Ter­ror­an­schlag Weih­nachts­markt Ber­lin 2016

Am 19. De­zem­ber 2016 ka­men bei ei­nem is­la­mis­ti­schen Ter­ror­an­schlag auf den Weih­nachts­markt an der Ge­dächt­nis­kir­che auf dem Breit­scheid­platz in Ber­lin Char­lot­ten­burg ins­ge­samt 12 Men­schen ums Le­ben. Mit ei­nem zu­vor ge­raub­ten LKW fuhr der At­ten­tä­ter Anis Am­ri in die Men­ge der Be­su­cher, die sich auf dem Weih­nachts­markt auf­hielt. Da­bei ka­men 11 Men­schen zu To­de und über 50 Men­schen wur­den z.T. schwer ver­letzt. Zu­vor hat­te Am­ri be­reits den pol­ni­schen LKW-Fah­rer er­schos­sen, um sich des LKW’s zu be­mäch­ti­gen. Der flüch­ti­ge At­ten­tä­ter wur­de we­ni­ge Ta­ge spä­ter in Mai­land von ei­nem Po­li­zis­ten er­schos­sen.

Lkw-An­schlag in Ber­lin: Die Er­eig­nis­se zu­sam­men­ge­fasst – spie­geltv, 1:44 min

Au­gen­zeu­gen schil­dern ih­re Ein­drü­cke – spie­geltv, 1:01 min

Staats­ver­sa­gen am Breit­scheid­platz

‘Staats­ver­sa­gen am Breit­scheid­platz’ – Do­ku des Ver­la­ges ‘Jun­ge Frei­heit’, 14:16 min

Of­fe­ner Brief der Hin­ter­blie­be­nen an Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel

Knapp ein Jahr nach dem At­ten­tat wand­ten sich Hin­ter­blie­be­ne der Op­fer mit ei­nem of­fe­nen Brief an Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel. Der of­fe­ne Brief im Wort­laut:

Sehr ge­ehr­te Frau Bun­des­kanz­le­rin,

am 19. De­zem­ber 2016 er­schoss ein is­la­mis­ti­scher Ter­ro­rist in Ber­lin ei­nen pol­ni­schen LKW-Fah­rer, raub­te das Fahr­zeug und steu­er­te es in den Ber­li­ner Weih­nachts­markt am Breit­scheid­platz. Er er­mor­de­te da­bei wei­te­re elf Men­schen aus Is­ra­el, Ita­li­en, Tsche­chi­en, der Ukrai­ne und Deutsch­land. Mehr als 70 Per­so­nen wur­den – teil­wei­se sehr schwer – ver­letzt.

Wir, die Ver­fas­ser die­ses Brie­fes, sind Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge al­ler zwölf To­des­op­fer. Ei­ni­ge von uns ge­hö­ren auch selbst zu den Ver­letz­ten und Not­hel­fern am Breit­scheid­platz. Wir ha­ben uns nach dem An­schlag in ei­ner Grup­pe zu­sam­men­ge­schlos­sen und ste­hen mit­ein­an­der in Kon­takt. Wir tei­len un­se­re Trau­er, ver­su­chen uns ge­gen­sei­tig so gut es geht zu un­ter­stüt­zen und in­for­mie­ren uns über Ent­wick­lun­gen in der Po­li­tik und den Me­di­en.

Wir neh­men in den Mo­na­ten seit dem An­schlag viel­fäl­ti­ge Miss­stän­de wahr und ha­ben uns nun ent­schie­den, uns mit die­sem Brief di­rekt an Sie, Frau Bun­des­kanz­le­rin, zu wen­den. Die Miss­stän­de be­tref­fen so­wohl die man­gel­haf­te An­ti-Ter­ror-Ar­beit in Deutsch­land als auch den Um­gang mit uns als Op­fer und Hin­ter­blie­be­ne.

Wäh­rend si­cher­lich kein Land der Welt ab­so­lu­te Si­cher­heit vor ter­ro­ris­ti­schen An­schlä­gen ge­währ­leis­ten kann, man­gelt es in Deutsch­land an grund­le­gen­der Pro­fes­sio­na­li­tät im Um­gang mit dem Ter­ro­ris­mus. Durch die Ar­beit von in­ves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­ten so­wie des Un­ter­su­chungs­aus­schus­ses in NRW und des Son­der­be­auf­trag­ten des Se­nats von Ber­lin, Bru­no Jost, sind mitt­ler­wei­le Fehl­leis­tun­gen der An­ti-Ter­ror-Ar­beit in Deutsch­land ans Licht ge­kom­men, die als alar­mie­rend ein­zu­stu­fen sind.

Da­zu kom­men­tier­te Claus Kle­ber im ZDF “heu­te jour­nal” am 12. Ok­to­ber 2017: “Das Er­schre­cken­de ist, dass es zu spät ist, man kann die Feh­ler nicht mehr kor­ri­gie­ren. Aber zwölf Men­schen könn­ten noch le­ben, 70 Ver­letz­te un­ver­sehrt sein, wenn Be­hör­den, al­len vor­an die Lan­des­kri­mi­nal­be­hör­den von NRW und Ber­lin, ih­ren Hin­tern hoch be­kom­men hät­ten, wenn dort nicht ka­ta­stro­pha­le Zu­stän­de ge­herrscht hät­ten. Das ist auch in die­ser dras­ti­schen For­mu­lie­rung das Er­geb­nis des Son­der­er­mitt­lers Jost.”

Der Ter­ro­rist, der den An­schlag am Breit­scheid­platz ver­übt hat, ist un­ter vie­len Mi­gran­ten zu Be­ginn der Flücht­lings­kri­se nach Deutsch­land ge­kom­men, hat viel­fach Asyl be­an­tragt, war als ei­ner der Top-Ge­fähr­der be­kannt und ist auch vor dem An­schlag be­reits mehr­fach straf­fäl­lig ge­wor­den. Sei­ne Fin­ger­ab­drü­cke zur elek­tro­ni­schen Iden­ti­fi­zie­rung wur­den – wie die der meis­ten Flücht­lin­ge – mehr­fach gar nicht oder erst mit gro­ßer Ver­zö­ge­rung aus­ge­wer­tet. Als Top-Ge­fähr­der in der Bun­des­haupt­stadt wur­de er nur ge­le­gent­lich und nur an Werk­ta­gen und nie nachts ob­ser­viert, ob­wohl be­kannt war, dass er ge­werbs­mä­ßi­gen Dro­gen­han­del be­trieb. Mög­lich­kei­ten zur Ab­schie­bung wur­den ver­passt. Es herrsch­te ein Kom­pe­tenz­cha­os zwi­schen Lan­des­kri­mi­nal­äm­tern (LKAs) ver­schie­de­ner Bun­des­län­der, dem Bun­des­kri­mi­nal­amt (BKA) und wei­te­ren cir­ca 50 Be­hör­den, de­ren ge­naue Auf­ga­ben kaum ab­ge­grenzt wer­den kön­nen und die ihn be­tref­fen­de In­for­ma­tio­nen nur äu­ßerst man­gel­haft aus­tausch­ten.

Frau Bun­des­kanz­le­rin, der An­schlag am Breit­scheid­platz ist auch ei­ne tra­gi­sche Fol­ge der po­li­ti­schen Un­tä­tig­keit Ih­rer Bun­des­re­gie­rung. In ei­ner Zeit, in der die Be­dro­hung durch is­la­mis­ti­sche Ge­fähr­der deut­lich zu­ge­nom­men hat, ha­ben Sie es ver­säumt, recht­zei­tig den Res­sour­cen­aus­bau und die Re­for­mie­rung der wir­ren be­hörd­li­chen Struk­tu­ren für die Be­kämp­fung die­ser Ge­fah­ren vor­an­zu­trei­ben.

Wir for­dern Sie drin­gend auf, die vor­han­de­nen De­fi­zi­te so schnell wie mög­lich zu be­sei­ti­gen. Sie sind in der Ver­ant­wor­tung, die für die Be­kämp­fung des Ter­rors er­for­der­li­chen Res­sour­cen im Bund mit Prio­ri­tät be­reit­zu­stel­len. Aber auch die Län­der müs­sen ih­re Struk­tu­ren aus­bau­en und mit Ih­nen ge­mein­sam an ei­ner Ent­wir­rung der be­hörd­li­chen Struk­tu­ren ar­bei­ten. Es darf künf­tig nicht mehr zu so gra­vie­ren­den Pro­ble­men in der Ko­or­di­na­ti­on kom­men. Ge­ra­de im Fal­le des At­ten­tä­ters vom Breit­scheid­platz sind dies­be­züg­lich ekla­tan­te Miss­stän­de of­fen­bar ge­wor­den, die so nicht wei­ter to­le­riert wer­den kön­nen.

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