Wie die Tür­ken nach Deutsch­land ka­men

VW-Werk, Wolfsburg Gastarbeiter

Kol­le­ga

Die er­s­te Ge­ne­ra­ti­on der Ein­wan­de­rer aus der Tür­kei kam seit 1961 auf­grund ei­nes An­wer­be­ab­kom­mens zwi­schen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und der Tür­kei nach West­deutsch­land. Da­bei han­del­te es si­ch im klas­si­schen Sin­ne um Gast­ar­bei­ter, denn ein dau­er­haf­ter Auf­ent­halt im Gast­land war zu­nächst nicht vor­ge­se­hen. Es ka­men vor­wie­gend ein­fa­che Män­ner aus ar­men, bäu­er­li­ch-länd­li­ch ge­präg­ten Re­gio­nen wie Ana­to­li­en, die den Auf­ent­halt in Deutsch­land als Chan­ce be­trach­te­ten, Geld zu ver­die­nen, um ih­re Fa­mi­lie da­heim zu ver­sor­gen und si­ch viel­leicht spä­ter da­mit in der Hei­mat et­was auf­zu­bau­en.

Bei di­ver­sen Fa­brik-Jobs hat­te ich mit et­li­chen von ih­nen zu tun. An­stän­di­ge, flei­ßi­ge und kol­le­gia­le Män­ner. Auf­grund der Tren­nung von zu Hau­se und der hier feh­len­den Fa­mi­lie fühl­ten sie si­ch im Pri­vat­le­ben al­ler­dings oft ein­sam und träum­ten das gan­ze Jahr über vom Ur­laub da­heim.

Fa­mi­li­en­nach­zug

Mit den Jah­ren ge­wöhn­te man si­ch an das Le­ben in Deutsch­land und vor al­lem das ver­gleichs­wei­se gu­te und ge­si­cher­te Ein­kom­men und bei vie­len kam der Wunsch auf, si­ch für län­ge­re Zeit oder gar auf Dau­er hier­zu­lan­de nie­der­zu­las­sen und die Fa­mi­lie nach­zu­ho­len. Auch für die Kin­der könn­ten si­ch ja hier in­ter­es­san­te Per­spek­ti­ven für Aus­bil­dung & Be­ruf er­ge­ben.

Mit dem Fa­mi­li­en­nach­zug be­gan­nen dann aber auch die Pro­ble­me, weil da­mit nun ver­stärkt Kul­tur und fa­mi­liä­re Tra­di­tio­nen auf den Prüf­stand ka­men. Et­li­che tür­ki­sche Fa­mi­li­en schätz­ten die auf­ge­klär­te Le­bens­art ih­rer neu­en Hei­mat und as­si­mi­lier­ten si­ch weit­ge­hend, oft be­för­dert durch die Kin­der, die si­ch auf­grund der west­li­chen Ein­flüs­se und Frei­zü­gig­keit hier von fa­mi­liä­ren und kul­tu­rel­len Tra­di­tio­nen eman­zi­pier­ten. An­de­re wähl­ten ei­nen Mit­tel­weg und ver­such­ten, das Be­s­te aus bei­den Wel­ten mit­ein­an­der zu ver­bin­den und zu ver­söh­nen, Auf­klä­rung & In­stinkt, Ver­nunft und Tra­di­ti­on. Et­li­che aber blie­ben auch stark tra­di­tio­nell ge­prägt. Vor al­lem vie­le Frau­en nah­men nicht zu­letzt auf Wunsch ih­rer Män­ner kaum am ge­sell­schaft­li­chen Le­ben teil und die Töch­ter wur­den – oft­mals zu ih­rem Leid­we­sen – von ei­ner Teil­nah­me ab­ge­hal­ten. Die­se fa­mi­lä­re Ab­schot­tung be­hin­der­te In­te­gra­ti­on und Ver­stän­di­gung.

Deutsch­kurs für Tür­ken – La­dy­kra­cher (Sa­ti­re)

Die im­mer wei­ter an­wach­sen­de tür­ki­sche Com­mu­ni­ty – oft­mals im We­sent­li­chen auf ei­ni­ge we­ni­ge städ­ti­sche Be­zir­ke kon­zen­triert, in de­nen es auch für grö­ße­re Fa­mi­li­en no­ch er­schwing­li­chen Wohn­raum gab – bei zu­gleich re­la­tiv ge­rin­ger ge­sell­schaft­li­cher Teil­ha­be ins­be­son­de­re der weib­li­chen Fa­mi­li­en­mit­glie­der, führ­te zu­neh­mend zur Aus­bil­dung von Un­gleich­ge­wich­ten und par­al­le­len Struk­tu­ren. Dar­über hin­aus kam es häu­fig zu Span­nun­gen zwi­schen ein­hei­mi­schen und tür­ki­schen männ­li­chen Ju­gend­li­chen und jun­gen Män­nern auf­grund von Ri­va­li­tä­ten und Kon­kur­renz um ein­hei­mi­sche Mäd­chen und Frau­en. Denn ein Groß­teil der tür­ki­schen Mäd­chen mus­s­te ja da­heim blei­ben und war so­mit auf dem Part­ner­schafts­markt gar nicht ver­tre­ten.

Die hin­ter­trie­be­ne In­te­gra­ti­on

Dies und an­de­res wie das im­mer ex­tre­mer auf Pro­fit, Leis­tung & Kon­sum ori­en­tier­te ge­sell­schaft­li­che & wirt­schaft­li­che Le­ben, ver­que­re kul­tu­rell- fe­mi­nis­ti­sche Ab­sur­di­tä­ten wie das ein­di­men­sio­na­le, ei­ne we­sens­mä­ßi­ge Gleich­heit der Ge­schlech­ter pro­pa­gie­ren­de kon­struk­ti­vis­ti­sche Gen­der-Kon­zept so­wie der an­ti-deut­sche Selbst­hass et­li­cher Links­in­tel­lek­tu­el­ler ‘Rot-Grü­ner’, der die ei­ge­ne Iden­ti­tät und Kul­tur ver­ach­te­te und da­mit re­gel­recht zur Nicht-In­te­gra­ti­on er­mun­ter­te (-> Dop­pel­pass), auf der an­de­ren Sei­te ex­ter­ne Ein­flüs­se wie Ima­me aus der Tür­kei, zu re­li­giö­sen Zwecken ge­spen­de­te Geld­er aus dem erz­kon­ser­va­ti­ven Ara­bi­en, spä­ter dann auch po­li­ti­sch-re­li­giö­ser Fa­na­tis­mus bis hin zum Ter­ro­ris­mus führ­ten zu ei­ner zu­neh­men­den Dis­tanz zum Gast­land, ge­rin­ge­ren be­ruf­li­chen und ge­sell­schaft­li­chen Per­spek­ti­ven und schließ­li­ch zu dem re­li­giös ge­präg­ten Back­lash, den wir in­zwi­schen er­le­ben.

Gü­ner Bal­ci und Hans-Chris­ti­an Srö­be­le bei Maisch­ber­ger

Man muss da­bei zu­dem be­den­ken, dass je­de Kul­tur Licht- und Schat­ten­sei­ten hat. Die west­li­che Kon­sum­ori­en­tie­rung und Se­xua­li­sie­rung des ge­sell­schaft­li­chen Le­bens, die Auf­lö­sung fa­mi­liä­rer Bin­dun­gen und die da­mit ins­ge­samt zu­neh­men­de Ent­frem­dung der Men­schen und Ent­per­sön­li­chung der Be­zie­hun­gen, die si­ch im­mer wei­ter auf­tu­en­de Sche­re zwi­schen Arm & Reich und die si­ch ver­tie­fen­de Kluft zwi­schen Eli­ten und dem ge­mei­nen Volk und wei­te­res mehr stel­len gra­vie­ren­de Pro­ble­me und Män­gel des west­li­chen Le­bens­sti­les und der west­li­ch ge­päg­ten Ge­sell­schaf­ten dar wie das Aus­blen­den von oder die Ver­wei­ge­rung ge­gen­über ver­nünf­ti­gen Ein­sich­ten, Er­kennt­nis­sen oder Re­geln ei­nes fai­ren Mit­ein­an­ders im Sin­ne von Ge­ben und Neh­men.

Der ak­tu­el­le, völ­lig un­ge­re­gel­te und ge­ra­de­zu ma­so­chis­ti­sch- fa­ta­lis­ti­sch er­dul­de­te oder so­gar ins­ge­heim be­för­der­te Mas­sen­an­sturm hun­dert­tau­sen­der, oft­mals kon­ser­va­tiv-ar­chai­sch ge­präg­ter, kul­tu­rell ent­wur­zel­ter oder un­ter schwie­rigs­ten Be­din­gun­gen so­zia­li­sier­ter und nicht sel­ten trau­ma­ti­sier­ter jun­ger, mus­li­mi­scher Män­ner (meist oh­ne ih­re Schwes­tern, die ein­mal mehr da­heim blei­ben müs­sen) nach D mit Ge­fah­ren, Be­dro­hun­gen & Be­las­tun­gen al­ler­lei Art für Ein­hei­mi­sche eben­so wie für Mi­His führt zu ei­ner wei­te­ren Po­la­ri­sie­rung. Al­te Wun­den bre­chen auf, neue wer­den ge­schla­gen. So­gar gut in­te­grier­te und längst eta­blier­te Men­schen mit Mi­Hi ge­ra­ten da­bei bis­wei­len un­ter Druck, Stel­lung zu be­zie­hen und si­ch für ei­ne der Sei­ten zu ent­schei­den, statt ei­ne mo­de­ra­te Po­si­ti­on in der Mit­te bei­zu­be­hal­ten.

[Bei­trag ak­tua­li­siert: 2017-03-21]

Ti­tel­bild: Bun­des­ar­chiv, B 145 Bild-F038815-0012 / Schaa­ck, Lo­thar / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de], via Wi­ki­me­dia Com­mons

1 Kommentar zu "Wie die Tür­ken nach Deutsch­land ka­men"

  1. Die Grün­de für die An­wer­be­ab­kom­men mit der Tür­kei und die zu­vor mit Ita­li­en, Spa­ni­en und Grie­chen­land und spä­ter mit Por­tu­gal be­ruh­ten u.a. auf dem Wunsch die­ser Län­der nach De­vi­sen. Die Deut­sche Wirt­schaft flo­rier­te be­reits 10 Jah­re nach dem En­de des 2. Welt­krie­ges wie­der.

    “Durch die De­vi­sen, die die Gast­ar­bei­ter in ih­re Hei­mat­län­der über­wie­sen, soll­te der ei­ge­ne De­vi­sen­man­gel zu­min­dest ge­dämpft wer­den. Au­ßer­dem wür­de da­durch die drü­cken­de ne­ga­ti­ve Han­dels­bi­lanz teil­wei­se aus­ge­gli­chen. Ein wei­te­rer wich­ti­ger As­pekt war die Ent­las­tung des ei­ge­nen Ar­beits­mark­tes. Zu­sätz­li­ch er­hoff­ten si­ch die Ent­sen­del­än­der, dass die Gast­ar­bei­ter in Deutsch­land mit mo­der­nen Pro­duk­ti­ons­me­tho­den ver­traut wür­den und die­ses Wis­sen auch in ih­ren Hei­mat­län­dern ein­brin­gen wür­den.”

    Die wirt­schaft­li­che und ge­sell­schaft­li­che Sta­bi­li­tät der Ent­sen­del­än­der lag nicht zu­letzt auch im In­ter­es­se der NA­TO, für die die Tür­kei, Grie­chen­land und Ita­li­en Boll­wer­ke ge­gen den Kom­mu­nis­mus dar­stell­ten.

    https://​www​.un​zen​su​riert​.at/​c​o​n​t​e​n​t​/​0​0​2​5​5​3​-​T​-​r​k​i​s​c​h​e​-​G​a​s​t​a​r​b​e​i​t​e​r​-​k​a​m​e​n​-​a​u​f​-​D​r​u​c​k​-​d​e​r​-​USA

    Dar­über hin­aus gibt es auch die Ver­mu­tung, dass Deutsch­land durch den Zu­zug von Aus­län­dern he­te­ro­ge­ni­siert und da­mit das ‘Ri­si­ko Deutsch­land’, das als ag­gres­siv und be­droh­li­ch emp­fun­de­ne ‘deut­sche We­sen’ ent­schärft und ‘ver­dünnt’ wer­den soll­te. Al­so ge­wis­ser­ma­ßen ein mo­de­rier­tes Auf­grei­fen der Ide­en von Hoo­ton, Kauf­man oder Mor­gent­hau.

    https://​www​.welt​.de/​p​r​i​n​t​-​w​e​l​t​/​a​r​t​i​c​l​e​4​2​3​1​7​0​/​R​i​s​i​k​o​-​D​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​-​J​o​s​c​h​k​a​-​F​i​s​c​h​e​r​-​i​n​-​B​e​d​r​a​e​n​g​n​i​s​.​h​tml

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