Sy­ri­en von 1946 bis heu­te

Es wird Zeit mit ein paar Ge­rüch­ten auf­zu­räu­men. Ge­rüch­te, die vie­le Denk­wei­sen be­ein­flus­sen bzw. ver­gif­ten und so­mit ei­ne ge­wis­se Dis­tanz zur Wahr­heit im Sy­ri­en-Krieg schaf­fen. Um die­se Dis­tanz deut­lich zu ver­rin­gern, wer­de ich mit euch ei­ne Rei­se durch Sy­ri­ens Ge­schich­te ma­chen und da­mit vor al­lem ei­ne Fra­ge be­ant­wor­ten und vie­len Kri­ti­kern end­lich Wind aus den Se­geln neh­men:

„Wes­halb ist denn die Fa­mi­lie As­sad – ge­nau ge­nom­men Ha­fez & Bas­har Al-As­sad (Va­ter & Sohn) so lan­ge an der Macht in Sy­ri­en ?“ Was hat das al­les mit dem Sy­ri­en-Krieg zu tun und ha­ben wir in Sy­ri­en wirk­lich ei­ne Re­vo­lu­ti­on oder steckt mehr da­hin­ter als vie­le den­ken ?

Ei­ne Fra­ge, die ich euch nun end­lich be­ant­wor­ten wer­de.

1946: Grün­dung der ‘Sy­ri­schen Ara­bi­schen Re­pu­blik’

Kur­zer Rück­blick:

Die Sy­ri­sche Ara­bi­sche Re­pu­blik exis­tiert in ih­rer jet­zi­gen Form seit 17.04.1946. Vor der Un­ab­hän­gig­keit an die­sem Tag stand Sy­ri­en un­ter fran­zö­si­scher Man­dats­herr­schaft. Bis 1970 war Sy­ri­en et­li­chen Put­schen aus­ge­setzt. Al­so gan­ze 24 Jah­re. Das sorg­te nicht nur im In­ne­ren des Lan­des für Un­ru­he und In­sta­bi­li­tät, son­dern lock­te vie­le Bli­cke der Nach­bar­län­der auf die­ses so ge­se­hen „jun­ge Land“, des­sen Ge­schich­te (Völ­ker, Kul­tu­ren & Re­li­gio­nen) je­doch meh­re­re Jahr­hun­der­te zu­rück­liegt.

Der Va­ter des heu­ti­gen Prä­si­den­ten Bas­har Al-As­sad, Ha­fez Al-As­sad, war Mit­be­grün­der der heu­te re­gie­ren­den Baath-Par­tei. Das Ziel die­ser Par­tei war vor al­lem die schnel­le Sta­bi­li­sie­rung ei­nes Lan­des, dass in sei­ner Exis­tenz sonst wirk­lich be­droht war. So soll­te in­ne­re Ru­he ein­keh­ren, die Wirt­schaft auf­ge­baut wer­den und vor al­lem soll­ten Nach­bar­län­der Re­spekt vor den Staats­gren­zen die­ses so schö­nen Lan­des ha­ben.

Ha­fez Al-As­sad war – be­vor er sich an die Staats­spitz­te kämpf­te – Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter des Lan­des. Durch das Ver­trau­en und die Be­fehls­herr­schaft über das Mi­li­tär war es für ihn re­la­tiv leicht, schnell das Ver­trau­en des Vol­kes zu ge­win­nen, dass vor al­lem Schutz such­te. Er ging aus ei­nem in­ter­nen Macht­kampf der Baath-Par­tei als Sie­ger her­vor. Die Baath-Par­tei spal­te­te sich schon 1966 und nach Über­nah­me Ha­fez Al-As­sads und der rech­te Flü­gel floh in den Irak. Dort setz­te sich ein ge­wis­ser Sad­dam Hus­sein an die Spit­ze der Par­tei, der spä­te­re Prä­si­dent des Iraks.

1970: ‘Der Va­ter Sy­ri­ens’: Ha­fez Al-As­sad wird Prä­si­dent

Als Prä­si­dent in Sy­ri­en über­nahm Ha­fez Al-As­sad al­so of­fi­zi­ell ab 1970/71 und re­gier­te so­dann rund 30 Jah­re lang, bis zu sei­nem Tod. Er gab Sy­ri­en die not­wen­di­ge Sta­bi­li­tät, über­haupt ei­ne Wirt­schaft, die auf sich selbst bau­te und so­mit kei­ne äu­ße­ren Ein­flüs­se be­nö­tig­te. So war Sy­ri­en bis zum Krieg 2011, ver­gli­chen mit an­de­ren nicht be­son­ders ver­schul­det. Kon­tak­te wa­ren oh­ne­hin rar, vor al­lem auf­grund der jun­gen Ge­schich­te des Lan­des. Vie­le Staa­ten war­te­ten die Zu­kunft Sy­ri­ens ab, um zu ent­schei­den, ob Ge­schäf­te mög­lich wä­ren. Sy­ri­en bau­te sich mit der Zeit ein star­kes Heer auf und pfleg­te schon da­mals Kon­tak­te zu Russ­land, um ei­ne Art Schutz­macht zu ha­ben. So er­hielt Sy­ri­en Waf­fen und bot Russ­land im Ge­gen­zug ei­ne Mi­li­tär­ba­sis in Tar­tous & Latta­kia (Küs­te) an, die sich bis heu­te dort be­fin­det. Rus­si­sche Ein­flüs­se wa­ren in Sy­ri­en je­doch nie zu spü­ren. Das kann ich aus mei­nen ei­ge­nen Er­fah­run­gen sa­gen. Ich war seit mei­ner Ge­burt wirk­lich je­des Jahr in Sy­ri­en. Auch wäh­rend des Krie­ges. Heu­te ist der rus­si­sche Ein­fluss si­cher grö­ßer als zu­vor. Doch zu­rück zum The­ma: Dem sy­ri­schen Staat war vor al­lem Ab­schre­ckung wich­tig. Man set­ze aber vor al­lem auch auf Bil­dung, um Sy­ri­en durch gol­de­ne Ge­ne­ra­tio­nen Schritt für Schritt mo­der­ner zu ma­chen und wei­ter vor­an­zu­brin­gen. Schulen/​Universitäten und ärzt­li­che Be­hand­lun­gen wa­ren al­le­samt un­ent­gelt­lich. Durch Bil­dung soll­te Re­li­gi­on aus dem Vor­der­grund ver­schwin­den. Men­schen soll­ten Re­li­gi­on pri­vat aus­le­ben. Die sä­ku­la­re Bil­dung – ei­ner der Kern­punk­te der Baath-Par­tei – soll­te für To­le­ranz und Re­spekt un­ter­ein­an­der sor­gen.

Ha­fez Al-As­sad mach­te Sy­ri­en al­so über­haupt erst zu ei­nem sou­ve­rä­nen Staat und gab Sy­ri­en ein Ge­sicht. Ja es stimmt. Po­li­ti­sche Geg­ner wur­den ein­ge­sperrt. Vor al­lem aber des­halb, weil Sy­ri­en nicht noch mehr Put­sche ver­tra­gen konn­te und es für De­mo­kra­tie und freie Wah­len de­fi­ni­tiv zu früh war. Zu vie­le ha­ben ihr ei­ge­nes Süpp­chen ge­kocht und poch­ten auf Macht, die wo­mög­lich zur Spal­tung von Volks­grup­pen und zur Zer­split­te­rung Sy­ri­ens ge­führt hät­te. Viel Blut wä­re ver­gos­sen wor­den.

Na­tür­lich hat Ha­fez Al-As­sad mit har­ter Hand re­giert und na­tür­lich re­den wir von ei­ner Art Ein­par­tei­en­sys­tem, doch die­je­ni­gen, die be­haup­ten, dass es sich hier­bei um ei­ne Dik­ta­tur han­delt, ha­ben den Be­griff nicht wirk­lich ver­stan­den. Er ver­fehlt die zu­tref­fen­de Be­schrei­bung in mei­nen Au­gen des­halb, weil ein Land von der Gründung/​Unabhängigkeit hin zur De­mo­kra­tie sei­ne Zeit braucht und ei­ne De­mo­kra­tie nicht im­mer prak­tisch um­ge­setzt wer­den kann. Vor al­lem im Na­hen Os­ten – weil Men­schen dort eher re­li­gi­ös den­ken als dass sie zu­erst an ih­re Frei­heit den­ken. Und das macht die Sa­che so ver­dammt ge­fähr­lich. Doch da­zu gleich mehr.

‘The As­sad fa­mi­ly. Ha­fez al-As­sad and his wi­fe, Mrs Ani­sa Makhlouf. On the back row, from left to right: Ma­her, Bas­har, Ba­sil, Ma­jid, and Bushra al-As­sad.’ Fo­to von 1994 oder da­vor

2000: Bas­har Al-As­sad be­erbt sei­nen Va­ter

Im Jah­re 2000 dann über­nahm der Sohn – heu­ti­ger Prä­si­dent Bas­har Al-As­sad. Das nö­ti­ge Al­ter ? 40 Jah­re. Ei­gent­lich. Doch die Ver­fas­sung wur­de für ihn da­hin­ge­hend ge­än­dert, dass er die Prä­si­dent­schaft an­tre­ten durf­te. Er wur­de oh­ne ei­nen Ge­gen­kan­di­da­ten ge­wählt. Auch das stimmt. Zu groß war die Angst, dass die har­te Ar­beit der letz­ten Jahr­zehn­te bin­nen Mo­na­ten zer­stört wird und ein Cha­os aus­bricht. Man woll­te da­her ei­nen ru­hi­gen Über­gang schaf­fen, der das Tor zur De­mo­kra­tie weit auf­macht.

Und da­für war der heu­ti­ge Prä­si­dent Bas­har Al-As­sad ge­nau der Rich­ti­ge. Er stu­dier­te zu­vor Me­di­zin in Groß­bri­tan­ni­en und ar­bei­te­te dort an­schlie­ßend als Au­gen­arzt. Dort ler­ne er auch sei­ne heu­ti­ge Frau, As­ma Al-As­sad, ken­nen, die dort ge­bo­ren wur­de und ge­lebt hat­te. Po­li­tisch war er durch sei­nen Va­ter oh­ne­hin. Und durch das Le­ben in Groß­bri­tan­ni­en wuss­te er ge­nau, wo er an­set­zen muss­te, um das Land schritt­wei­se zu öff­nen.

Ha­fez Al-As­sad hat al­so ei­ne Ba­sis ge­schaf­fen, auf der sein Sohn Bas­har Al-As­sad ei­ne De­mo­kra­tie schaf­fen soll­te. Doch ich wie­der­ho­le: Schritt­wei­se. Bas­har Al-As­sad wur­de üb­ri­gens vor der Sy­ri­en-Kri­se vom Wes­ten höchst­per­sön­lich als Hoff­nungs­trä­ger aus­er­ko­ren. Es gibt vie­le Be­rich­te da­zu. Er wird dar­in als „mo­dern“, „welt­of­fen“, „de­mo­kra­tisch“ be­schrie­ben. Und da­durch, dass Sy­ri­en schon viel wei­ter war als bei der Un­ab­hän­gig­keit 1946 konn­ten de­mo­kra­ti­sche Re­for­men end­lich ein­ge­führt wer­den. As­sad öff­ne­te die Wirt­schaft hin zu ei­ner Markt­wirt­schaft, ko­ope­rier­te mit vie­len Län­dern und brauch­te Sy­ri­en aus der Iso­la­ti­on. Vi­sa­frei­heit mit der Tür­kei, Par­tei­en­geset­ze, Ar­beits­plät­ze, sy­ri­sche Bör­se und vie­le wei­te­re Din­ge – wa­ren sein Ver­dienst. Der Tou­ris­mus boom­te mit 9 Mil­lio­nen Be­su­chern im Jahr. Das Erd­öl, Sy­ri­ens Le­bens­ver­si­che­rung, wur­de nun end­lich selbst ver­ar­bei­tet und ver­kauft. Auch neue Erd­öl­quel­len wur­den un­ter ihm er­forscht. Das In­ter­net, heu­te selbst­ver­ständ­lich, wur­de von ihm ak­ti­viert. Er selbst be­zeich­ne­te sich da­mals schon als gro­ßen Fan des In­ter­nets. Er hat zu­dem Put­schis­ten wie­der frei­ge­las­sen – und der Wes­ten sprach so­fort vom gro­ßen „Re­for­mer“. Schau­en Sie selbst nach.

Doch dann, im Jah­re 2003: Irak-Krieg und im Jah­re 2006: Li­ba­non-Is­ra­el-Krieg. In die­ser Zeit flüch­te­ten mehr als 3 Mil­lio­nen Flücht­lin­ge aus dem Irak und dem Li­ba­non. Die Nach­bar­län­der brann­ten und Sy­ri­en war oh­ne­hin im stän­di­gen Kon­flikt mit Is­ra­el. 3 Mil­lio­nen Flücht­lin­ge sind für ein Land wie Sy­ri­en, in dem 23 Mil­lio­nen Sy­rer ge­lebt ha­ben, ei­ne gro­ße Men­ge, mit der man „klar­kom­men“ muss. Zum Ver­gleich: In Deutsch­land ma­chen sich schon 1 Mil­li­on Flücht­lin­ge deut­lich be­merk­bar.

Wes­ley Clark, rang­ho­her US-Ar­my Ge­ne­ral a.D., u.a. NA­TO- Ober­be­fehls­ha­ber im Ko­so­vo- Krieg 1999: Krie­ge ge­gen Irak, Iran, Sy­ri­en, Li­by­en u.a. seit 9/11 ge­plant (Er­satz­link)

Und dann war Sy­ri­en dran. Die Er­eig­nis­se über­schlu­gen sich im Jah­re 2011. Die Öff­nung des Lan­des und die In­te­gra­ti­on Sy­ri­ens in die Welt­wirt­schaft wur­den mehr oder we­ni­ger zum Ver­häng­nis. Er­do­gan nutz­te die Vi­sa­frei­heit zwi­schen bei­den Län­dern und in­fil­trier­te ra­di­ka­le Mus­lim­brü­der über die sy­risch-tür­ki­sche Gren­ze. Häft­lin­ge und ra­di­ka­le Sala­fis­ten aus Sau­di-Ara­bi­en, Ka­tar und Jor­da­ni­en ka­men hin­zu und wur­den mit schwe­ren Waf­fen ein­ge­schleust. Na­tür­lich ka­men ra­di­ka­le sy­ri­sche Is­la­mis­ten, die mit der of­fe­nen, mo­der­nen, vor al­lem sä­ku­la­ren Po­li­tik As­sads nicht ein­ver­stan­den wa­ren auch da­zu. Heu­te sagt man, dass die Gren­zen teil­wei­se Ta­ge und Wo­chen of­fen ge­hal­ten wur­den, weil Mil­lio­nen­be­trä­ge ge­flos­sen sind, um Kon­trol­len zu ver­mei­den. Dass die­ser Krieg über Jah­re vor­be­rei­tet wur­de, merkt man vor al­lem an den Tun­neln, die schon 2011, zu Be­ginn des Krie­ges, be­reit wa­ren, um Hin­ter­hal­te ge­gen die sy­ri­sche Ar­mee zu star­ten.

2011: ‘Ara­bi­scher Früh­ling’ oder ‘Dji­ha­dis­ti­scher Win­ter’?

Und dann wa­ren da ja noch die De­mons­tra­tio­nen des „Ara­bi­schen Früh­lings“, der in Wahr­heit ein dji­ha­dis­ti­scher Win­ter ist. Es gibt vie­le Be­wei­se da­für, dass sich ra­di­ka­le Is­la­mis­ten un­ter den De­mons­tran­ten in Sy­ri­en be­fun­den ha­ben, die so­wohl auf Si­cher­heits­leu­te als auch auf De­mons­tran­ten ge­schos­sen ha­ben, um ei­ne Art „Bür­ger­krieg“ in­sze­nie­ren und die­se Denk­wei­se zu schü­ren, um ihn in der Welt auch als sol­chen zu ver­kau­fen. Da­bei wa­ren es nur bür­ger­kriegs­ähn­li­che Zu­stän­de. Mei­ne Freun­de wa­ren selbst auf De­mons­tra­tio­nen und for­der­ten noch aus­ge­blie­be­ne Re­for­men, die auf­grund der Flücht­lings­kri­se in Sy­ri­en und des in­ter­na­tio­na­len Drucks nur schlep­pend vor­an­ka­men. Als aber schnell klar wur­de, dass die Mehr­heit der „De­mons­tran­ten“ – die nun wirk­lich ei­ne Min­der­heit war – ei­nen Got­tes­staat mit der Scha­ria als Ver­fas­sung for­der­te, blie­ben die Men­schen zu­hau­se und for­der­ten ein schnel­les En­de die­ses be­waff­ne­ten Wahn­sinns.

In­ter­na­tio­nal Mi­ne Ac­tion Cen­ter in Sy­ria, 2016-12-21

Es gab so ekla­tan­te Feh­ler in der deut­schen und all­ge­mein west­li­chen Be­richt­erstat­tung, dass ich mir die Fra­ge schnell stell­te, wor­um es hier ei­gent­lich wirk­lich geht.

1. Ei­ne neue Gas-Pipe­line soll­te un­ter an­de­rem von und durch Sy­ri­en nach Eu­ro­pa ver­lau­fen. Ziel war die ver­wund­ba­re Schwä­chung Russ­lands, in­dem man das Gas aus dem Na­hen Os­ten statt aus Russ­land kauft. So soll­te ei­ne Ab­hän­gig­keit vom rus­si­schen Gas mi­ni­miert wer­den, um noch ag­gres­si­ve­re Po­li­tik ge­gen Russ­land zu be­trei­ben.

2. In Sy­ri­en wur­de un­ter dem Mit­tel­meer ein wahn­sin­nig gro­ßes Erd­öl­vor­kom­men ge­sich­tet, dass Sy­ri­en zu ei­ner wah­ren Erd­öl-Macht auf­stei­gen las­sen wür­de. Dies wur­de mir von füh­ren­den Wirt­schafts­in­ge­nieu­ren in Sy­ri­en be­stä­tigt.

3. Er­in­nert ihr euch ? Russ­land hat Mi­li­tär­ba­sen an Sy­ri­ens Küs­te. Die ein­zi­gen im Na­hen Os­ten. Man woll­te durch den Sy­ri­en-Krieg ei­ne Auf­lö­sung der Ba­sen for­cie­ren.

Man könn­te noch vie­le an­de­re Ar­gu­men­te brin­gen, die euch stau­nen las­sen wür­den. Doch die An­füh­rung die­ser an­ge­führ­ten Punk­te soll­te euch le­dig­lich ver­deut­li­chen, dass Sy­ri­ens Prä­si­dent As­sad der letz­te Punkt ist, um den es ging. Sei­ne Ab­lö­sung war viel­mehr ein Ziel der Tür­kei, Sau­di-Ara­bi­ens, Ka­tars so­wie Jor­da­ni­ens, um ei­ne „Re­gie­rung“ in Sy­ri­en zu in­stal­lie­ren, die nach ih­ren In­ter­es­sen han­delt. Ei­gent­lich war As­sads Ver­un­glimp­fung und in­sze­nier­te Ver­bin­dung mit Kriegs­ver­bre­chen nur ein Vor­wand, um in Sy­ri­en In­ter­es­sen durch­zu­set­zen. Wie sonst soll­te man in ein sol­ches Land in­ter­ve­nie­ren. Wie die Irak-Lü­ge über Che­mie­waf­fen. War­um wer­den „De­mo­kra­ti­en“ nicht für Sau­di-Ara­bi­en, Ka­tar, Jor­da­ni­en und der Tür­kei in glei­chem Ma­ße an­vi­siert, wie es all die letz­ten Jah­re in Sy­ri­en der Fall war ?

In­ter­es­sant ist es auch zu er­wäh­nen, dass der da­ma­li­ge fran­zö­si­sche Prä­si­dent Sar­ko­zy – mitt­ler­wei­le we­gen Korruption/​Bestechung an­ge­klagt – ei­nen Dis­put mit As­sad ge­habt ha­ben soll. Vor dem Krieg. Er soll As­sad Geld/​prozentuale An­tei­le an der Gas-Pipe­line ge­bo­ten ha­ben. Als die­ser sich wei­ger­te und ihm mit­teil­te, dass Sy­ri­en nicht mehr un­ter fran­zö­si­scher Man­da­therr­schaft ste­he, droh­te ihm Sar­ko­zy da­mit, Sy­ri­en dem Erd­bo­den gleich zu ma­chen.

Wie wei­ter? Per­spek­ti­ven für Sy­ri­ens Zu­kunft

Und für die­je­ni­gen, die mei­ne Wor­te oben nicht ver­stan­den ha­ben, wes­halb ei­ne De­mo­kra­tie in Sy­ri­en – mit ei­ner schnel­len Um­set­zung – nicht mög­lich wä­re:

Ganz ein­fach. Vie­le Men­schen im Na­hen Os­ten wäh­len ein­fach Per­so­nen oder Par­tei­en, die ih­rer Re­li­gi­on an­ge­hö­ren. Da­bei ist es ih­nen gleich­gül­tig, ob die Person/​Partei gut oder schlecht ist. Und so könn­ten und wür­den nie al­le gleichberechtigt/​zufrieden sein. Re­li­gi­ons­spal­tun­gen bzw. Bür­ger­krie­ge könn­ten dar­aus re­sul­tie­ren. Wir ha­ben vor al­lem jetzt im Sy­ri­en-Krieg ge­se­hen, wie Min­der­hei­ten von ra­di­ka­len Is­la­mis­ten mas­sa­kriert wur­den. Frau­en wur­den ver­ge­wal­tigt. Wenn sie schwan­ger wa­ren, wur­den ih­nen ih­re Bäu­che auf­ge­schlitzt. Kin­der wur­den ver­sklavt uvm. Vor­erst war ein sä­ku­la­res Ein­par­tei­en­sys­tem mit ei­ner star­ken Par­tei an der Spit­ze und meh­re­ren an­de­ren Par­tei­en im Par­la­ment da­her ei­ne gu­te Lö­sung. Je­des Land braucht sei­ne ei­ge­ne Zeit und sein ei­ge­nes Sys­tem. Deutsch­land brauch­te auch meh­re­re An­läu­fe bis es da an­ge­kom­men ist, wo es heu­te ist. Ein sol­ches Sys­tem wie in Sy­ri­en schützt zu­dem Min­der­hei­ten und iso­liert ra­di­ka­le Is­la­mis­ten. Doch nun – nach dem Sy­ri­en-Krieg – kann und muss ei­ne neue, von Sy­ri­en aus­ge­hen­de, Ver­fas­sung kon­zi­piert wer­den, die im In­ter­es­se al­ler ist und Min­der­hei­ten be­schützt. Die­se muss von der sy­ri­schen Re­gie­rung und an­de­ren, frei­heit­lich-de­mo­kra­tisch ge­sinn­ten Par­tei­en vor­an­ge­trie­ben wer­den. Sie ver­ste­hen das Volk näm­lich. Na­tür­lich auch mit der Mög­lich­keit, dass Prä­si­dent As­sad sich der Wahl stel­len könn­te, wenn er denn über­haupt noch möch­te.

An­de­re, in­ter­na­tio­na­le Re­gie­run­gen ha­ben sich in die­se An­ge­le­gen­heit nicht ein­zu­mi­schen. Sie dür­fen ih­re de­mo­kra­ti­sche Ge­sin­nung ger­ne bei de­nen ein­flie­ßen las­sen, mit de­nen sie Kon­tak­te pfle­gen, sie­he oben.

Im Li­ba­non bspw. herrscht ei­ne Art „De­mo­kra­tie“, die an­er­kannt ist. Dort ha­ben ge­wis­se Pos­ten sun­ni­tisch, schii­tisch und christ­lich zu sein. Dort hat­te man vor nicht all­zu lan­ger Zeit über 2 Jah­re Pro­ble­me, ei­nen Prä­si­den­ten zu wäh­len, weil man sich nicht ei­ni­gen konn­te. Das ist auch nicht Sinn und Zweck ei­ner De­mo­kra­tie. Sta­gna­ti­on und die im­mer auf­kom­men­de Ge­fahr, dass das Volk in ei­nen Bür­ger­krieg glei­tet.

Schließ­lich möch­te ich noch et­was zu den An­schul­di­gun­gen her­vor­brin­gen, dass die sy­ri­sche Re­gie­rung – wie As­sad auch – nur aus Ala­wi­ten be­stehe. Das ist nicht wahr. Die sy­ri­sche Re­gie­rung be­steht in deut­lich über­wie­gen­dem Ma­ße aus Sun­ni­ten. Chris­ten und Ala­wi­ten ha­ben aber na­tür­lich nor­ma­le Auf­stiegs­chan­cen wie je­der an­de­re auch. Au­ßer­dem ist As­sads Frau – As­ma Al-As­sad – ei­ne Sun­ni­tin. Sein Bru­der ist auch mit ei­ner Sun­ni­tin ver­hei­ra­tet. In Sy­ri­en leb­ten al­le Re­li­gio­nen in Frie­den mit­ein­an­der. Egal, ob Mus­li­me (Sun­ni­ten & Ala­wi­ten), Chris­ten, Ju­den oder Athe­is­ten. Re­li­gi­ons­spal­tun­gen und Het­zen sind strikt ver­bo­ten und wer­den be­straft. In der sy­ri­schen Ge­sell­schaft ist es ein „No-Go“, wenn man je­man­den auf sei­ne Re­li­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit an­spricht. Die­se Vor­gän­ge führ­ten auch da­zu, dass sich al­le Re­li­gi­ons­grup­pen un­ter­ein­an­der ver­mischt ha­ben. So ist eben in ei­nem sä­ku­la­ren Staat – die Re­li­gi­on spielt ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le. In der Po­li­tik hat sie nichts zu su­chen.

Ich hof­fe ich konn­te euch mit die­sem Text ei­nen um­fang­rei­chen Ein­blick ge­ben und hof­fe auch, dass ihr Sy­ri­en, den Krieg und die Un­ter­stüt­zung der über­wie­gen­den Mehr­heit des sy­ri­schen Vol­kes für As­sad nun bes­ser ver­ste­hen und ein­ord­nen könnt. Ich ha­be den Text des­halb auch ver­ein­facht – wie ei­ne Ge­schich­te – auf­ge­baut.

Eins gilt aber auch als si­cher: Ha­fez Al-As­sad – „Fuchs des Na­hen Os­tens“ (von vie­len so ge­nannt – his­to­ri­sche Tex­te von Staats­män­nern) – gilt bis heu­te nicht nur als Va­ter von Bas­har Al-As­sad, son­dern auch all­ge­mein als Va­ter Sy­ri­ens. Er ist mehr als nur an­er­kannt und wird re­spek­tiert.

Ihr merkt al­so: In Sy­ri­en wür­det ihr auf ganz an­de­re Mei­nun­gen und Rea­li­tä­ten sto­ßen als hier­zu­lan­de.

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Sy­ri­en (Wi­ki­pe­dia)

Von der Ago­nie Sy­ri­ens bis ans En­de der Welt?

Au­tor: Ma­n­af Has­san (Gast­bei­trag, mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung)

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