wie kei­ne Ver­wal­tungs­kos­ten.

Soll­te es in ein paar Jahr­zehn­ten tat­säch­lich in ei­ne Kri­se ge­ra­ten, dürf­te es nicht schwie­rig sein, sie zu be­wäl­ti­gen. Aber die po­li­ti­sche De­bat­te hat sich völ­lig dar­auf ein­ge­schos­sen, weil die Herr­schen­den die Ren­ten­ver­si­che­rung nicht wol­len – sie ha­ben sie im­mer ver­ab­scheut, denn sie kommt der All­ge­mein­heit zu­gu­te. Tat­säch­lich hat der Hass auf sie je­doch ei­nen an­de­ren Grund.

Die Ren­ten­ver­si­che­rung be­ruht auf ei­nem be­stimm­ten Prin­zip, näm­lich dem der So­li­da­ri­tät, al­so der ge­gen­sei­ti­gen Für­sor­ge al­ler. Ren­ten­ver­si­che­rung be­deu­tet: »Ich zah­le Lohn­steu­er, da­mit die Wit­we am an­de­ren En­de der Stadt et­was be­kommt, von dem sie le­ben kann« (2). Der Groß­teil der Be­völ­ke­rung könn­te oh­ne die­se all­ge­mei­ne Hal­tung nicht über­le­ben.

Die Su­per­rei­chen hin­ge­gen brau­chen das nicht, des­halb ge­hen sie or­ga­ni­siert da­ge­gen vor. Man kann das so­zia­le Si­che­rungs­sys­tem zer­stö­ren, in­dem man ihm die fi­nan­zi­el­len Mit­tel ent­zieht. Wie macht man ein Sys­tem ka­putt? Als Ers­tes dreht man den Geld­hahn zu. Da­mit kann es sei­ne Auf­ga­be nicht mehr er­fül­len. Die Leu­te wer­den wü­tend und wol­len schließ­lich et­was an­de­res. Das ist die Stan­dard­me­tho­de, ein Sys­tem zu pri­va­ti­sie­ren.

Der An­griff auf die öf­fent­li­che Bil­dung

Ein Bei­spiel ist der An­griff auf öf­fent­li­che Schu­len. Auch sie be­ru­hen auf dem Prin­zip der So­li­da­ri­tät. Ich selbst ha­be kei­ne Kin­der mehr im Schul­al­ter. Mei­ne Kin­der sind in­zwi­schen er­wach­sen, aber das So­li­da­ri­täts­prin­zip sagt mir: »Ich zah­le gern Steu­ern, da­mit die Kin­der in mei­ner Nach­bar­schaft zur Schu­le ge­hen kön­nen.« Das ist ein­fach ei­ne nor­ma­le mensch­li­che Re­gung. Aber die muss den Leu­ten aus­ge­trie­ben wer­den. »Ich ha­be kei­ne Kin­der, die zur Schu­le ge­hen. War­um soll ich da­für Steu­ern be­zah­len? Pri­va­ti­siert die Schu­len«, und so wei­ter. Das öf­fent­li­che Bil­dungs­sys­tem – vom Kin­der­gar­ten bis zur Hoch­schu­le – steht schwer un­ter Be­schuss. Da­bei ist es ein Klein­od der ame­ri­ka­ni­schen Ge­sell­schaft.

Keh­ren wir noch ein­mal zum Gol­de­nen Zeit­al­ter zu­rück, zu der gro­ßen Zeit des Wirt­schafts­wachs­tums in den 1950er- und 1960er-Jah­ren. Der da­ma­li­ge wirt­schaft­li­che Er­folg be­ruh­te zu ei­nem gro­ßen Teil auf der kos­ten­lo­sen öf­fent­li­chen Bil­dung. Ei­ne der Fol­gen des 2. Welt­kriegs in den USA war die G.I. Bill of Rights, ein Bun­des­ge­setz, das Kriegs­heim­keh­rern – ver­ges­sen wir nicht, dass sie ei­nen gro­ßen Teil der Be­völ­ke­rung stell­ten – ein Stu­di­um er­mög­lich­te (3). Sonst hät­ten sie es sich nicht leis­ten kön­nen. Ich bin 1945 aufs Col­le­ge ge­gan­gen – ich war nicht im Krieg, da­für war ich zu jung –, und da­mals war das Stu­di­um prak­tisch kos­ten­los. Und ob­wohl mei­ne Uni­ver­si­tät, die Uni­ver­si­ty of Penn­syl­va­nia, ei­ne Ivy League School ist, mit­hin ei­ne der an­ge­se­hens­ten Hoch­schu­len, be­tru­gen die Stu­di­en­ge­büh­ren nur hun­dert Dol­lar, und es war leicht, ein Sti­pen­di­um zu be­kom­men.

Da­bei muss ich ei­nes er­wäh­nen: Die Leu­te, die in je­ner Zeit ei­ne Hoch­schu­le be­such­ten, wa­ren aus­nahms­los Wei­ße. Die G.I. Bill of Rights und vie­le an­de­re So­zi­al­pro­gram­me wa­ren an ras­sis­ti­schen Prin­zi­pi­en aus­ge­rich­tet, die tief in un­se­rer Ge­schich­te ver­wur­zelt und heu­te kei­nes­falls über­wun­den sind. Aber sieht man da­von ein­mal ab, la­gen die USA bei der Ent­wick­lung öf­fent­li­cher Bil­dung für die Mas­sen auf al­len Ebe­nen weit in Füh­rung.

In­zwi­schen fi­nan­zie­ren sich die staat­li­chen Hoch­schu­len in über der Hälf­te der Bun­des­staa­ten durch Stu­di­en­ge­büh­ren statt durch Gel­der aus öf­fent­li­cher Hand. Das ist ei­ne ein­schnei­den­de Ver­än­de­rung und ei­ne schreck­li­che Bür­de für die Stu­den­ten. Denn wer nicht aus ei­ner sehr wohl­ha­ben­den Fa­mi­li­en stammt, ver­lässt das Col­le­ge mit ei­nem Rie­sen­berg Schul­den. Da­mit sitzt er in ei­ner Fal­le. Neh­men wir an, je­mand möch­te An­walt für Bür­ger­initia­ti­ven wer­den, dann muss er erst ein­mal in ei­ner Kanz­lei für Un­ter­neh­mens­recht ar­bei­ten, um die­se Schul­den zu be­zah­len. Hat er dort ein­mal Wur­zeln ge­schla­gen, kommt er da­von nicht mehr los. Das ist in al­len Be­rei­chen so.

In den 1950er-Jah­ren war un­se­re Ge­sell­schaft viel är­mer als heu­te, und den­noch er­mög­lich­te sie mü­he­los ei­ne weit­ge­hend kos­ten­lo­se hö­he­re Bil­dung für al­le. Un­se­re heu­ti­ge, viel rei­che­re Ge­sell­schaft be­haup­tet, sie ver­fü­ge nicht über die nö­ti­gen Mit­tel da­für. Das ist der Ge­ne­ral­an­griff auf Prin­zi­pi­en, die nicht nur hu­man sind, son­dern auch die Grund­la­ge des Wohl­stands und der Ge­sund­heit die­ser Ge­sell­schaft bil­den.

No­am Chomsky: Re­qui­em For The Ame­ri­can Dream (deut­sche Un­ter­ti­tel ein­stell­bar)

Pri­va­ti­sie­rung

Und das ist über­all zu be­ob­ach­ten. Neh­men wir nur ein­mal die Vor­schlä­ge für die »Re­form« von Me­di­ca­re, der Ge­sund­heits­ver­sor­gung für äl­te­re und be­hin­der­te Bür­ger – sie zie­len im Kern auf nichts an­de­res als die Zer­schla­gung und Pri­va­ti­sie­rung die­ses Sys­tems. Die Re­for­men sind sorg­fäl­tig durch­dacht, denn erst ein­mal wer­den Men­schen über fünf­und­fünf­zig da­von aus­ge­nom­men, al­so ein er­heb­li­cher Teil der wahl­be­rech­tig­ten Be­völ­ke­rung. Wenn man das durch den Kon­gress brin­gen will, zieht man am bes­ten die Wäh­ler auf sei­ne Sei­te. Mit an­de­ren Wor­ten, man hofft dar­auf, dass die ­Äl­te­ren so ge­mein sind, ih­re Kin­der und En­kel im Re­gen ste­hen zu las­sen, um für sich selbst noch ei­ne an­stän­di­ge me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung zu si­chern. Das ist das Prin­zip.

Und selbst­ver­ständ­lich wer­den ih­re Kin­der, und spä­ter na­tür­lich auch ih­re En­kel, die­se har­ten Ein­schnit­te zu spü­ren be­kom­men. Man will Me­di­ca­re so aus­lau­fen las­sen, dass das ent­schei­den­de Seg­ment der Wäh­ler da­bei mit­zieht. Wenn die ent­spre­chen­den Ge­set­ze erst ein­mal ver­ab­schie­det sind, bleibt der Rest – mit ih­ren Kin­dern und Kin­des­kin­dern – auf den Bil­lio­nen Dol­lar sit­zen, die ih­re me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung kos­tet.

Un­ser Land hat als ein­zi­ges in der ent­wi­ckel­ten Welt ein Ge­sund­heits­sys­tem, das zu ei­nem über­wie­gen­den Teil über prak­tisch un­re­gu­lier­te pri­va­te Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten läuft, und das ist äu­ßerst in­ef­fi­zi­ent und sehr kost­spie­lig. Ein auf­ge­bläh­ter Ver­wal­tungs­ap­pa­rat und ein un­durch­sich­ti­ges Ab­rech­nungs­sys­tem – Din­ge, die in ei­nem ver­nünf­ti­gen Ge­sund­heits­sys­tem nicht vor­kom­men. Und ich spre­che hier nicht über ei­ne Uto­pie – bei­na­he al­le an­de­ren In­dus­trie­ge­sell­schaf­ten ha­ben ein – so­wohl von der Ver­sor­gung als auch von den Kos­ten her be­trach­tet – ef­fi­zi­en­te­res Sys­tem als die Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Das ist ein Skan­dal, aber im­mer noch we­ni­ger skan­da­lös als die Tat­sa­che, dass Mil­lio­nen Men­schen über­haupt kei­ne Kran­ken­ver­si­che­rung ha­ben und sich al­so in ei­ner noch viel pre­kä­re­ren Si­tua­ti­on be­fin­den.

Ich möch­te hin­zu­fü­gen, dass hin­ter al­le­dem nicht nur die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten und die Fi­nanz­in­sti­tu­te ste­cken, son­dern auch die Phar­ma­kon­zer­ne. Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten sind mei­nes Wis­sens das ein­zi­ge Land auf der Welt, in dem es der Re­gie­rung per Ge­setz un­ter­sagt ist, über Prei­se für Me­di­ka­men­te zu ver­han­deln. Das Pen­ta­gon kann über den Preis für Blei­stif­te ver­han­deln, die Re­gie­rung aber nicht über die Me­di­ka­men­ten­prei­se für Me­di­ca­re und Me­di­caid. Al­ler­dings gibt es ei­ne Aus­nah­me, und das ist das Kriegs­ve­te­ra­nen­mi­nis­te­ri­um, das für die me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung ehe­ma­li­ger Kriegs­teil­neh­mer zu­stän­dig ist. Es kann mit der Phar­ma­in­dus­trie ver­han­deln und zahlt da­her deut­lich ge­rin­ge­re Prei­se, Prei­se auf Welt­markt­ni­veau. Aber Ge­set­ze ver­hin­dern, dass auch an­de­re von die­sen nied­ri­ge­ren Prei­sen pro­fi­tie­ren, was na­tür­lich ein kras­ser Ver­stoß ge­gen die Prin­zi­pi­en der frei­en Markt­wirt­schaft ist. Man re­det von frei­er Markt­wirt­schaft, aber die tat­säch­li­che Po­li­tik sieht an­ders aus.

Das Kriegs­ve­te­ra­nen­mi­nis­te­ri­um ar­bei­tet viel ef­fek­ti­ver, die Kos­ten für Me­di­ka­men­te und die Ge­mein­kos­ten sind nied­ri­ger, die me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung ist ins­ge­samt bes­ser. Das ame­ri­ka­ni­sche Me­di­ca­re-Sys­tem ist an sich eben­falls ziem­lich ef­fi­zi­ent – die Ver­wal­tungs­kos­ten lie­gen weit un­ter de­nen der Pri­vat­ver­si­che­run­gen. Und ich möch­te dar­an er­in­nern, dass es sich bei bei­den um staat­li­che Ge­sund­heits­pro­gram­me ­han­delt. Wenn die Kos­ten für Me­di­ca­re jetzt in as­tro­no­mi­sche Hö­hen schie­ßen, dann des­halb, weil das Sys­tem ge­zwun­ge­ner­ma­ßen mit pri­va­ten, un­re­gu­lier­ten Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten ar­bei­ten muss. Wie man sol­che Pro­ble­me löst, ist be­kannt, es gibt ge­nü­gend Vor­bil­der. Aber man darf die­se Un­ter­neh­men nicht an­grei­fen, weil sie für die Wirt­schaft zu be­deut­sam sind. Es ist in­ter­es­sant zu se­hen, was pas­siert, wenn der sel­te­ne Fall ein­tritt und das The­ma doch auf den Tisch kommt. In der New York Times et­wa heißt es dann meist »po­li­tisch nicht mach­bar« oder »es fehlt an po­li­ti­scher Un­ter­stüt­zung«, wo doch die Mehr­heit der Be­völ­ke­rung schon lan­ge der An­sicht ist, hier müss­te et­was ge­tan wer­den.

Zu Be­ginn von Ob­a­mas Ge­sund­heits­re­form, die un­ter dem Na­men Af­forda­ble Ca­re Act (Ge­setz für ei­ne er­schwing­li­che Ge­sund­heits­ver­si­che­rung) be­kannt wur­de, gab es, wie man sich viel­leicht noch er­in­nert, auch Dis­kus­sio­nen über die Ein­füh­rung ei­ner rein staat­lich or­ga­ni­sier­ten Ge­sund­heits­ver­sor­gung. Zwei Drit­tel der Be­völ­ke­rung spra­chen sich da­mals ­da­für aus. Aber die Idee wur­de ver­wor­fen – kei­ne wei­te­ren De­bat­ten. Noch frü­her, in den spä­ten Rea­gan-Jah­ren, fan­den 70 Pro­zent der Be­völ­ke­rung, ein staat­li­ches Ge­sund­heits­we­sen soll­te ein in der Ver­fas­sung ga­ran­tier­tes Recht sein. Und et­wa 40 Pro­zent glaub­ten so­gar, dies sei be­reits so. Aber das ist eben kei­ne po­li­ti­sche Un­ter­stüt­zung – po­li­ti­sche Un­ter­stüt­zung, das sind Gold­man Sachs, JP­Mor­gan Cha­se und so wei­ter. Hät­ten wir ein Ge­sund­heits­sys­tem wie an­de­re Län­der, wür­den wir in die­sem Be­reich kein De­fi­zit ma­chen, son­dern wahr­schein­lich ei­nen Über­schuss.

Den Staat ab­schaf­fen

Die De­bat­te über die ge­gen­wär­ti­gen öko­no­mi­schen Pro­ble­me in den USA – und üb­ri­gens auch in Eu­ro­pa – ist ver­blüf­fend. Das größ­te Pro­blem der Men­schen ist nicht et­wa die Staats­ver­schul­dung, son­dern die Ar­beits­lo­sig­keit. Sie wirkt sich ver­hee­rend auf ei­ne Ge­sell­schaft aus. Ich mei­ne, sie hat schreck­li­che Fol­gen für die Be­trof­fe­nen und ih­re Fa­mi­li­en, aber auch für die Wirt­schaft. Und es ist völ­lig klar, war­um: Mensch­li­che Ar­beits­kraft, die zur wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung ein­ge­setzt wer­den könn­te, bleibt un­ge­nutzt – sie wird ver­schwen­det.

Das klingt un­mensch­lich – schließ­lich ist das mensch­li­che Elend das Schlimms­te. Doch von ei­nem strikt öko­no­mi­schen Ge­sichts­punkt aus ist das et­wa so, als wür­de man Fa­bri­ken brach lie­gen las­sen. Wer nach Eu­ro­pa, Ja­pan oder selbst Chi­na reist, dem fällt bei sei­ner Rück­kehr so­fort auf, dass sich die USA im Ver­fall be­fin­den, und er hat oft das Ge­fühl, in ein Land der so­ge­nann­ten Drit­ten Welt zu­rück­zu­keh­ren. Die In­fra­struk­tur ist ma­ro­de, das Ge­sund­heits­sys­tem ist völ­lig zer­rüt­tet, das Bil­dungs­sys­tem liegt in Trüm­mern, nichts funk­tio­niert, und all das in ei­nem Land, das über un­glaub­li­che Mit­tel ver­fügt. Es be­darf schon ei­ner äu­ßerst ef­fek­ti­ven Pro­pa­gan­da, da­mit Men­schen an­ge­sichts ei­ner sol­chen Rea­li­tät pas­siv blei­ben. Das ist die ge­gen­wär­ti­ge Si­tua­ti­on – wir ha­ben ei­ne enor­me Zahl von Men­schen, die un­be­dingt ar­bei­ten wol­len und gut aus­ge­bil­det sind, und vie­le Din­ge, die in An­griff ge­nom­men wer­den müs­sen. Es man­gelt an vie­lem in die­sem Land.

Fi­nanz­in­sti­tu­te mö­gen kei­ne Staats­ver­schul­dung, und sie wol­len auch mög­lichst we­nig Staat. Leu­te wie der sehr ein­fluss­rei­che Gro­ver Nor­quist, Prä­si­dent der be­deu­ten­den Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on Ame­ri­cans for Tax Re­form, trei­ben die­se Ab­nei­gung auf die Spit­ze. Er zwingt al­len Kon­gress­ab­ge­ord­ne­ten der Re­pu­bli­ka­ni­schen Par­tei das Ge­löb­nis auf, nie­mals die Steu­ern zu er­hö­hen und den Ein­fluss des Staa­tes zu ver­rin­gern – und sie un­ter­schrei­ben es tat­säch­lich fast al­le. Er will nach sei­nem ei­ge­nen Be­kennt­nis den Staat im Grun­de ab­schaf­fen. Aus Sicht der Herr­schen­den ist das ab­so­lut ver­ständ­lich. In ei­ner funk­tio­nie­ren­den De­mo­kra­tie han­delt die Re­gie­rung im In­ter­es­se und im Auf­trag der Be­völ­ke­rung. Ge­nau das be­deu­tet De­mo­kra­tie. Die Herr­schen­den hin­ge­gen hät­ten na­tür­lich ger­ne die un­ein­ge­schränk­te Macht, oh­ne dass ih­nen das Volk da­zwi­schen­funkt. Des­halb se­hen sie es ger­ne, wenn die Macht des Staa­tes schwin­det – al­ler­dings un­ter zwei Vor­be­hal­ten. Sie wol­len ge­währ­leis­tet se­hen, dass der Staat die Steu­er­zah­ler her­an­zieht, um ih­nen im Not­fall aus der Pat­sche zu hel­fen und sie noch rei­cher zu ma­chen. Und sie wol­len ein star­kes Mi­li­tär, das die Welt un­ter Kon­trol­le hält.

Auf die­se Auf­ga­ben wol­len sie den Staat re­du­zie­ren. Kei­ne Re­de da­von, dass er die me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung äl­te­rer Men­schen oder die Exis­tenz ei­ner be­hin­der­ten Wit­we ga­ran­tier­ten soll­te. Das in­ter­es­siert sie nicht, es ver­trägt sich nicht mit ih­rer elen­den Ma­xi­me, des­halb kon­zen­trie­ren sie sich auf die Staats­ver­schul­dung. Für die Be­völ­ke­rung hat die Ar­beits­lo­sig­keit weit grö­ße­re Be­deu­tung. Aber die öf­fent­li­che De­bat­te kreist wei­ter­hin nur um die Staats­ver­schul­dung, sieht man von Aus­nah­men wie Paul Krug­man ab.

Die Dis­kus­si­on wird über­wie­gend von den Herr­schen­den be­stimmt: »Schaut auf die Staats­ver­schul­dung, ver­gesst al­les an­de­re.« Das Ver­blüf­fen­de da­bei: Von den Ur­sa­chen ist nicht die Re­de. Und die lie­gen ge­ra­de­zu auf der Hand. Ein Grund sind die au­ßer­or­dent­lich ho­hen Mi­li­tär­aus­ga­ben der USA, die et­wa de­nen der ge­sam­ten üb­ri­gen Welt ent­spre­chen. Mit un­se­rer Si­cher­heit hat das na­tür­lich nichts zu tun (aber das ist ei­ne an­de­re Ge­schich­te) – nur mit der Si­cher­heit der Herr­schen­den, die die Macht über die Welt aus­üben und nur ih­re ei­ge­nen In­ter­es­sen im Au­ge ha­ben.

Die Rück­kehr zur So­li­da­ri­tät

Wie kön­nen wir die hö­he­re Bil­dung er­schwing­li­cher ma­chen? Ganz ein­fach – wir brau­chen es nur zu tun.

Man muss sich nur ein we­nig in der Welt um­schau­en, dann fin­det man ein­fa­che Lö­sun­gen. Finn­land hat in bei­na­he je­der Hin­sicht das höchs­te Bil­dungs­ni­veau – wie viel zahlt man dort für ein Hoch­schul­stu­di­um? Nichts. Es ist kos­ten­los. Oder neh­men Sie Deutsch­land, ein wei­te­res rei­ches Land mit ei­nem ziem­lich er­folg­rei­chen Bil­dungs­sys­tem – wie viel zahlt man dort? Im Grun­de nichts. Oder wer­fen wir ei­nen Blick auf ein ar­mes Land in un­se­rer un­mit­tel­ba­ren Nach­bar­schaft – ge­ra­de Me­xi­ko hat ein er­staun­lich gu­tes Sys­tem hö­he­rer Bil­dung, ich war be­ein­druckt von dem, was ich dort ge­se­hen ha­be. Die Löh­ne sind sehr nied­rig, weil es ein sehr ar­mes Land ist, aber ein Stu­di­um kos­tet nichts.

Es gibt kei­nen wirt­schaft­li­chen Grund, war­um Bil­dung nicht je­dem kos­ten­los zur Ver­fü­gung ste­hen könn­te – da­hin­ter ste­cken so­zia­le und po­li­ti­sche Grün­de, al­so so­zia­le und po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen. Die Wirt­schaft wür­de höchst­wahr­schein­lich bes­ser da­ste­hen, wenn mehr Men­schen tat­säch­lich die Ge­le­gen­heit hät­ten, sich zu ent­wi­ckeln und durch ei­ne hö­he­re Bil­dung ei­nen Bei­trag zur Ge­sell­schaft zu leis­ten.

An­mer­kun­gen und Quel­len:

(1) Sie­he: Adam Smith, Die Theo­rie der ethi­schen Ge­füh­le; 1759, S. 94
(2) Sie­he: So­ci­al Se­cu­ri­ty Act, So­zi­al­ver­si­che­rungs­ge­setz; 1935, S .95.
(3) Sie­he: Servicemen’s Re­ad­just­ment Act, Ge­setz zur Wie­der­ein­glie­de­rung von Kriegs­ve­te­ra­nen (G.I. Bill); 1944, S. 95.

(1) Adam Smith, Die Theo­rie der ethi­schen Ge­füh­le, 1759

Mag man den Men­schen für noch so ego­is­tisch hal­ten, es lie­gen doch of­fen­bar ge­wis­se Prin­zi­pi­en in sei­ner Na­tur, die ihn da­zu be­stim­men, an dem Schick­sal an­de­rer An­teil zu neh­men, und die ihm selbst die Glück­se­lig­keit die­ser an­de­ren zum Be­dürf­nis ma­chen, ob­gleich er kei­nen an­de­ren Vor­teil dar­aus zieht als das Ver­gnü­gen, Zeu­ge da­von zu sein. Ein Prin­zip die­ser Art ist das Er­bar­men oder das Mit­leid, das Ge­fühl, das wir für das Elend an­de­rer emp­fin­den, so­bald wir die­ses ent­we­der selbst se­hen, oder so­bald es uns so leb­haft ge­schil­dert wird, dass wir es nach­füh­len kön­nen. Dass wir oft dar­um Kum­mer emp­fin­den, weil an­de­re Men­schen von Kum­mer er­füllt sind, das ist ei­ne Tat­sa­che, die zu au­gen­fäl­lig ist, als dass es ir­gend­wel­cher Bei­spie­le be­dürf­te, um sie zu be­wei­sen; denn die­se Emp­fin­dung ist wie al­le an­de­ren ur­sprüng­li­chen Af­fek­te des Men­schen kei­nes­wegs auf die Tu­gend­haf­ten und hu­man Emp­fin­den­den be­schränkt, ob­gleich die­se sie viel­leicht mit der höchs­ten Fein­füh­lig­keit er­le­ben mö­gen, son­dern selbst der ärgs­te Roh­ling, der ver­här­tets­te Ver­äch­ter der Ge­mein­schafts­ge­set­ze ist nicht voll­stän­dig die­ses Ge­füh­les bar.

(2) So­ci­al Se­cu­ri­ty Act, So­zi­al­ver­si­che­rungs­ge­setz, 1935

Ein Ge­setz, das Vor­sor­ge trifft für das all­ge­mei­ne Wohl­er­ge­hen, in­dem es ein fö­de­ra­les Sys­tem für das Al­ters­ru­he­geld schafft und die ein­zel­nen Bun­des­staa­ten in die La­ge ver­setzt, wei­te­re ge­eig­ne­te Maß­nah­men für al­te Men­schen, Blin­de, ­ab­hän­gi­ge und be­hin­der­te Kin­der, Mut­ter und Kind, für die öf­fent­li­che Ge­sund­heit und die Ge­stal­tung ih­rer Ge­set­ze zur Ar­beits­lo­sen­un­ter­stüt­zung zu tref­fen; ei­ne So­zi­al­ver­si­che­rungs­be­hör­de zu schaf­fen; Ein­nah­men zu er­zie­len; und für an­de­re Zwe­cke.

(3) Servicemen’s Re­ad­just­ment Act, Ge­setz zur Wie­der­ein­glie­de­rung von Kriegs­ve­te­ra­nen (G.I. Bill), 1944

Im Nach­ste­hen­den soll der Aus­druck »Bil­dungs- oder Aus­bil­dungs­stät­te« Fol­gen­des um­fas­sen: al­le öf­fent­li­chen oder pri­va­ten Schu­len sämt­li­cher Schul­stu­fen und an­de­re Schu­len der Er­wach­se­nen­bil­dung, Wirt­schafts­schu­len und -hoch­schu­len, wis­sen­schaft­li­che und tech­ni­sche In­sti­tu­te, Hoch­schu­len und Be­rufs­schu­len, Ju­ni­or-Hoch­schu­len, Päd­ago­gi­sche Hoch­schu­len, Nor­mal­schu­len, Ein­rich­tun­gen der be­ruf­li­chen Wei­ter­bil­dung, Uni­ver­si­tä­ten und an­de­re Bil­dungs­ein­rich­tun­gen, eben­so Ein­rich­tun­gen der Wirt­schaft und an­de­rer Trä­ger, die be­rufs­be­glei­ten­de Aus­bil­dun­gen an­bie­ten, dar­un­ter sol­che un­ter der zer­ti­fi­zier­ten Auf­sicht ei­ner Hoch­schu­le oder Uni­ver­si­tät oder des Bil­dungs­mi­nis­te­ri­ums ei­nes Bun­des­staats oder ei­ner bun­des­staat­li­chen Be­hör­de der Lehr­lings- oder Be­rufs­aus­bil­dung, oder je­des bun­des­staat­li­chen oder fö­de­ra­len Lehr­lings­pro­gramms in Über­ein­stim­mung mit dem Ge­setz Nr. 308 des 75. Kon­gres­ses, oder je­der an­de­ren Be­hör­de im exe­ku­ti­ven Be­reich der Bun­des­re­gie­rung, die un­ter an­de­ren Ge­set­zen au­to­ri­siert ist, ei­ne sol­che Aus­bil­dung zu über­wa­chen.

Au­tor:
No­am Chomsky, Jahr­gang 1928, gilt als Be­grün­der der mo­der­nen Lin­gu­is­tik und ist ei­ner der meist­zi­tier­ten Wis­sen­schaft­ler der Mo­der­ne. Seit 1955 lehr­te der US-Ame­ri­ka­ner als Lin­gu­is­tik-Pro­fes­sor am re­nom­mier­ten Mas­sa­chu­setts In­sti­tu­te of Tech­no­lo­gy. In­zwi­schen ist er eme­ri­tiert. Chomsky ge­hört zu den ein­fluss­reichs­ten kri­ti­schen In­tel­lek­tu­el­len der Welt. Er hat mehr als 100 Bü­cher ge­schrie­ben, sein ak­tu­el­les ist „Re­qui­em for the Ame­ri­can Dream: The 10 Prin­ci­ples of Con­cen­tra­ti­on of Wealth & Power“. Chomsky ist ein schar­fer Kri­ti­ker der US-ame­ri­ka­ni­schen Au­ßen­po­li­tik, der US-Am­bi­tio­nen auf geo­po­li­ti­sche Vor­herr­schaft und des glo­ba­len Ka­pi­ta­lis­mus neo­li­be­ra­ler Aus­prä­gung, den er als Klas­sen­kampf von oben ge­gen die Be­dürf­nis­se und In­ter­es­sen der gro­ßen Mehr­heit be­zeich­net.

Li­zenz:
Die­ses Werk ist un­ter ei­ner Crea­ti­ve Com­mons-​Li­zenz (Na­mens­nen­nung – Nicht kom­mer­zi­ell – Kei­ne Be­ar­bei­tun­gen 4.0 In­ter­na­tio­nal) li­zen­ziert. Un­ter Ein­hal­tung der Li­zenz­be­din­gun­gen dür­fen Sie es ver­brei­ten und ver­viel­fäl­ti­gen. Zwie​denk​.de hat die­sen Bei­trag ‘So­li­da­ri­tät un­mög­lich ma­chen’ von Ru​bi​kon​.news über­nom­men.

Ti­tel­bild: Tho­mas Bres­son [CC BY 4.0], via Wi­ki­me­dia Com­mons

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