Chem­nitz: Of­fe­ner Brief von Bo­ris Pal­mer an die Bun­des­kanz­le­rin

Nach töd­li­chem Mes­ser­an­griff und an­schlie­ßen­den Zu­sam­men­rot­tun­gen.

Sehr ge­ehr­te Frau Bun­des­kanz­le­rin,

Ihr Re­gie­rungs­spre­cher Stef­fen Sei­bert sag­te am Mon­tag in Ber­lin: „Was ges­tern in Chem­nitz stel­len­wei­se zu se­hen war und was ja auch in Vi­de­os fest­ge­hal­ten wur­de, das hat in un­se­rem Rechts­staat kei­nen Platz. Sol­che Zu­sam­men­rot­tun­gen, Hetz­jag­den auf Men­schen an­de­ren Aus­se­hens, an­de­rer Her­kunft, oder der Ver­such, Hass auf den Stra­ßen zu ver­brei­ten, das neh­men wir nicht hin, das hat bei uns in un­se­ren Städ­ten kei­nen Platz, und das kann ich für die Bun­des­re­gie­rung sa­gen, dass wir das auf das Schärfs­te ver­ur­tei­len.“

Gut so. Das un­ter­stüt­ze ich voll und ganz. Al­ler­dings wür­de ich mir wün­schen, dass Sie als Vor­sit­zen­de der CDU Deutsch­land mit ih­ren Par­tei­freun­den in Sach­sen ein­mal ein erns­tes Wort über Rechts­ex­tre­mis­mus re­den. Die re­gie­ren dort seit der Wen­de und ha­ben es ver­säumt, ef­fek­tiv ge­gen Rechts­ex­tre­me vor­zu­ge­hen, im Ge­gen­teil, of­fen­bar ha­ben sich dort Struk­tu­ren ver­fes­tigt, die in kür­zes­ter wie auf Kom­man­do gro­ße Grup­pen in Be­we­gung set­zen kön­nen.

Eben­so ver­mis­se ich seit dem Jahr 2015 so kla­re Wor­te zur Ge­walt durch Asyl­be­wer­ber. Da­mit mei­ne ich nicht, je­de Form von Ge­walt ab­zu­leh­nen und schwe­re Straf­ta­ten zu ver­ur­tei­len. Das ist selbst­ver­ständ­lich. Ich mei­ne, dass Sie ver­säumt ha­ben, sich ganz prä­zi­se zu Straf­ta­ten von Asyl­be­wer­bern, ih­rer Wir­kung auf die Ge­sell­schaft und Maß­nah­men, ih­nen vor­zu­beu­gen, zu äu­ßern und ent­spre­chend zu han­deln.

Ran­da­le in Chem­nitz (26.08.2018, Welt)

Ich muss et­was aus­ho­len, um das zu er­klä­ren. Schwe­re Straf­ta­ten, ganz be­son­ders Mor­de mit Mes­sern, ver­ur­sa­chen in der Ge­sell­schaft gra­vie­ren­de Re­ak­tio­nen, weil in we­sent­li­chen Fra­gen Streit do­mi­niert:

1) Sind Asyl­be­wer­ber häu­fi­ger als an­de­re an Tö­tungs­de­lik­ten be­tei­ligt?
2) Darf man an Asyl­be­wer­ber be­son­de­re An­sprü­che zur Rechtstreue stel­len?
3) Hat der Staat ge­nug ge­tan, um sol­che Ta­ten zu ver­hin­dern?

Ich ha­be die­se Fra­gen be­reits vor ei­nem Jahr in mei­nem Buch “Wir kön­nen nicht al­len hel­fen” the­ma­ti­siert:

“Die Men­schen, die über das Asyl­recht zu uns ge­kom­men sind, ha­ben sehr vie­le Ei­gen­schaf­ten, die in un­se­rem Land die Wahr­schein­lich­keit, kri­mi­nell zu wer­den, nach oben treibt. Das be­trifft nicht ih­re Her­kunft, aber ihr Ge­schlecht, ihr Al­ter, ih­re Per­spek­ti­ve am Ar­beits­markt, ihr Wohn­vier­tel, ih­ren Bil­dungs­grad oder ihr Ein­kom­men. Selbst wenn wir al­so gu­te Grün­de ha­ben, da­von aus­zu­ge­hen, dass die zu­ge­wan­der­ten Men­schen bei glei­chen Vor­aus­set­zun­gen nicht häu­fi­ger kri­mi­nell wer­den als die ein­hei­mi­sche Be­völ­ke­rung, wä­re es sta­tis­tisch fol­ge­rich­tig, wenn sie deut­lich über­durch­schnitt­lich häu­fig zu Straf­tä­tern wer­den.”

Mitt­ler­wei­le wis­sen wir es dank ei­ne dif­fe­ren­zier­ten Po­li­zei­sta­tis­tik ge­nau­er: Asyl­be­wer­ber sind sie­ben­mal häu­fi­ger an Tö­tungs­de­lik­ten be­tei­ligt (14%) als nach ih­rem An­teil an der Be­völ­ke­rung zu er­war­ten wä­re (2%). Trotz­dem wird häu­fig auch in den Me­di­en sug­ge­riert, es gä­be hier kein be­son­de­res Pro­blem oder gar be­haup­tet, es sei ras­sis­tisch, es zu dia­gnos­ti­zie­ren. Hier wä­re ein klä­ren­des Wort von Ih­nen wich­tig: Asyl­be­wer­ber sind nicht sui ge­ne­ris kri­mi­nel­ler als Deut­sche, aber die Asyl­be­wer­ber, die der­zeit bei uns im Land le­ben, ver­ei­nen so vie­le Ri­si­ko­fak­to­ren, dass ei­ne ho­he Kri­mi­na­li­täts­be­las­tung zu er­war­ten ist. Ent­spre­chend müs­sen wir han­deln.

“Das sagt der Bun­des­in­nen­mi­nis­ter ge­nau­so wie es Wis­sen­schaft­ler sa­gen, das ist ein­hel­li­ge Mei­nung: Durch die Flücht­lin­ge hat sich das Ge­wal­t­ri­si­ko er­höht und wir ha­ben das auch wis­sen­schaft­lich klar nach­ge­wie­sen.” Kri­mi­no­lo­ge Chris­ti­an Pfeif­fer am 07.06.2018 im Heu­te Jour­nal (Er­satz­link)

Zur Fra­ge 2 eben­falls ein Zi­tat aus mei­nem Buch: “Ein Gast – das wä­re in der Kant­schen De­fi­ni­ti­on auch ein Asyl­be­wer­ber –, der ei­nen Men­schen um­bringt, macht sich al­so nicht nur ei­nes Mor­des schul­dig, er ver­geht sich auch ge­gen das Gast­recht. Das letz­te­re ist ei­nem Ein­hei­mi­schen per De­fi­ni­tio­nem un­mög­lich.

Dies ist mehr als ei­ne phi­lo­so­phi­sche Rand­be­mer­kung, es hat gra­vie­ren­de Kon­se­quen­zen. Ein solch schwe­rer Miss­brauch des Gast­rechts stellt näm­lich das Gast­recht selbst in Fra­ge, weil die Gast­ge­ber zwangs­läu­fig dar­über nach­den­ken, ob sie das Ri­si­ko, Gäs­te auf­zu­neh­men, wei­ter tra­gen wol­len. Wer als Gast zum Mör­der wird, schmä­lert die Chan­cen an­de­rer, als Gast auf­ge­nom­men zu wer­den. So ge­schah es auch in Deutsch­land nach den Ge­walt­ta­ten von Flücht­lin­gen im Jahr 2016.

Al­le über ei­nen Kamm zu sche­ren, ist im­mer falsch. Es ist nur ei­ne sehr klei­ne Min­der­heit un­ter den Asyl­be­wer­bern, die zur Ge­walt greift. Ein Ge­ne­ral­ver­dacht ge­gen Asyl­be­wer­ber oder gar al­le Aus­län­der ist un­mensch­lich und zer­stört die Fun­da­men­te ei­ner plu­ra­lis­ti­schen Ge­sell­schaft. Trotz­dem ist es ver­nünf­tig, Ge­walt von Asyl­be­wer­bern be­son­ders zu be­ob­ach­ten, nach ih­ren Ur­sa­chen zu for­schen und spe­zi­fi­sche Ge­gen­maß­nah­men von der Prä­ven­ti­on bis zur Straf­ver­fol­gung zu er­grei­fen.

Wir müs­sen von Asyl­be­wer­bern nicht er­war­ten, dass sie sich ge­set­zes­treu­er als deut­sche Staats­bür­ger ver­hal­ten. Wir dür­fen es aber. Und dass die Mei­nun­gen an die­sem Punkt aus­ein­an­der ge­hen, ist in ei­ner of­fe­nen Ge­sell­schaft nor­mal. Es gab be­ein­dru­cken­de State­ments von Flücht­lings­hel­fern, die nach dem Mord in Frei­burg er­klär­ten, sie wür­den kei­ne Se­kun­de dar­über nach­den­ken, ihr En­ga­ge­ment nun zu re­du­zie­ren. Trotz­dem soll­ten wir auch zu­las­sen, dass Men­schen sa­gen, sie kön­nen nicht ak­zep­tie­ren, dass Men­schen, die hier­her kom­men und an­ge­ben, sie sei­en auf der Flucht, in kür­zes­ter Zeit zu Mör­dern wer­den. Das ei­ne ist nicht na­iv, das an­de­re ist nicht bös­ar­tig. Bei­des sind mensch­li­che Re­ak­tio­nen. (…)

Prof. Wer­ner Pat­zelt zu den Aus­schrei­tun­gen in Chem­nitz: “Der Wan­del ei­ner Ge­sell­schaft zu ei­ner mul­ti­eth­ni­schen und mul­ti­kul­tu­rel­len Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft, er voll­zieht sich nun ein­mal nicht kon­flikt­frei und schon gleich gar nicht, wenn ei­ne nen­nens­wer­te Min­der­heit ei­nen sol­chen Wan­del über­haupt nicht will. […] Das zu­grun­de lie­gen­de Pro­blem ist un­se­re feh­ler­haf­te Mi­gra­ti­ons­po­li­tik, un­se­re feh­ler­haf­te In­te­gra­ti­ons­po­li­tik…” (28.08.2018, BR)  – Ein wei­te­res In­ter­view gab Pat­zelt am 27.08.2018 dem Sen­der phoe­nix

Es ist nicht zu leug­nen, dass ei­ne po­ten­zi­el­le Ge­walt­be­dro­hung durch ein­zel­ne Flücht­lin­ge ein qua­li­ta­tiv an­de­res Pro­blem für den Zu­sam­men­halt un­se­rer Ge­sell­schaft dar­stellt als ei­ne sol­che durch In­län­der mit ei­nem ver­fes­tig­ten Auf­ent­halts­recht. Dass die Duld­sam­keit ge­gen­über Ers­te­ren nied­ri­ger ist, ent­spricht nicht nur der Mehr­heits­mei­nung in der Be­völ­ke­rung. Es ist auch ethisch gut be­gründ­bar. Denn ei­nen mo­ra­li­schen An­spruch auf Hil­fe oh­ne die gleich­zei­ti­ge Ver­pflich­tung zur Ach­tung des Hel­fen­den gibt es nicht.

Die Zu­rück­wei­sung ei­nes Hil­fe­su­chen­den, der ein Mi­ni­mum an Ach­tung für den Hel­fen­den ver­mis­sen lässt, ist ei­ne not­wen­di­ge Grenz­zie­hung, die uns in al­len so­zia­len Kon­tex­ten schon die Selbst­ach­tung ge­bie­tet. Auch un­ser Staat muss die­se Selbst­ach­tung un­ter Be­weis stel­len, wenn er das Ver­trau­en, das ihm die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger ent­ge­gen­brin­gen, dau­er­haft recht­fer­ti­gen will.

Up­date: Be­reits im Ok­to­ber 2015 äu­ßer­te Bo­ris Pal­mer hef­ti­ge Kri­tik am ‘wir schaf­fen das’ der Kanz­le­rin (ta­ges­the­men, 22.10.2015)

Wie zer­stö­re­risch Ge­walt­ta­ten von Asyl­be­wer­bern auf ei­ne freie Ge­sell­schaft wir­ken, kann man nach den jüngs­ten Mord­fäl­len von Wies­ba­den, Of­fen­burg und Chem­nitz be­ob­ach­ten. Ich ge­ste­he, ich ge­hö­re zu de­nen, die es nicht ak­zep­tie­ren kön­nen, dass ei­ne so gro­ße Zahl von Men­schen in un­se­rem Land un­schul­dig das Le­ben las­sen muss, weil der Staat sie nicht vor Men­schen schüt­zen konn­te, die zu uns ge­kom­men sind, um Hil­fe zu er­su­chen.

Das bringt mich zur Fra­ge 3. Nach mei­ner Auf­fas­sung tut der Staat ein­deu­tig nicht ge­nug, um Ge­walt von Asyl­be­wer­bern ent­ge­gen zu tre­ten. Die­se Le­ben in ei­nem ver­kehr­ten An­reiz­sys­tem, in dem Leis­tung nicht be­lohnt und Fehl­ver­hal­ten nicht be­straft wird. Des­halb wä­re es so wich­tig, dass wir ei­nen dop­pel­ten Spur­wech­sel vor­neh­men. Dar­un­ter ver­ste­he ich Ar­beits­er­laub­nis und Blei­be­recht für die Asyl­be­wer­ber, die sich in­te­grie­ren, un­se­re Ge­set­ze ach­te und ei­ne Ar­beit auf­neh­men. Ei­ner­seits. An­de­rer­seits aber den Ent­zug des Auf­ent­halts­rechts in den Kom­mu­nen und den Rück­ver­weis in si­che­re staat­li­che Ein­rich­tun­gen wie die AN­KER-Zen­tren es sein wer­den. Bei­des soll­te auf An­trag der Kom­mu­nen er­fol­gen kön­nen. Denn vor Ort wis­sen wir, wer Pro­ble­me macht und wer sich gut in­te­griert. Al­lein durch die­se bei­den Maß­nah­men könn­te der Häu­fung schwe­rer Ge­walt durch Asyl­be­wer­ber struk­tu­rell ent­ge­gen ge­wirkt wer­den. Wenn wir sie in Ar­beit brin­gen und die po­li­zei­be­kann­ten Stö­ren­frie­de aus den Kom­mu­nen her­aus­ho­len, wird die viel zu ho­he Zahl von Ge­walt­ta­ten un­ter dem Schutz des Asyl­rechts zu­rück ge­hen.

Ich be­daue­re sehr, dass Ihr In­nen­mi­nis­ter sich da­von bis­her nicht über­zeu­gen ließ. Viel­leicht kön­nen Sie es?

Mit freund­li­chen Grü­ßen
Bo­ris Pal­mer


Ver­öf­fent­licht auf zwie​denk​.de mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung von Bo­ris Pal­mer. Bild & Vi­de­os von zwie​denk​.de aus­ge­wählt und hin­zu­ge­fügt. Ak­tua­li­siert am 30.08.2018

Links
Buch von Bo­ris Pal­mer: ‘Wir kön­nen nicht al­len hel­fen
Of­fe­ner Brief von Bo­ris Pal­mer an die Kanz­le­rin (auf fb)
Ber­lin /​rbb: Kri­mi­na­li­tät steigt dra­ma­tisch (Jou­watch)

Ti­tel­bild: By Björn Lác­zay (Flickr) [CC BY 2.0 ], via Wi­ki­me­dia Com­mons

4 Kommentare zu "Chem­nitz: Of­fe­ner Brief von Bo­ris Pal­mer an die Bun­des­kanz­le­rin"

  1. dan­ke fur die sehr tref­fen­de und ana­ly­tisch rich­ti­ge dar­stel­lung der sach­ver­hal­te in deutsch­land

  2. Ge­nau so denkt die Mehr­heit der Be­völ­ke­rung und wird als Na­zi be­schimpft. Li­be­ra­le Mit­te. Lei­der kann man das in Deutsch­land nicht mehr wäh­len, weil sich al­le al­ten Par­tei­en nach Links ge­scho­ben ha­ben und die AfD nach Rechts ge­drückt wird. Kein Wun­der, dass ir­gend­wann das Pul­ver­fass ex­plo­diert.

  3. Sebastian Fornpost | 1. September 2018 um 14:36 | Antworten

    @Mike, 29.8.2018: “und die AfD nach Rechts ge­drückt wird” – Ach was – hier drückt nie­mand, die­se Leu­te wan­dern von ganz al­lein nach rechts.

  4. Kür­zer kann man es nicht er­klä­ren und doch sachlich.…Danke…

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